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19. Januar 2013

Mit halber Stelle und ganzem Herzen

Eine Pionierin der Kinderbetreuung in Bad Krozingen: Christa Senger-Vollstedt ist im würdigen Rahmen verabschiedet worden.

  1. Gut zehn Jahre ist das jetzt her: Als 2002 der großzügige Anbau der „Arche“ gefeiert wurde, ahnte niemand, dass sie 2012 schon wieder zu klein sein würde. Foto: Sabine Model

  2. Christa Senger-Vollstedt Foto: Sabine Model

BAD KROZINGEN. "Das Kleine tun, ohne auf das Große zu warten" – mit diesem Credo ließ Christa Senger-Vollstedt die "Arche"-Arbeit 30 Jahre lang wachsen. Mit halber Stelle, ganzem Herzen und 150-prozentigem Einsatz prägte sie den Geist und die ganzheitliche Ausrichtung der Bad Krozinger Kinderbetreuungs-Einrichtung. "Ich hatte immer das Gefühl, ich bin am richtigen Platz", sagt sie. Ende 2012 ging mit ihr eine Institution in den Ruhestand.

Am Freitagabend wurde sie von Mitarbeitern, Ehrenamtlichen, Ehemaligen, Kindern und Vertretern kooperativer Verbände und Behörden feierlich verabschiedet. Für Aufbau und Leitung von "Arche" und Hort erhielt sie die Verdienstmedaille der Stadt Bad Krozingen.

Gesucht hatte sie die Aufgabe nicht. Sie wurde ihr Ende 1982 angetragen von Elisabeth Blasel, der damaligen Vorsitzenden vom Sozialdienst katholischer Frauen (SKF). Blasel hatte 1977 mit ehrenamtlicher Hausaufgabenhilfe und Einzelbetreuung für Gastarbeiterkinder begonnen. Drei Jahre wurde sie von einer Fachkraft unterstützt. Dann war die Stelle vakant. Christa Senger-Vollstedt brachte alle Voraussetzungen mit, eine Sprachfördergruppe aufzubauen. Die gelernte Arzthelferin hatte sich an der Katholischen Fachhochschule für Sozialwesen in Freiburg als Diplomsozialarbeiterin qualifiziert, Erfahrungen in Kindergarten und Sonderschule erworben sowie Sozialarbeit im Milieu geleistet. Nach viereinhalb Jahren Familienphase ließ sie sich auf die neue Aufgabe ein.

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Auf dem Schulhof der Johann-Heinrich-von Landeck-Schule fing Christa Senger-Vollstedt anfangs zehn Schüler ein, die aufgrund der Arbeitssituation ihrer Eltern dort viel zu früh unbeaufsichtigt und aggressiv herumtollten. In einem Altbau-Schulraum nahmen dann bald 20 bis 30 Schüler die offene Frühbetreuung wahr. Die Hausaufgabenhilfe fand in wechselnden Räumen statt. Bald vertrat Senger-Vollstedt die Lehrerin der Vorbereitungsklasse für Ausländerkinder. Die Sprache förderte sie flexibel und mit vielen Ideen für spielerische Lernfreude.

Am Nachmittag widmete sie sich Gastarbeiter- und Flüchtlingskindern sowie Förderschülern mit unterschiedlichsten Entwicklungsverläufen. Dabei ging es um das Entdecken von Begabungen, aber auch um das Auffangen von Tränen, Wut und unkontrollierten Gefühlen. Zuwendung, Ermutigung, Wertschätzung, Wertevermittlung und Vertrauen waren dabei ebenso wichtig wie verbindliche Regeln und Förderung. Zuerst stemmte sie das alleine. Dann gesellten sich zwei Ehrenamtliche dazu und eine Vorpraktikantin.

1993 durften die Gruppen in das leer stehende Hausmeisterhäuschen auf dem Schulhof einziehen, weil die Kernzeitenbetreuung mit übernommen wurde. Die Arbeit erhielt einen Namen: Arche. Christa Senger-Vollstedt sammelte Kinder daheim, auf der Straße oder auf dem Spielplatz ein. Sie machte Hausbesuche, führte Elterngespräche und integrierte die ausgegrenzten Kinder in die Gemeinde durch Sportbadbesuche und Teilnahme an Kurpark-Kinderfesten, am Rosenmontagsumzug sowie mit einem Christkindlemarkt-Stand. Die eigene Familie wurde unterstützend mit einbezogen. Vor allem bei aufwendigen Aktionen und Ferienprogrammen, die nicht durch das halbe Deputat abgedeckt waren.

Vielfältige Talente im Einsatz

Das Einbinden von Ehrenamtlichen gewann in der eigenwilligen Arche-Struktur einen hohen Stellenwert. Durch das multiprofessionelle und generationenübergreifende Miteinander auf Augenhöhe waren vielfältige Talente im Einsatz, von denen beide Seiten profitierten. Daraus ergaben sich zusätzliche verlässliche soziale Beziehungen. Mit 150 Anmeldungen tauchte die Arche 1998 bereits im SKF-Jahresbericht auf. Die Platzkapazität war erschöpft. Für das Mittagessen und die Hausaufgabenhilfe der Ganztagsbetreuung durfte ab 1999 der Raum der Grundschulförderklasse genutzt werden. Der großzügige Anbau an das Hausmeisterhäuschen optimierte ab 2002 die Situation und machte den gewünschten Hort möglich. Die Neugestaltung des nahe gelegenen Danner-Parks realisierte pädagogische Ziele wie Identifikation, Verantwortung, Integration und Austesten eigener Möglichkeiten.

Inzwischen kümmern sich 30 Ehrenamtliche, acht Hauptberufliche und sechs Kernzeitbetreuer um gut 400 Anmeldungen, bei denen manche Kinder an mehreren Angeboten teilnehmen. Denn es gibt neben Kernzeitbetreuung und Hort die Lern- und Spielgruppen in Bad Krozingen und Staufen, die soziale Gruppenarbeit, die kreative Lernwerkstatt und die Mädchengruppe. Durch das starke SKF-Netzwerk werden die Familien auf weitere Hilfsangebote aufmerksam.

Auch Kurse für Elternbildung, Kochen und Ernährung sowie interkulturelle Frauentreffen finden unter dem Dach der Arche statt, die inzwischen schon wieder zu klein wird. Es muss erneut auf zusätzlichen Raum in der Schule zurückgegriffen werden. "Wir haben manchmal nicht gewusst, wie wir es schaffen", blieb Senger-Vollstedt stets zuversichtlich. "Aber im Vertrauen auf Gott hat sich Vieles immer wieder überraschend ergeben."

Die Nachfolge von Christa Sänger- Vollstedt übernehmen zu je einem Viertel Deputat zwei Sozialpädagogen: Die Hortleiterin Desiree Kopfmann, die seit 1999 in der Arche mitarbeitet und Christoph Zacharias, der dort sein Praxissemester absolvierte.

Autor: Sabine Model