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10. Februar 2010
Mahnung, äußerst wachsam zu sein
Was es hieß, im Dritten Reich ein Halbjude zu sein: Eberhard Freise las im Kreisgymnasium aus seinem Buch "Der Mischling".
BAD KROZINGEN. Mit einer Lesung aus seinem autobiographischen Roman "Der Mischling" erteilte Eberhard Freise Schülern des Kreisgymnasiums eine zeitgeschichtliche Lektion und die Jugendlichen, darunter auch eine Klasse der Heitersheimer Realschule, hörten atemlos zu. Von dem Politologen und Publizisten erfuhren sie, was es hieß, im sogenannten Dritten Reich ein "dreckiger Mischling", ein Halbjude zu sein. Und mit neun Jahren für immer von der Mutter getrennt zu werden.
Die Lesung kam in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung zustande, die im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus alljährlich um den 27. Januar herum unterschiedliche Veranstaltungen organisiert. Um junge Menschen zur Beschäftigung mit dem Holocaust zu bewegen, hat die politische Stiftung zudem den Jugendwettbewerb "DenkTag im Internet" entwickelt. Mit seiner Präsenz wollte der Zeitzeuge Freise (Jahrgang 1933) zeigen, "wie Menschen miteinander umgehen und was Menschen aus Menschen machen", und zugleich mahnen, wachsam zu sein und neofaschistischen Tendenzen und antisemitischen Hetzparolen entgegen zu treten.Werbung
Der Schmerz über den Verlust der 1942 in Auschwitz ermordeten Mutter, das Gefühl des Verlassenseins mit der Folge von Beziehungsstörungen zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und begleitete den Autor eine lange Strecke seines Lebens. Beinahe hätte es im Selbstmord geendet, den ein zufällig auftauchender Kommilitone vereiteln konnte.
Der Roman mit seinen 39 Episoden spielt in den Kriegs- und Nachkriegsjahren an ostdeutschen Schauplätzen wie Weimar, Leipzig oder Erfurt, erzählt von Verfolgung, Bombenangriffen, Nazirepressalien und DDR-Indoktrination. Eberhard Freise, alias Ebel Sasse, wie er sich in seinem Buch nennt, schildert darin auch den miterlebten Juni-Aufstand 1953.
Der Vater des Schriftstellers war als Sohn eines preußischen Gutsbesitzers von seiner Sippe wegen der Verbindung mit Ebels Mutter verstoßen worden und hatte 1939 auf der Grundlage der Nürnberger Rassegesetze die Ehe aufheben lassen. Mit der Mutter lebte das Kind zunächst versteckt auf dem Land, bis sie plötzlich verschwand. Die Wahrheit über ihr Verschwinden wurde Ebel, der dann in Pflegefamilien groß wurde, verheimlicht, bis ihm die Sterbeurkunde der zärtlich geliebten Mutter in die Hände fiel. Vergeblich hatte also der Vater mit einem Bittbrief an Hitlers Stellvertreter Hermann Göring, in dem er seine Frau aus Verzweiflung sogar als Judenhasserin verleumdete, Ebels Mutter vor der Deportation zu bewahren gesucht.
Nach der Lesung machte sich in der Aula zunächst Sprachlosigkeit breit. Nur zögernd kamen einige Fragen. Was denn mit den Verwandten mütterlicherseits geschehen sei? Nüchtern berichtete Freise, dass sich die Großeltern am Elbufer das Leben genommen und von der Flut haben wegtragen lassen. Onkel und Tante hätten sich selbst vergast. "Wie fühlen sie sich jetzt, wenn sie darüber reden?" Langsam verflüchtige sich der Schrecken und es gelinge ihm, die Worte intellektuell rüber zu bringen, so der Publizist und einstige "Spiegel"-Redakteur. "Aber die Traurigkeit kommt doch noch oft hoch." Was er damals als Kind, noch ohne es zu verstehen, beobachtet hat, lässt ihn heute mit Nachdruck festhalten, ihm könne keiner erzählen, damals nichts gewusst zu haben. Die Demokratie erscheint ihm noch nicht stabil genug, um einem "neofaschistischen Anlauf" widerstehen zu können.
"Wenn einer in die Ecke gestellt, gequält oder durch den Kakao gezogen wird - da fängt es an", gab die stellvertretende Schulleiterin Helga Maier-Garlipp abschließend den Jugendlichen zu bedenken und sprach sich für ein Projekt zum Thema Holocaust an der Schule aus.
Autor: Dorothee Möller-Barbian
