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30. März 2011

Empfindungsreich statt affektiert

Musik und Sprache rund um einen Bach-Sohn: Schlosskonzert mit Michael Biehl und Jasmin Busch.

  1. Ausdrucksvoll: Michael Biehl und Jasmin Busch Foto: Hans Jürgen Kugler

BAD KROZINGEN. Musik ist eine universelle Sprache. Und Sprache, besonders die der Lyrik, kann überaus musikalisch sein, das weiß nicht nur der Opernfreund. Im Schlosskonzert am Sonntag demonstrierte der Schweizer Cembalist und Fritz-Neumeyer-Preisträger Michael Biehl in einem gemeinsamen Projekt mit der Staufener Schauspielerin Jasmin Busch auf eindrucksvolle und unterhaltsame Weise, wie man beide Ausdrucksformen miteinander kombinieren kann.

Jasmin Busch rezitierte zu passenden Musikstücken des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel Dichtungen von Zeitgenossen wie Klopstock, Lessing, Matthias Claudius und anderen. In ihrem lebendigen und ausdrucksvollen Vortrag konnte sie das schmachtende junge Mädchen genauso überzeugend verkörpern wie sie den ebenso alten wie eitlen Hagestolz in seiner polternden Entrüstung wettern ließ, den es vergeblich nach jungem Blut gelüstete.

Mithilfe der Sprache lässt sich natürlich auch trefflich über Musik in allen ihren Erscheinungsformen streiten. In einem Brief an seinen Auftraggeber beschwert sich der Dichter und Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voss über die empfindsame "neue" Musik von Carl Philipp Emanuel Bach. Dieser lasse "die Affekte nicht genug ineinander zerfließen", spiele zwar virtuos, aber auch etwas beliebig. Ein zauberhaftes Andantino in C-Dur des so Gescholtenen bewies den Zuhörern, das nicht jedes ästhetische Urteil eines Klassikers von ewigem Bestand sein muss.

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Auch Matthias Claudius ("Der Mond ist aufgegangen") konnte sich nicht immer mit der Musik von Carl Philipp Emanuel Bach anfreunden: "Sie fällt hinein ins Ohr und füllt es aus, lässt aber das Herz leer." Der ausdrucksstarke und fein nuancierte Vortrag von Michael Biehl widerlegte auf dem Hammerflügel eindrucksvoll das Urteil des Dichters.

Vielleicht war der seinerzeit als "Feuerkopf" verschriene Carl Philip Emanuel Bach seiner Zeit einfach einen Tick voraus. Denn er hielt sich nicht länger an die barocke Affektenlehre, nach der jeder menschlichen Empfindung eine bestimmte musikalische Form und sogar die entsprechende Tonart zugeschrieben werden konnte. Bachs Musik des sogenannten "empfindsamen Stils" war weniger regelhaft, dafür gefühlsbetonter und sollte den Hörer unmittelbar und direkt berühren.

Einen lebendigen Nachhall dieser fruchtbaren Auseinandersetzung mit den Werken der zeitgenössischen Dichter gewährten die Künstler an diesem Nachmittag in der Vereinigung des ausdrucksvollen Vortrags Jasmin Buschs und der nuancierten musikalischen Interpretation des Zürcher Cembalisten Michael Biehl. Und ganz im Sinne dieses eben nicht affektierten, sondern empfindungsreichen Lebensgefühls der damaligen Zeit verklingt die Musik und hinterlässt eine nicht näher fassbare Wehmut, die Klopstock mit der Wehmut verglich, "mit der Orpheus seiner Euridice nachgesehen" habe.





Autor: Hans Jürgen Kugler