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02. Oktober 2010

Desdemona darf nicht sterben

Herbstfestspiele Baden-Baden: Verdis "Otello" konzertant.

Es ist einer der großen berührenden Momente der Operngeschichte, an diesem Abend zumal: Desdemonas dunkle Todesahnung im Lied vom Weidenbaum und das darauffolgende "Ave Maria". Eindringlicher kann Kunst die Verletzbarkeit und Zerstörbarkeit menschlichen Daseins kaum widerspiegeln als in Giuseppe Verdis "Otello". Für die Gänsehaut an diesem Herbstfestspielabend in Baden-Baden sorgt aber auch die Interpretin. Anja Harteros hat sich diese große Partie mittlerweile so zu eigen gemacht, dass man sie getrost zu den ganz Bedeutenden in diesem Fach zählen darf: Attribute dessen sind herrlich inniges Abdunkeln der Töne bis in die Spitzenlagen, klare, fast überirdisch schöne Artikulation und eine Phrasierungskunst, die jedes Forcieren überflüssig macht. Nein, diese Desdemona sollte – darf – eigentlich nicht sterben.

Weniger berührt ist man von Otellos Suizid. Denn Ben Heppners Gesangsleistung an diesem Abend kommt einem Zerstören des eigenen Mythos gleich. Da hat ein Großer seinen Zenit überschritten. Die Stimme klingt altersmatt, beim lyrischen Legato-Singen ab der oberen Mittellage unerträglich, worunter gerade das große Liebesduett im ersten Akt leidet. Und die martialische Feldherrnpose gerät ihm mitunter zur Heldentenorkarikatur.

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Zwischen diesen vokalen Polen gerät die konzertante Aufführung im gut besuchten Festspielhaus mit angenehm wenig szenischen Zutaten zu einem Triumph für die kleinen bis mittleren Partien sowie Chöre und Orchester. Daran hat auch Franco Vassallos Jago-Studie in ihrer vokalen Vielschichtigkeit großen Anteil: ein erstklassiges Rollenporträt, das das Heimtückische, Diabolische an dieser Figur mit vokaler Raffinesse ohne plumpe Bösartigkeit vermittelt. Erwähnenswert der Belcanto-fähige Cassio Alexey Dolgovs und Stanislav Shvet als stimmgewichtiger Lodovico. Ansonsten: erwartbares Festspielniveau.

Daniel Harding am Pult des allzeit präsenten, durch zahlreiche solistische Leistungen beeindruckenden Mahler Chamber Orchestra setzt auf den sinfonischen Reichtum der Partitur, reizt die orchestralen Aufwallungen bis in ihre Extreme aus, so dass man oft dankbar ist, dass das Orchester im Graben versenkt ist. Selbst ein so klanglich potenter Vokalkörper wie der WDR-Rundfunkchor hat da seine Mühe, Paroli zu bieten. Erfreulich schließlich aus regionaler Perspektive die Kinderstimmen der Petits Chanteurs von der Straßburger Rheinoper. Und das Publikum applaudiert dankbar – bei Desdemona gar enthusiastisch. An diesem Abend hätte das Stück getrost ihren Namen tragen dürfen.

Autor: Alexander Dick