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04. Dezember 2010

Kinderarmut gibt’s überall

Studie der Caritas mit erschreckenden Zahlen / Auf dem Land wird Kinderarmut selten aufgedeckt.

  1. Kinderarmut beginnt nicht erst bei abgetragener Kleidung. Für die Caritas ist auch ein Mangel an Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ein Ausdruck von krankmachender Kinderarmut., Foto: Felicitas Rohrer

BAD SÄCKINGEN. Erschreckende Zahlen zeigt die neueste Kinderarmutsstudie der Caritas auf. Viele Kinder in Baden-Württemberg leben in Armut, besonders die Kinder unter sieben Jahren sind betroffen. Die katholische Tageseinrichtung für Kinder Bad Säckingen stellte die Studie am Donnerstag vor.

Auftraggeber der Studie "Arme Kinder und ihre Familien in Baden-Württemberg" waren die Caritasverbände der Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Freiburg. Das Institut für angewandte Sozialwissenschaften (IfaS) der Dualen Hochschule Stuttgart erstellte die Studie. Es wurde unter anderem Datenmaterial der Bundesagentur für Arbeit hinzugezogen. Auch Caritas-Mitarbeiter aus verschiedenen Fachbereichen wurden befragt und Interviews mit Kindern und Eltern geführt. Qualitativ unterscheidet die Studie bei Kinderarmut zwischen verschiedenen Arten. Als relativ arm gilt, wer ein Einkommen hat, das weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens in Baden-Württemberg beträgt. Das bedeutet umgerechnet, dass ein Kind im Alter bis 14 Jahren sieben Euro € am Tag zur Verfügung hat. Die akute Armut bezeichnet die Situation, wenn man zur Sicherung seines Lebensunterhaltes Leistungen wie Sozialgeld erhält. Bei der manifesten Kinderarmut wirkt sich die permanente Mangelversorgung negativ auf die Lebenswelt aus. Extreme Kinderarmut schließlich liegt vor, wenn weitere Probleme wie Überschuldung die Situation in der Familie zusätzlich verschärfen und das Kindeswohl akut gefährdet ist.

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Die quantitativen Ergebnisse der Studie zeigen, dass etwa zehn Prozent aller Kinder zwischen null und 18 Jahren in Baden-Württemberg in Armut leben, das sind ungefähr 175 000 Kinder. Es sticht dabei hervor, dass 40 Prozent dieser betroffenen Kinder bei Alleinerziehenden leben. Besonders die ganz jungen Kinder sind betroffen: Jedes achte Kind in Baden-Württemberg unter sieben Jahren lebt in einer Familie mit Hartz IV-Bezug, das bedeutet nach Definition in akuter Armutsgefährdung.

Die Studie zeigt auch, dass sich auf dem Land im Gegensatz zu den Städten die Kinderarmut mehr verteilt und deshalb seltener aufgedeckt wird. Für Annette Wördehoff, Fachberaterin des Caritas-Verbandes, ist es besonders erschreckend, dass beispielsweise in Freiburg ungefähr 20 Prozent arme Kinder unter sieben Jahren wohnen. Die Caritas charakterisiert Kinderarmut auch als Mangel an Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Heike Karpstein-Scheffler, Leiterin des St. Michael-Kindergartens in Rheinfelden, sieht das in ihrer täglichen Arbeit. Kinder könnten nicht an Ausflügen mitmachen und an kostenpflichtigen Aktionen teilhaben. Als Lösung hofft sie auf die Hilfe von Sponsoren. Zentrale Aussagen der Studie sind, dass Kinderarmut ausgrenzt und krank aufgrund von schlechter Ernährung und perspektivenlos aufgrund von erschwertem Zugang zu Wissen macht.

Als Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen fordert die Caritas unter anderem eine eigenständig errechnete Kindergrundsicherung. Es soll auch eine bessere Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund geben, um Chancengerechtigkeit herzustellen. Zuletzt will die Caritas erreichen, dass Kinderarmut kein Tabuthema bleibt.

Die katholische Tageseinrichtung für Kinder ist eine Arbeitsgemeinschaft von katholischen Einrichtungen im Einzugsbereich des ehemaligen Dekanats Säckingen. Der Sinn dieser Arbeitsgemeinschaft ist es, die Träger der Einrichtungen über bestimmte Themen zu informieren, wie in diesem Jahr die Kinderarmut.

Autor: Felicitas Rohrer