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05. Januar 2015

Der Dichter, der ein Maler sein wollte

Eine Ausstellung in Karlsruhe würdigt das heutzutage etwas in Vergessenheit geratene Talent Joseph Victor von Scheffels als Zeichner.

  1. Diese Lithographie auf Pappe entstand im Jahre 1850 nach einer Vorlage im Skizzenbuch Joseph Victor von Scheffels und befindet sich im Besitz des Museums für Literatur am Oberrhein in Karlsruhe. Foto: Privat

  2. Das Scheffeldenkmal im Bad Säckinger Schlosspark. Foto: Frey

BAD SÄCKINGEN. Joseph Victor von Scheffel (1826-1886) verdankt seinen Ruhm in erster Linie seiner Dichtkunst. Viel weniger bekannt ist hingegen, dass er sich selbst eher als bildenden Künstler denn als Schriftsteller sah. Im Museum für Literatur am Oberrhein sind viele seiner Zeichnungen erhalten, und derzeit läuft in Karlsruhe eine Ausstellung über sein künstlerisches Werk. Der neu gegründete Scheffel-Förderverein Bad Säckingen erwägt, eine Fahrt zu dieser Präsentation zu organisieren.

Der junge Scheffel lernte bereits im Salon seiner Mutter in Karlsruhe Künstler und Kunstfreunde kennen. Bei den Reisen der Familie zeichnete er zahlreiche Landschaften und Architekturmotive von Schlössern, Burgen und Kirchen. Am Gymnasium erhielt er Zeichenunterricht von zwei Lehrern, über die kaum etwas bekannt ist. Nach dem damals üblichen synthetischen Verfahren fertigten die Schüler in Anlehnung an Vorlagen aus der klassischen Kunst Studien zu einzelnen Elementen an, die anschließend zu einem Gesamtbild zusammengesetzt wurden. Die "Kraft der Fantasie und der Anschauung", wie man es damals nannte, wurde indes kaum geschult. Die frühen Zeichnen, etwa vom Trompeterschloss in Bad Säckingen, sind durch einen genauen Strich charakterisiert. Die Gegenstände sind lediglich durch eine Umrisslinie angelegt und bleiben infolge fehlender Licht- und Schattenwirkung der Fläche verhaftet.

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Nicht der eigenen Neigung, sondern dem Wunsch des Vaters folgend, studierte Scheffel von 1843 bis 1847 Rechtswissenschaften, wobei er die Gelegenheit nutzte, um Vorlesungen über Kunstgeschichte und Literatur zu hören und Kontakte zu Künstlern zu suchen. In einem Brief von 1846 äußerte er Kritik an der religiösen Malerei der Nazarener. "Wenn unsere Künstler wieder ins Mittelalter zurückgehen und dessen engen Gesichtskreis zu dem ihrigen machen, so verkennen sie die ganze breite geistige Unterlage, auf der unsere Zeit steht." Vielmehr schwebte ihm eine Synthese aus Vergangenheit und Gegenwart vor.

Von Dezember 1849 bis September 1851 übte Scheffel die Stelle des Dienstrevisors beim Bezirksamt Säckingen aus. Im Schwarzwald unternahm er zahlreiche Wanderungen mit der Zeichenmappe und hielt Marktplätze, Kapellen, den Wasserfall "Wieladinger Strahl im Murgtal", Genreszenen und einzelne Persönlichkeiten fest. In seiner Schrift "Aus dem Hauensteiner Schwarzwald" befasste er sich zudem mit Sagen, Geschichte, Kultur und Mentalität der Hotzenwälder. Aus Unzufriedenheit mit der juristischen Laufbahn kündigte er die Stelle und reiste im Mai 1852 nach Rom ab. Zwar hatte er damals bereits Gedichte veröffentlicht und die Arbeit an dem (später in Sorrent vollendeten) "Trompeter" begonnen, dennoch war seine Reise von dem Wunsch getragen, Maler zu werden. In Rom fand er Kontakt zu Künstlerkreisen, nahm Kunstunterricht und fertigte vor allem Landschaftszeichnungen an. Seine Freunde attestierten ihm Talent, Bildgefühl und einen "unbeirrbar realistischen" Blick, schätzten aber seinen Umgang mit dem Wort höher ein. "Wir sahen klar, dass er eine Künstlernatur war; Scheffel konnte mündlich erzählen, wie ich’s kaum wieder von jemandem gehört habe", soll einer seiner Freunde gesagt haben. Und Auguste Engerth rief aus: "Aber Scheffel, Sie sind ja ein Dichter, warum schreiben Sie das Zeug denn nicht auf". Über den Applaus der Runde war Scheffel verstimmt, und er beharrte darauf, ein Maler zu sein, obwohl er sich seiner Defizite durchaus bewusst war. Da er nie eine Kunstakademie besucht hatte, war er im Umgang mit der Farbe unerfahren, was ein beträchtliches Hindernis war, denn damals erwartete man von einem Künstler die Fähigkeit, Ölbilder zu malen.

Nach dem Nervenzusammenbruch seiner Schwester kehrte er auf Wunsch der Eltern 1853 aus Rom zurück, wurde Dozent in Heidelberg, war von 1858 bis 1859 Hofbibliothekar in Donaueschingen und ließ sich 1864 in Karlsruhe nieder. Obwohl er zu einem der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit avancierte, beharrte er noch in einem Brief von 1878 darauf, dass er "ein tüchtiger Landschaftsmaler" geworden wäre, hätte er nicht aus Italien zurückmüssen. Ähnlich wie in seinen Dichtungen gab Scheffel auch in der bildenden Kunst der Orientierung an der Naturwahrheit sowie dem Konkreten und Sinnlichen den Vorzug vor Theorien und Formeln. Dieser Realismus und der Verzicht auf Idealisierung, Stilisierung und Abstraktion wurde von Anton von Werner – dem Illustrator des "Trompeters" – zwar lobend erwähnt, allerdings sollte Scheffel in der Kunstgeschichte keine große Rolle spielen.

Autor: Michael Gottstein