Trotz Demenz in Würde altern

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Mo, 22. Mai 2017

Staufen

Die Sozialstation Südlicher Breisgau blickt bei ihrer Mitgliederversammlung in Bad Krozingen auf ein ereignisreiches Jahr zurück.

SÜDLICHER BREISGAU . Zufriedene Gesichter, wohin man auch geschaut hat. Die Sozialstation Südlicher Breisgau präsentierte in ihrer Mitgliederversammlung nicht nur solide wirtschaftliche Eckdaten, sondern auch ein Wohnmodell, das Zukunft hat.

Im Zentrum der Wohnanlage "Generationen Wohnen Staufen" gibt es eine Wohngemeinschaft (WG) für Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Seit Februar leben in der WG Mittendrin zehn Menschen im Alter zwischen 57 und 91 Jahren. Die WG soll "ein offenes und zwangloses Zusammenleben demenzkranker Menschen ermöglichen", sagt Christoph Steiert. Der junge Krankenpfleger ist seit zwei Jahren eng in das Wohnprojekt eingebunden. Sozialstation-Geschäftsführerin Waltraud Kannen lobte ihn für sein Engagement.

Vor sechs Jahren hatte die Planung für die Demenz-WG begonnen, deren Träger der Verein Mittendrin ist. "In der Konzeptionsphase haben wir viel von anderen Alten-WG gelernt", sagte Steiert. Jetzt leben auf 380 Quadratmetern Menschen mit einem unterschiedlich hohen Grad an Demenz. Neben zwei Gemeinschaftsräumen gibt es drei rollstuhlgerechte Bäder. "Architektonisch ist alles auf die Bedürfnisse der dementen Bewohner zugeschnitten", erklärte Steiert. So sind in alle Schränke Glastüren eingebaut, damit die Bewohner wissen, wo was steht. Mit GPS-Technik können die Senioren, die sich möglichst selbstbestimmt und frei bewegen sollen, jederzeit geortet werden. Hinsichtlich der Alltagsgestaltung orientiere sich das Konzept der Demenz-WG am Leitbild einer Großfamilie, so Steiert. "Demente Menschen brauchen eine vertraute Tagesstruktur und einen klaren Handlungsrahmen, an dem sie sich orientieren können." Außerdem soll ihnen das Gefühl vermittelt werden, dass sie trotz ihrer Hilfsbedürftigkeit als würdige Menschen geachtet werden.

Angehörige und freiwillige Helfer sollen sich bei der Betreuung ebenso beteiligen wie die Alltagsassistenten, die rund um die Uhr anwesend sind. Für die individuelle Pflege stehen Fachpflegekräfte bereit. Laut Kannen ist es Teil des Konzepts, dass die Mitarbeiter der Sozialstation als Gäste auftreten. Soll heißen: Die Angehörigen haben sich in einem Bewohnergremium zusammengeschlossen und üben das Hausrecht aus, wozu gehört, dass sie den Pflegedienst wählen und über neue Mitbewohner entscheiden.

"Unsere Philosophie", sagt Kannen, "lautet: Wir arbeiten mit euch, nicht für euch." Die monatlichen Kosten pro Person belaufen sich auf 2380 Euro, darin enthalten sind Miete, Haushaltsgeld und eine Betreuungspauschale. Je nach Pflegegrad übernimmt die Pflegeversicherung einen Teil der Kosten. "Es ist kein Luxus-Modell", sagt Kannen, derzeit lebten auch zwei Sozialhilfeempfänger in der WG. Während Kannen über das Projekt berichtete, strahlte sie übers ganze Gesicht. Doch auch der Blick in den Jahresabschlussbericht der Sozialstation für 2016 dürfte ihr Freude bereitet haben.

Umsatz in den Kernbereichen um bis zu 17 Prozent gesteigert

Die wirtschaftlichen Eckdaten stimmen, so lautete eine zentrale Botschaft in der Mitgliederversammlung. In den Kernbereichen steigerte die Sozialstation ihren Umsatz um 12 bis 17 Prozent und erwirtschaftete ein Plus von 192 000 Euro. Bei den Hausbesuchen verzeichnete sie einen Anstieg um zehn Prozent und versorgte insgesamt 1860 Menschen mit pflege- und hauswirtschaftlichen Leistungen. "Unsere Mitarbeiter waren absolut ausgelastet, es wurden keine Stellen abgebaut und die beiden Auszubildenden haben wir übernommen", sagte Kannen. Auch habe sie viele Initiativbewerbungen erhalten – ein Indiz dafür, dass die Sozialstation als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen werde.

Fürs nächste Jahr sind Investitionen in Höhe von knapp 177 000 Euro geplant. Unter anderem sollen acht neue Dienstfahrzeuge gekauft werden, vier von ihnen mit Elektro-Motor. Mehr investieren möchte Kannen auch in die Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit, wie sie sagte. Schließlich sei die Pflegelandschaft in Bewegung gekommen.

Zufrieden war Kannen damit, dass die Sozialstation in Einzelverhandlungen mit den Pflegekassen getreten sei. "Wir haben erstmalig nicht mehr im Kollektiv unsere Preise auf Landesebene verhandeln müssen." Auch der von der Bundesregierung empfohlenen Entbürokratisierung sei man nachgekommen: "Wir haben uns erfolgreich in Richtung einer digitalisierten Klienten-Dokumentation bewegt." Am Ende gab es lobende Worte der Bürgermeister-Stellvertreterin Sabine Pfefferle: "Ein großer Dank an alle Mitarbeiter der Sozialstation. Wir sind stolz darauf, sie hier in der Region zu haben."