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24. September 2011
Ausstellung "Kopf oder Zahl": Von Stechuhr und Glücksspiel
Die Ausstellung "Kopf oder Zahl" in Baden-Baden.
In mehr als einer Hinsicht war das 19. das Jahrhundert des Realismus; an seiner Wiege jedoch stand, in der Kunst wie in der Literatur, die Romantik. Gegen die Macht der Vernunft brachten die Romantiker das Wunderbare und das Gefühl in Stellung; überwunden schien das Zeitalter von Rationalismus und Aufklärung, als deren Embleme sich Zahl und geometrische Figur darbieten. "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen…" dichtete, an der Grenzscheide vom 18. zum 19. Jahrhundert, programmatisch Novalis. Dann fliegt, wie es am Ende des Gedichts optimistisch heißt, "vor einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort".
Doch nur für kurze Zeit setzte das neue Säkulum aufs Programm romantischer Poetisierung des Lebens. Zu seinem Gott erhob es alsbald eben das von Novalis denunzierte Werkzeug der Entzauberung der Welt. Der Triumph der Zahl manifestierte sich in der Blüte der exakten Wissenschaften ebenso wie in der Inthronisation der Statistik als Mittel staatlicher Erfassung der Gesellschaft oder einer durchgreifenden Quantifizierung des Alltags in Arbeit und Freizeit – von der Stechuhr bis zum Tanz um die Gewinn bringende Zahl in Lotterie und Roulette. Die Entwicklung ging einher mit einer Vereinheitlichung der bis dahin geltenden bunten Vielfalt regional unterschiedlicher Maße, Gewichte und Uhrzeiten – einer breiten Strömung der Standardisierung der Lebenswelt, deren Vorteile auf der Hand liegen, die aber auch Verluste zur Folge hat: Was sich der Vereinheitlichung widersetzt, fällt durchs Netz der numerisch definierten Norm und wird aussortiert. Einzig in der Kunst als erklärter Antipodin der Zahl und Statthalterin des inkommensurablen Individuellen findet es eine Fürsprecherin.
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Den Triumphzug des Numerischen hat das Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden zum Gegenstand einer facettenreichen Themenschau gemacht. Die Ausstellung "Kopf oder Zahl. Die Quantifizierung von allem im 19. Jahrhundert" beobachtet die skizzierte Entwicklung auf den unterschiedlichsten Feldern. Sie versäumt nicht, gleichzeitig die institutionellen und medialen Voraussetzungen dieser Prozesse zu beleuchten. Erst im 19. Jahrhundert avanciert Rechnen in den Schulordnungen in Deutschland zum Grundstoff und die Mathematik zu dem vielfach verhassten, den Scholaren seine ganze Schullaufbahn hindurch begleitenden Fach. Denn ehe der Mensch sich im Universum der Zahlen zurechtfindet, muss er das Rechnen erst mühsam erlernen. Neben einem historischen Klassenzimmer und Instrumenten wie Kugel- und Fingerrechenmaschine, Zahlentafel und Lehrbuch, Messbecher und trigonometrischem Körper breitet die Ausstellung eine Reihe von Bilderbüchern zum spielerischen Erlernen des Rechnens aus. Wie Hohn auf Novalis’ Zukunftsvision mutet es da an, dass Rechnen und Zahl den Adepten nicht selten mit gereimten Versen und also den Mitteln einer Poesie selbst schmackhaft zu machen versucht wurde, die dem Dichter einst als Garant ihrer Entwertung erschien. Mit albernen Zweizeilern wie "2 x 1 = 2 / Das Hühnchen legt ein Ei" oder "8 x 10 = 80 / Paul fürchtet in der Nacht sich" wurden schon die Kleinsten im Kopfrechnen gedrillt.
Ein gewisses Dilemma der Schau liegt darin, dass sich die Hausse des Numerischen zwar mit reichem technischem Anschauungsmaterial vorzüglich bebildern lässt, das sich von der Rechenmaschine und Registrierkasse bis zum Lotterietisch geradezu aufdrängt. Dass andererseits Zahlen als geistige Abstraktionen per se unanschaulich sind und die Schau deshalb kaum mit künstlerischen Zeugnissen von Belang aufwarten kann. Realistische druckgrafische Darstellungen von Markt- und Ladenszenen, von Lotterieziehung oder Börsentreiben illustrieren die Entwicklung mehr, als dass sie sie geistig und künstlerisch durchdringen.
Erst in der Kunst des 20. Jahrhunderts, beobachtet Matthias Winzen, Direktor des Museums an der Lichtentaler Allee, hat die Zahl selber ihren Auftritt: Werke von Künstlern wie Giacomo Balla und Francis Picabia, Klee und Schlemmer operieren mit Ziffern als bedeutsamen visuellen, den Bildgehalt selber prägenden Elementen. Das Museum aber ist schon in seinem Namen auf das 19. Jahrhundert verpflichtet.
– Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Baden-Baden. Bis 26. Februar, Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr.
Autor: Hans-Dieter Fronz
