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02. Februar 2012
Wenn das eigene Dach in Gefahr gerät
Wie die Gemeinden im Südlichen Breisgau mit dem Thema Obdachlosigkeit umgehen / Prävention ist entscheidend.
SÜDLICHER BREISGAU. Spät kommt er, doch er kommt – mit eisiger Kälte hat der Winter nun zugeschlagen. Wohl dem, der in einer warmen Stube sitzen kann. Was tun jedoch Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben? Die BZ hat bei den Gemeinden nachgefragt, wo Wohnsitzlose in den Städten und Gemeinden im Südlichen Breisgau im Winter unterkommen. Dabei zeigt sich: obdachlos ist nicht gleich obdachlos – die Behörden haben es mit ganz unterschiedlichen Problemen zu tun.
Ein Obdachlosenasyl gibt es in Bad Krozingen nicht, klärt Peter Schäfer vom Ordnungsamt auf. Verschließt die Kurstadt die Augen vor Wohnungslosen und Nichtsesshaften – oder gibt es hier gar keinen Bedarf? Ganz im Gegenteil, sagt Schäfer und zieht drei dicke Ordner aus seinem Aktenschrank. "Das sind alle laufende Fälle." Das diese nicht so in die Öffentlichkeit treten, liegt für Schäfer vor allem daran, dass Bad Krozingen auf Prävention setze. "Wir hatten ja bis 1998 auch noch Unterkünfte in der Stadt, einmal für die Asylbewerber und auch für Menschen ohne Dach über dem Kopf, etwa im Rosenhof, der mittlerweile abgerissen wurde." Seither setzt die Stadt schon im Vorfeld an. "Wir haben jährlich rund 20 bis 25 Vollstreckungsverfahren, über die wir durch die Gerichtsvollzieher informiert werden", erzählt Schäfer. Sobald diese auf seinem Tisch landen, lädt er die Betroffenen zu einem Gespräch ein. "Wir wollen den Menschen helfen und versuchen zu vermitteln."Werbung
Zunächst einmal geht es dabei um die Frage, ob der Vermieter den in Not Geratenen entgegen kommen kann. Darüber hinaus geht es darum, die Betroffenen aktiv an einer Lösung zu beteiligen. "Wer nicht selbst willens ist zu einer Lösung beizutragen, oder wer beratungsresistent ist, bei dem wird es schwierig", erklärt Schäfer. "Ich konnte gerade eben eine Zwangsräumung durch Verhandlungen mit dem Vermieter verhindern. Und einer weiteren Familie, die aktiv mitgearbeitet hat, zu einer neuen Unterkunft verhelfen. Das hat den Betroffenen auch wieder Mut gemacht. Sie arbeiten mit, um wieder aus den Problemen herauszukommen", berichtet Peter Schäfer.
Die Menschen, die auf einmal ohne ein eigenes Bett dastehen, kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Das sind nach Schäfers Worten genauso junge Erwachsene wie Pensionäre, Hilfsarbeiter oder Unternehmer. "Besonders schlimm ist es immer dann, wenn Kinder da sind", sagt Schäfer. Seit 30 Jahren ist er im Rathaus der Kurstadt beschäftigt, seit 20 Jahren kümmert er sich im Ordnungsamt auch um die, die in eine Zwangslage geraten sind. Viele Jahre war der im Herbst verstorbene Karlheinz Geist eine Stütze für diesen sozialen Brennpunkt. Von ihm habe er viel gelernt, sagt Schäfer. "Wer am Abgrund steht, der schiebt die Schuld häufig von sich weg, da kommt es oft vor, dass man beschimpft und abgewiesen wird, wenn nicht sogar bedroht", räumt Schäfer ein. Dabei versuche er doch nur zu helfen, was dank guter Drähte zu Sozialdiensten aber auch zu Wohnungsvermietern immer wieder erfolgreich sei. "Es heißt zwar immer, es gebe in Bad Krozingen keinen günstigen Wohnraum, aber das stimmt so nicht", meint Schäfer. Dafür studiert er dann auch intensiv die Kleinanzeigenteile in den Zeitungen. Problematisch wird es für Schäfer, wenn ein Vermieter nach Sicherheiten verlangt. Die Stadt geht ein hohes Risiko ein, wenn sie eine Bürgschaft übernimmt. Hinzu kommt, dass sie dann auch für den Zustand einer Wohnung und darüber hinaus für eine eventuelle Räumung haftbar gemacht werden kann.
Und was passiert mit Menschen, die dadurch auffallen, dass sie scheinbar verwaist mit einem Pappbecher vor dem Supermarkt stehen oder Tage lang im Stadtpark herumsitzen? In solchen Fällen steht Schäfer mit der Polizei in Kontakt. "Da gibt es zunächst Personenkontrollen, und die meisten dieser Leute haben sogar einen festen Wohnsitz", weiß Schäfer.
Das Budget, das im städtischen Haushalt zur Unterbringung Wohnungsloser eingestellt ist, beläuft sich auf 9 000 Euro jährlich. Ein bescheidener Betrag gemessen an den 50 000 Euro, die die Gemeinde Hartheim soeben im Etat eingestellt hat, um einen Container zur Unterbringung von Obdachlosen zu beschaffen, wobei nach Auskunft der Verwaltung derzeit noch kein Standort dafür feststeht. "Damit ist es ja nicht getan, da kommen dann ja noch weitere Kosten hinzu", denkt Schäfer laut nach und ergänzt, "wenn die Gemeinden zusammenarbeiten würden, dann ließen sich sicher Kosten sparen."
Auch die Verwaltung in Münstertal setzt sich bei Zwangsvollstreckungen für die Betroffenen ein. Dazu sei die Gemeinde verpflichtet, wobei die Zahl der Zwangsräumungen steige, heißt es im Münstertäler Rathaus. Vor zehn Jahren habe es kaum einen Bedarf gegeben. Derzeit habe die Verwaltung mehrere Einzelpersonen wieder in ihre Wohnungen eingewiesen und müsse für die Mietkosten aufkommen.
In Staufen sieht die Sache etwas anders aus. Hier gibt es ein Gebäude in der Altstadt, das die Stadt im Jahr 2005 sanieren ließ. "Das ist eine Adresse mit einem gutem Leumund", berichtet Hauptamtsleiter Andreas Grethler, der sich um die Betroffenen kümmert, sobald der Gerichtsvollzieher ihn davon unterrichtet, dass es zu einer ungewollten Wohnungslosigkeit kommen könnte. Genutzt werde das Anwesen sowohl für Asylbewerber als auch für Obdachlose. "Wir versuchen, die Menschen angemessen unterzubringen und dafür haben wir in dem Gebäude flexible Strukturen geschaffen", so Grethler. Zudem müssen die Bewohner eine Nutzungsgebühr entrichten. Was, jedoch, wenn jemand völlig mittellos ist? Notfalls gebe es die Grundsicherungsstelle, die dann einspringe.
Grethler legt großen Wert darauf, dass Konflikte vermieden werden und eine Privatsphäre möglich sei. "Die Menschen, die hier leben, sind im Viertel integriert und müssen später keine Benachteiligung fürchten", berichtet er. Grethler ist für diese Arbeit mit sozialen Einrichtungen vernetzt und hält den Kontakt mit der Polizei. Fälle ungewollt Nichtsesshafter sind ihm, so wie auch den Kollegen in Münstertal, nicht bekannt.
Autor: Susanne Müller
