Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
10. Februar 2012
"Amerikaner ticken anders"
Der Amerika-Experte Christoph von Marschall erklärt Bad Krozinger Gymnasiasten den Präsidentschafts-Wahlkampf in den USA.
BAD KROZINGEN. Das Umfrageergebnis ist vernichtend: Nicht einer der potentiellen Präsidentschaftskandidaten, die in den USA für die Republikaner antreten wollen, hat die geringste Chance, Barack Obama aus dem Amt zu heben. Zumindest, wenn es nach den Schülerinnen und Schülern des Kreisgymnasiums Bad Krozingen geht, die zum Vortrag des USA-Korrespondenten Christoph von Marschall gekommen waren. Einen Republikaner wählen? Kommt für sie nicht in Frage.
Doch "Amerikaner ticken anders als die Europäer", erklärt Marschall seinem jugendlichen Publikum. Er muss es wissen, denn seit 2005 ist er als Auslandskorrespondent für den Berliner Tagesspiegel in den Vereinigten Staaten tätig. Der gebürtige Freiburger, der schon mehrere Bücher über Barack Obama und seine Frau Michelle veröffentlicht hat, ist überzeugt: Amerikaner wählen nicht so, wie es Europäer erwarten.Überhaupt läuft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gar manches anders. Alleine in Iowa – jenem Ort, wo sich bei den Caucuses (Vorwahlen), die republikanischen Aspiranten auf das Präsidentenamt zwischen Kürbissen, in Butter gebackenen Truthahnkeulen und Heuballen präsentieren und inszenieren, etwa Rick Santorum, Vater von sieben Kindern und entschiedener Gegner von Homo-Ehen. Oder der 76-jährige Arzt Ron Paul, der Abtreibungen auch nach Vergewaltigungen verteufelt – Weltanschauungen, die manchen Schüler doch erstaunen lassen. "So was wie Ron Paul dürfte es hier gar nicht geben", meint auch von Marschall. Und erntet keinen Widerspruch. Und dann wäre da noch der "Flip-Flopper" Mitt Romney. "Flip-Flopper"? "Das ist jemand, der ständig seine Meinung ändert", erklärt der Journalist.
Werbung
Bei solch einer Konkurrenz müsste es doch für Obama ein Leichtes sein, wiedergewählt zu werden. Doch die Amerikaner sehen das offensichtlich anders. "Obama tut zu viel oder das Falsche." Das sei die vorherrschende Meinung in den USA. Denn während hierzulande die Verdienste des Präsidenten um die Gesundheitsreform anerkannt würden oder sein Gesetz, das bekennenden Homosexuellen den Militärdienst erlaubt, nicht in Frage gestellt werde, sehe die Sache in den USA anders aus. Denn die Amerikaner wünschten sich einen wirtschaftspolitischen Präsidenten, der sie zurück in die Normalität führt, erklärt von Marschall. Eine Arbeitslosenquote von 8,5 Prozent empfänden die Amerikaner schlicht als inakzeptabel. So etwas hat es dort noch nie gegeben; das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit sei bisher eine "europäische Krankheit" gewesen. "Die Amerikaner wollen keinen Präsidenten, der mit seinen Reformen in den Geschichtsbüchern verewigt wird, sondern einen, der sie aus der Wirtschaftskrise herausführt", bringt es der Journalist auf den Punkt. Kurzum: "Obamas Verdienste werden im eigenen Land nicht sehr hoch angesehen." Die Wirtschaftskrise macht also dem einst gefeierten Politstar das Leben derzeit nicht leicht. Zwei Drittel der amerikanischen Bevölkerung seien überzeugt: Die Richtung, die Obama eingeschlagen hat, ist falsch.
"Warum hat Obama dennoch eine Chance auf Wiederwahl?" fragt von Marschall. Und liefert die Antwort gleich mit: Es muss erst mal jemand da sein, den man lieber hat." Wenn so jemand nicht in Sicht sei, dann wählen auch die Amerikaner lieber das bekannte Übel. Denn die Republikaner, die die Mehrheit im Kongress haben, seien seit 2010 so unbeliebt wie noch nie – also nicht gerade eine positiv besetzte Alternative. Weshalb Obama trotz seiner schlechten Umfragewerte doch noch eine zweite Amtszeit antreten könnte.
Wer ist denn nun schuld an der Wirtschaftskrise in den USA, will ein Schüler wissen. Neben bekannten Fakten wie die hemmungslose Förderung von Wohneigentum – "70 Prozent Wohneigentum gibt es in den USA" – sei der Grundstein der ganzen Misere schon unter der Regierung von George W. Bush gelegt worden, so von Marschall. Apropos Bush: "Der konnte einen ganzen Saal mit guten Witzen unterhalten," erzählt er. By the way: "Im Weißen Haus arbeitet keiner daran, den Euro klein zu kriegen" räumt von Marschall mit einer hierzulande durchaus gängigen Verschwörungstheorie auf.
Nicht nur als Input für das nahende Abitur war der Vortrag, den die Gymnasiasten dem Bildungswerk Freiburg der Konrad Adenauer Stiftung zu verdanken hatten, interessant. Prägnant und unterhaltsam gelang es Christoph von Marschall, die politische Stimmung in den USA anschaulich so wiederzugeben, wie er sie täglich erlebt. Kein Wunder, dass sich manche Schüler eifrig Notizen machten – schließlich gibt es nicht jeden Tag Gelegenheit, interessante Informationen und Geschichten aus erster Hand zu bekommen.
Eine Frage drängte sich jedoch noch förmlich auf: "Wen würden Sie wählen?", erkundigte sich eine Schülerin bei Christoph von Marschall. Der hält schlicht ein T-Shirt hoch. Mit der Aufschrift: "Yes, we did, Obama." Damit ist eigentlich alles gesagt.
ZUR PERSON
Christoph von Marschall ist 1959 in Freiburg geboren und in Frankfurt aufgewachsen. Er studierte in Freiburg, Mainz und Krakau Geschichte und schrieb während seiner Studienzeit in Freiburg auch für die Badische Zeitung. Von Marschall arbeitete für Die Zeit und für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, ehe er 1991 zum Berliner Tagesspiegel wechselte, für den er seit 2005 als Auslandskorrespondent in den USA unterwegs ist. Von ihm stammt unter anderem das Buch "Was ist mit den Amis los? Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben", das im Verlag Herder erschienen ist.
Autor: bz
Autor: Ute Wehrle


