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07. Februar 2011

Baden-Baden

Jazz Night: Spontan wird die Form des Songs gesprengt

Eine "Jazz Night" im Festspielhaus Baden-Baden mit der großartigen Dianne Reeves und Raul Midon.

  1. Ihre Stimme ist so strahlend wie ihre Erscheinung: Dianne Reeves Foto: bz

Er sieht sich in der Tradition großer Soulsänger. Seinen in Dynamik, Dramatik und Phrasierung sehr variablen Gesang begleitet Raul Midon mit kraftvollem Gitarrenspiel zwischen Pop, Soul und geradlinigem Singer/Songwriting. Wenn der blinde Sänger mit Händen und Stimmbändern improvisiert und schon mal ein Blasinstrument imitiert, kommt etwas Spannung auf in seinem ansonsten recht einförmigem Solo-Konzert. Bar aller Jazz-Ambitionen startete der Festivalabend der Reihe "Jazz Night", die im Festspielhaus Baden-Baden Halt machte.

Dann kam Dianne Reeves. Ihre Stimme ist strahlend wie ihr Wesen. Auf Anhieb beherrscht sie die Bühne, begeistert das Publikum. Die 54-Jährige, die als erste Sängerin in drei aufeinander folgenden Jahren einen Grammy erhielt, besticht durch ein breites Ausdrucksspektrum sowie stilistische Vielfalt. Ein Kunststück auch bei einer drei Oktaven umfassenden starken Stimme und grenzenloser Improvisationsgabe. Ihre Vokalimprovisationen zeichnen sich durch eine erstaunliche Virtuosität aus, eine Virtuosität, die sie zu einer der besten Jazz-Sängerinnen der Gegenwart macht.

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In Baden-Baden also konnte man eine volle, warme Altstimme mit absoluter Intonationssicherheit erleben. Reeves improvisiert mit harmonischem Tiefgang und melodischer Erfindungsgabe. Sie schafft Spannung dadurch, dass sie die konventionelle Songform sprengt mit spontanen Inventionen. So wird die Begrüßung des Publikums ebenso in die Songs gepackt wie die Vorstellung der Begleitband. Stets scattend werden die Höhen und Tiefen der menschlichen Stimme ausgelotet. Afrikanische Elemente fließen ebenso ein wie traditionelle Gospelgesänge. Das Abhaken von Standards, jene Untugend konventionellen Jazzgesangs, ist Dianne Reeves’ Sache nicht. Sie lebt ihre Texte mit großer Überzeugungskraft.

Selten überlässt sie das Feld ihren vier Musikern, die trotzdem das Image der Begleitband abstreifen können. Dies geschieht nicht nur in aufblitzenden Soli, sondern in ihrem meisterlich präzisen Zusammenspiel, das einen kompakten Sound erzeugt. Pianist Peter Martin sorgt für soliden harmonischen Zusammenhalt, allerdings mit allzu hartem Anschlag, Bassist Reginald Veal zieht auch auf dem elektrischen Instrument tiefe Furchen, Gitarrist Romero Lubambo begleitet unauffällig, setzt sich auch einmal solistisch in Szene, Schlagzeuger Terreon Gully glänzt bescheiden. Spontan sich entwickelnde Dialoge mit der Vokalistin allerdings halten sich in Grenzen.

Mit "Afro Blue" erlebt der Abend in Baden-Baden einen glanzvollen Schluss- und Höhepunkt. Den Latin-Walzer von 1955 kostet Dianne Reeves mit ihrer Band nach allen Regeln der Improvisationskunst aus, zelebriert ihn auf ihre eigene Weise. Nun erscheint auch Raul Midon wieder auf der Bühne, um mit der Sängerin in frappierendem Hell-Dunkel-Kontrast "What a Wonderful World" anzustimmen. Der Louis-Armstrong-Song vergangener Jahre ist immer noch ein Hoffungsschimmer angesichts vieler Krisen in dieser Welt.
– Weiteres Konzert von Dianne Reeves in der Regio: Jazzfestival Basel, 9.Mai.

Autor: Reiner Kobe