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19. September 2011 07:49 Uhr

New Pop Festival

Jessie J. – zur Hälfte Künstlerin, zur Hälfte Therapeutin

Das SWR 3 New Pop Festival in Baden-Baden half schon manche Karriere zu beschleunigen – dieses Jahr könnte das für Jessie J. gelten.

  1. Auf einem Thron: Jessie J Foto: Stefan Rother

Im 17. Jahr kann das New Pop Festival von SWR 3 in Baden-Baden auf eine beachtliche Historie zurückblicken. Das zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Clips, mit denen zwischen den Auftritten Rückschau gehalten und aufgezählt wird, wie viele Preise die Künstler der vergangenen Jahre in der Folgezeit gewonnen haben. Unter den Musikern selber hat sich herumgesprochen, dass ein Auftritt in der Kurstadt und die weitreichende mediale Verwertung der Karriere durchaus förderlich sein konnen. Auch in diesem Jahr zeigten sich viele beeindruckt, auf Brettern zu stehen, auf denen schon eine Amy Winehouse ihren Erfolg in Deutschland begann.

Die meisten der Newcomer sind professionell ausgebildet

Dabei fällt auf, dass die wenigsten der Newcomer, die bei diesem Festival auftreten, ihre Laufbahn im Garagen-Proberaum begonnen haben – die meisten sind schon seit Jahren professionell unterwegs und oft auch entsprechend ausgebildet. So musiziert Eliot Paulina Sumner, die Tochter von Sting, die als I Blame Coco auftritt, seit ihrem 16. Lebensjahr. Der Hawaiianer Bruno Mars ist erst 25 und konnte schon auf eine Laufbahn als Erfolgsproduzent und Komponist zurückblicken, bevor er seine eigene Musikerkarriere in den Mittelpunkt stellte.

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Auch eine Jessica Ellen Cornish alias Jessie J. ist mit 23 bereits ein alter Hase: erster Auftritt in einem Musical von Andrew Lloyd Webber mit elf, Besuch der BRIT School, die schon reihenweise erfolgreiche Musiker hervorgebracht hat, und Kompositionen für Künstler wie Chris Brown und Miley Cyrus. Nur so lässt sich erklären, dass die Britin zum Festivalabschluss am späten Samstagabend einen so beeindruckend reifen wie erfrischenden Auftritt hinlegte, obwohl ihr Debütalbum nicht viel länger als ein halbes Jahr auf dem Markt ist.

Wer die Musikvideos von Jessie J. gesehen hat, wird vielleicht zuerst an Lady Gaga oder Katy Perry denken, aber die Sängerin schreibt wesentlich reflektiertere Songs als der etwas Cartoon-artige erste Eindruck vermuten lässt. Auch dass Jessie J. während ihres Konzertes in Baden-Baden auf einem Thron Platz nahm, war kein Zeichen von Selbstüberschätzung sondern einem im Sommer ernsthaft verletzten Knöchel geschuldet. Gesundheitlich hat die Musikerin schon weitaus schwierigere Situationen verkraften müssen – darunter ein unregelmäßiger Herzschlag seit ihrem elften Lebensjahr und ein Schlaganfall mit 18. Als Konsequenz daraus lebt Jessie J. im starken Kontrast zu einer Lady Gaga vollkommen abstinent. Sie legt aber einen ähnlichen Arbeitseifer wie diese an den Tag.

Auch bedenkt sie ihre Fangemeinde gerne mit aufmunternden Lebensweisheiten. Diese fallen zwar in die bekannte "Man muss an sich glauben und sich selber treu sein"-Kategorie, wirken aber deshalb nicht unauthentisch. Zudem beantwortete die Sängerin während des Konzerts einige Minuten lang Fragen aus dem Publikum. Ganz ohne Ironie beschreibt sich Jessie J. als "zur Hälfte Künstlerin, zur Hälfte Therapeutin".

Das kommt vor allem bei jungen weiblichen Fans sehr gut an, entscheidend ist aber natürlich die Musik. Und neben aufgekratzten Tanznummern wie "Price Tag" setzt Jessie J. vorzugsweise auf so gefühl- wie kraftvollen Soul und R&B. Ihre aufgekratzte Single "Do I Like a Dude" hatte die Musikerin zunächst mit Rihanna als Sängerin im Hinterkopf geschrieben, als ihr die Plattenfirma den guten Ratschlag gab, diese selber aufzunehmen. Im Konzert punktete sie auch mit Balladen, die belegten, dass ihre Stimme ohne Autotune-Bearbeitung locker einen Song tragen kann.

So dürfte Jessie J. zu den Künstlern zählen, auf die das Festival auch in einigen Jahren noch stolz zurückblicken kann, ohne daran erinnern zu müssen, wer das noch mal war. Eine Einschätzung, die vielleicht nicht für alle aber doch für erfreulich viele Musiker des diesjährigen Festivals wie Zaz und Caro Emerald gilt. Und wenn es etwa bei Clare Maguire oder Rumer noch etwas länger dauern dürfte, bleibt der tröstliche Blick etwa auf Emiliana Torrini, die einige Jahre nach ihrem Auftritt in Baden-Baden überraschend doch noch einen Riesenerfolg verzeichnen konnte.
– Die aufgezeichneten Konzerte des New Pop Festival zeigt das SWR-Fernsehen vom 23. September bis zum 18. November, jeweils Freitagnacht nach 0 Uhr. Das "Special" des Festivals mit u. a. Frida Gold, Jason Derulo und Melanie C zeigt die ARD am 30. September, 23 Uhr. Eine 75-minütige Zusammenfassung des Festivals sendet Arte am 5. November, 22 Uhr.

Autor: Stefan Rother