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07. Februar 2012 14:58 Uhr
Wenn der Computer zu Mozart wird
Mathematik zum Anfassen: Das Mathematikum in Bad Krozingen lässt keinerlei Berührungsängste aufkommen
BAD KROZINGEN. Warum kann Mathe-Unterricht nicht immer so sein? Statt stillzusitzen und kryptische Formeln von der Tafel abzuschreiben, ist im Mathematikum, das derzeit im Bad Krozinger Kurhaus zu Gast ist, Bewegung und Mitmachen angesagt. 20 Experimente zeigen, dass Mathematik allgegenwärtig ist. Für Knoten im Gehirn sorgt das nicht: Bei der Ausstellung, die noch bis Sonntag zu sehen ist, steht eindeutig das Spielerische im Vordergrund.
Aus einer Ecke des kleinen Kursaals, wo die Exponate des Mathematikums aufgebaut sind, klingt ein Klavierstück, das von Wolfgang Amadeus Mozart stammen könnte. Tatsächlich aber ist es in diesem Augenblick ganz frisch komponiert worden – und zwar von einem Computer. Den haben zuvor zwei Achtklässlerinnen mit Zahlen gefüttert, die sie vor dem Bildschirm mit ganz normalen Spielwürfeln ausgewürfelt haben. Daraus komponiert der Rechner im wahrsten Sinne des Wortes – das lateinische componere bedeutet ursprünglich ja nicht anderes als "zusammensetzen". Dass die mehrstimmigen Stücke, die der Rechenknecht auf diese Weise jeweils austüftelt, genau so schon einmal zu hören waren, ist relativ unwahrscheinlich: Rein rechnerisch sind 45 949 729 900 000 000 Varianten möglich – eine gewaltige Zahl.
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Verblüffende Erkenntnisse sind das Eine beim Mathematikum – zum Beispiel die, dass eine Kugel abwärts auf einer gebogenen Bahn schneller unterwegs ist als auf einer geraden, obwohl Letztere doch deutlich kürzer zu sein scheint. Oder die Beobachtung, dass man auch mit eckigen Rädern, bei einer entsprechenden Konstruktion, eine ruhige Fahrt haben kann. Das andere, zentrale Element dieser Ausstellung ist das Ausprobieren, das Tüfteln, das Knobeln. Viele Experimente sind Rätsel und Puzzles mit einem speziellen mathematischen Hintergrund. So gilt es, am Knobeltisch aus verschiedenen Einzelteilen diverse geometrische Formen nachzubauen oder am Computer einen geheimen Code zu knacken. Und dann ist da noch die Einsicht, dass Mathe auch einfach nur schön sein kann: Zwischen speziell geformten Metalldrähten spannen sich Seifenblasen zu schillernden Minmalflächen auf.
Dass Mathematik in dieser Form keinerlei Berührungsängste mehr weckt, machten die Sechst- und Achtklässler aus der Bad Krozinger Max-Planck-Realschule deutlich, die sich am Montagmorgen zum Auftakt der Ausstellung in Windeseile auf die Experimente verteilten. Hier und dort galt es auch, körperlich aktiv zu werden: So zeichnet ein Computermonitor das Hin und Herhüpfen der Kinder entlang einer Linie auf dem Fußboden als Kurve in einem Koordinatensystem auf. Frei nach dem Motto: "Ich bin eine Funktion."
Der offizielle Leitspruch des Mathematikums, "Mathematik zum Anfassen", wird mit dieser Ausstellung, die von dem bekannten Mathematik-Pädagogen Albrecht Beutelspacher entwickelt wurde, zweifelsohne zum Leben erweckt. Wer etwas tiefer in die Materie einsteigen will, wird freilich zunächst einmal weitergehende Informationen vermissen, die erklären, was denn nun genau hinter den jeweiligen Experimenten steckt. Allerdings gibt es Begleitmaterial, etwa für Lehrer, oder ein Buch, das mit tiefer gehenden Erklärungen weiterhilft. Auch Anne Reckmann von der Kur und Bäder GmbH, die die Ausstellung in Bad Krozingen organisiert und betreut, hat sich etwas präpariert, falls Fragen auftauchen, und sich kompetente Unterstützung in Form eines Informatikstudenten gesichert. Auf die Ausstellung aufmerksam wurde Reckmann über eine Freundin, die Mathematik studiert. Und die hat ihr die Furcht schnell genommen, sie müsste als Ausstellungs-Organisatorin auch gleich zum Mathe-Genie werden. "Die meisten wollen erstmal gar nicht so genau wissen, was dahinter steckt, sondern vor allem ausprobieren und spielen", meint Anne Reckmann.
Dieser wenig Respekt einflößende, dafür umso verlockendere Zugang zu einer Materie, der viele Menschen sonst eher aus dem Weg gehen, dürfte der Grund für die Popularität des Mathematikums sein. Dass die Ausstellung nach Bad Krozingen kommt, hatte sich in den Schulen in der Region in Windeseile herumgesprochen, berichtet Anne Reckmann. Schnell waren die Termine für Schulklassen ausgebucht, nicht wenige kamen zu spät – und Reckmann vertröstet sie auf das kommende Jahr. Denn eine Wiederholung der Ausstellung haben die Organisatoren bei der Kur und Bäder GmbH offenbar schon anvisiert, bevor sie das erste Mathematikum im Kurort überhaupt eröffnet haben.
Das Mathematikum in Gießen wurde vom Mathematikprofesssor Albrecht Beutelspacher entwickelt und 2002 als das erste "mathematische Mitmach-Museum der Welt" eröffnet, das mit mehr als 150 Exponaten einen spielerischen und experimentellen Zugang zur Mathematik eröffnen soll. Das gleiche Konzept steckt hinter der Wanderausstellung, die zwischen 20 und 25 Exponate umfasst und bei der Zentrale in Gießen ausgeliehen werden kann. Das Mathematikum ist geeignet für Kinder ebenso wie für Erwachsene – völlig unabhängig vom Grad der mathematischen Vorbildung. Das Mathematikum im Bad Krozinger Kurhaus ist noch bis Sonntag, 12. Februar, geöffnet. Da die Vormittags- und Mittagsstunden für Schulklassen reserviert sind und diese Termine bereits alle ausgebucht sind, empfiehlt sich ein Besuch ab 15 Uhr. Geöffnet ist die Ausstellung bis 18 Uhr, der Eintritt kostet regulär 4 Euro pro Person. Informationen im Internet unter http://www.mathematikum.de und unter http://www.mathematikum-unterwegs.de
Autor: Alexander Huber


