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19. März 2011

"Vor dem Leben nicht davonlaufen"

BZ-INTERVIEW mit dem Bad Säckinger Thomas Ays, der sich geoutet hat, dass er homosexuell ist.

  1. Thomas Ays kommt aus Bad Säckingen, arbeitet hier und fühlt sich hier wohl. Jedoch würde er sich mehr Akzeptanz für Homosexuelle wünschen. Foto: Felicitas Rohrer

BAD SÄCKINGEN. Der Bad Säckinger Thomas Ays arbeitet als Disponent im Marienhaus und hat vergangenes Jahr ein Buch geschrieben. "Romeo und Julian" lautet der Titel und es handelt von einer schwulen Liebesgeschichte zwischen dem Studenten Julian und dem Theater-Schauspieler Felix. Der 33-jährige Ays ist homosexuell, geht heute offen damit um, hat dafür aber wie seine Protagonisten Zeit gebraucht. Für die BZ-Serie "Homosexualität in der Region", die ab heute in unregelmäßigen Abständen erscheinen wird, hat sich Felicitas Rohrer mit ihm über sein Buch, sein Outing, Klischees und Wünsche für die Zukunft unterhalten.

BZ: Haben Sie das Buch geschrieben, um einfach ein Buch zu schreiben oder um ein Buch über homosexuelle Liebe zu schreiben oder um ein Buch über Homosexuelle zur Aufklärung zu schreiben?

Ays: Ich denke, aus allen drei Gründen. Ich hatte nie daran gedacht ein Buch zu schreiben, weil ich wahnsinnigen Respekt vor richtig tollen Büchern habe. Aber ich hatte eine Geschichte im Kopf, die mich nicht mehr losgelassen hat. Das Ende war dabei zuerst da und dann musste ich mir überlegen, wie ich zu diesem Ende gelangen kann.

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BZ: Was war Ihnen dabei wichtig?

Ays: Wichtig war vor allem, dass klar wird, dass man vor seinem Leben nicht davonlaufen kann. Leute, die nicht homosexuell sind, unterstellen oft, dass man seine sexuelle Haltung doch wählen kann, wie ein Kleidungsstück. Sie verurteilen andere wegen ihrer Sexualität, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was dabei mit und vor allem in diesem Menschen geschieht. "Romeo und Julian" zeigt ganz deutlich, dass man es sich nun mal nicht aussuchen kann, in wen man sich verliebt. Es passiert einfach.

BZ: Der Hauptdarsteller des Buches Julian steht ziemlich alleine da, als ihm bewusst wird, dass er schwul ist. Wie sah das bei Ihnen aus? Wie und wann haben Sie sich geoutet?

Ays: Ich war 22 Jahre alt. Noch während einer Beziehung zu einer Frau kam ich an einen Punkt, an dem ich entscheiden musste: Entweder belüge ich jetzt jeden inklusive mich selbst und mache weiter so wie bisher oder ich beiße in den sauren Apfel und verändere mich und mein Leben. Was sich einfach anhört, ist es nicht. Es war eine wirklich harte Entscheidung. Aber glücklicherweise haben meine Familie und Freunde positiv reagiert.

BZ: Ist Ihre Homosexualität etwas, das Sie nach außen tragen oder sehen Sie das als Privatsache?

Ays: Ich habe nie und werde mich auch nie über meine Sexualität definieren. Ich habe zwar das Buch geschrieben, aber ich gehe nicht durch die Welt und stelle mich als Homosexueller vor – das machen Heterosexuelle ja auch nicht. Wenn ich jemanden treffe, soll der sich doch nicht vorstellen, mit wem ich ins Bett gehe, sondern welche Gespräche man mit mir führen kann. Wenn ich auf die Homosexualität reduziert werde, werde ich unangenehm! (grinst) Der Mensch sollte im Vordergrund stehen und nicht die Sexualität.

BZ: Die Realität sieht allerdings anders aus. Hochrangige Politiker und Stars outen sich als schwul und trotzdem werden Homosexuelle nicht überall akzeptiert. Wie sieht das hier in der Region aus?

Ays: Man muss unterscheiden, wo man lebt. In Kleinstädten wie Bad Säckingen, ist es sicherlich schwerer, küssend auf Parkbänken zu sitzen, als in Köln oder Berlin. In jedem Fall finde ich, dass das Reaktionen provoziert, die nicht sonderlich konstruktiv sind. Ich denke, die Gesellschaft ist in Kleinstädten noch nicht so weit. Ich für mich weiß, wann Rebellion Sinn macht und im Moment muss man eher an den Verstand der Menschen appellieren. Sie sollten sich die Frage stellen, ob Schwule wirklich so anders sind wie sie selbst.

BZ: Was ist dran an den gängigen Klischees, die es über schwule Männer gibt? Dass sie ein weibliches Verhalten an den Tag legen, zum Beispiel.

Ays: Das erste Klischee ist, dass heterosexuelle Männer immer gleich denken, dass man über sie herfallen will, nur weil man schwul ist. Was hingegen stimmt, ist, dass schwule Männer Frauen besser verstehen. Daher sind Frauen auch toleranter gegenüber Schwulen. Es gibt, wenn man das so sagen will, typische und untypische Schwule, genauso wie es zartbesaitete heterosexuelle Männer und auf der anderen Seite echte Machos gibt. Ich kann auf eine Hetero-Party gehen ohne, dass ich auffalle. Wir sind im Grunde nicht sehr verschieden.

BZ: Wie lautet Ihr persönlicher Wunsch, was den Umgang mit Homosexualität angeht?

Ays: Ich würde mir wünschen, dass sich einfach mehr Leute outen. Damit endlich das Klischee entkräftet wird, dass "echte Kerle" nicht schwul sein können. Aber grundsätzlich hätte ich gerne, dass man über Homosexualität nicht mehr spricht, denn das zeigt, dass es immer noch nicht normal ist. Dass immer noch Plakate abgehängt werden, die eine Lesung von mir bewerben, zeigt, dass Bad Säckingen noch nicht so weit ist. Also ist es eigentlich schade, dass es diese BZ-Serie überhaupt geben muss. Dass wir nicht anders sind, ist noch lange nicht in allen Köpfen angekommen.

Lesung: Thomas Ays wird am Sonntag, 20. März um 17 Uhr im Kinder- und Jugendhaus in Bad Säckingen aus seinem Buch "Romeo und Julian" lesen. Die Lesung findet im Rahmen des schwul-lesbischen Cafés der Youngstars Hochrhein statt, das ab 16 Uhr geöffnet ist. Anmeldung für die Lesung unter 07761/3610.

Autor: froh