"Mit dem Rücken zur Wand"

Dorothee Möller-Barbian

Von Dorothee Möller-Barbian

Do, 21. November 2013

Bad Krozingen

Solidarität ist gefragt: Podiumsdiskussion über den Pflegenotstand in der Bad Krozinger Kurseelsorge.

BAD KROZINGEN. Die Beschäftigten in der Pflege arbeiten am Limit, und die Stimmen, die vor einem Pflegenotstand warnen, werden immer lauter. Dementsprechend stellten sich im Rahmen der von den beiden großen Kirchen veranstalteten Südbadischen Sozialtage Fachleute in der Bad Krozinger Kurseelsorge die Frage, ob der Patient Pflege noch zu retten sei. Die mehrheitlich formulierte Antwort lautete: Nur solidarische Aktionen können etwas bewirken.

Auf dem Podium saßen Ursula Immenschuh, Professorin für Pflegepädagogik, Bernd Sahner, Verwaltungsdirektor des Universitäts-Herzzentrums Freiburg-Bad Krozingen, Günter Güner, Verwaltungsratsvorsitzender der AOK Baden-Württemberg, die Geschäftsführerin der Sozialstation Südlicher Breisgau, Waltraud Kannen und Ralf Lanwert, Betriebsratsvorsitzender der Theresienklinik. Der von Otto Maier (Katholische Arbeitnehmerbewegung) moderierte Abend warf ein grelles Licht auf die Defizite im Pflegebereich. Da war von unglaublichen Arbeitsbedingungen, von sinkender Arbeitsmoral bei grundsätzlich hoher Berufszufriedenheit und der Abwanderung qualifizierter Kräfte die Rede, von Perspektivlosigkeit oder auch von Patienten, die aus Zeitmangel auf der Toilette sitzend gewaschen werden.

Alarmierende Zahlen wie etwa diese wurden genannt: Einer Umfrage der Gewerkschaft Verdi zufolge klagen 93 Prozent der Beschäftigten über Erschöpfung, 62 Prozent gehen krank zur Arbeit; zwischen 1991 und 2010 reduzierte sich die Verweildauer im Krankenhaus von 14 Tagen auf 7,9 Tage; in deutschen Kliniken fehlen 70 000 Pflegekräfte. Mit der Folge, so Immenschuh, dass sich die Patientenversorgung verschlechtert habe und Behandlungsfehler passierten.

Die Professorin beklagte auch den Abbau von Ausbildungsplätzen und den vermehrten Einsatz von Pflegehilfskräften mit einem Anstieg zwischen 1999 und 2010 von 330 Prozent. Im Ausland sei der Pflegeberuf akademisiert. Ferner prangerte sie die schlechte Bezahlung (im Durchschnitt 2300 Euro) für hochqualifizierte Arbeit und Versäumnisse der Politik an. "Es wird teuer, wenn wir am Pflegepersonal sparen." Eine gerechte Vergütung galt allen Rednern als wichtiger Teil der Gesamtlösung.

"Wir verdrängen, was auf uns zukommt", argumentierte Waltraud Kannen. Immer mehr Menschen brauchten Unterstützung. Niemand wolle doch eine Zukunft, in der Pflegebedürftige im Robotersystem durch die Waschstraße geschoben werden. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", schilderte sie die Situation der Sozialstationen, von denen 60 Prozent defizitär arbeiteten.

Bernd Sahner stellte die "außerordentlich hohe Bedeutung der Pflege" heraus. Die Arbeitsbedingungen müssten zur Entlastung hochqualifizierter Kräfte etwa durch Neuverteilung von Aufgaben modifiziert und durch familienfreundliche Arbeitszeiten oder Kinderbetreuung verbessert werden. Eine gute Pflege sei das, was alle auf dem Podium eine, stellte Günter Güner fest und versicherte, die Krankenkassen säßen nicht auf dem Geldsack. Den Schwarzen Peter reichte er an die Politik weiter. Die trage die Verantwortung "wenn der Schlüssel nicht ausreicht." Die Krankenhausstruktur müsse im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit reorganisiert werden, was politischen Mut verlange. "Wir geben Geld aus für einen Mercedes und bekommen einen VW."

Gegen mehrfache Kritik am zeitraubenden Ausmaß der Dokumentationen für den Medizinischen Dienst der Krankenkassen wehrte sich Güner mit dem Hinweis auf die Pflicht, darauf zu achten, dass treuhänderisch verwaltete Gelder für gute Leistung ausgegeben werden. Gleichzeitig räumte er aber die Notwendigkeit ein, künftig die Dokumentationen an der Ergebnisqualität auszurichten.

Dass sich von selbst etwas an der desolaten Situation ändert, erwartete niemand. So ergingen vom Podium aus Appelle an die Pflegekräfte wie auch an die Ärzteschaft, Verwaltungen und Krankenkassen, das Miteinander zu suchen, sich zu organisieren. "Wir müssen öffentlich werden und den Parteien auf die Füße treten", brachte Kannen es auf den Punkt. Allerdings spiegelte der schwache Besuch der Veranstaltung das Dilemma wider, auf das Ralf Lanwert hingewiesen hatte: Die chronische Überlastung lasse den Pflegenden nur wenig Luft, sich an Aktionen zu beteiligen.