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18. Februar 2010

Ein Denkmal der inneren Emigration

Das Oskar-Schlemmer-Haus in Badenweiler wird versteigert.

  1. 1937 gebaut: das Holzhaus in Badenweiler/Sehringen Foto: bauermeister

  2. Der Künstler Oskar Schlemmer im Jahr 1933 Foto: ullstein

Der Ortskern von Badenweiler liegt hinter uns, in Sehringen verengt sich die Straße. Ein von den Jahren angenagtes Gartentor links. Sehringer Straße 13. Steiler Treppengang am wuchernden Gesträuch vorbei. Ein zweiter Weg führt im sachteren Anstieg im Bogen durchs Grundstück. Oben das schlichte Holzhaus mit Balkon. Die Jalousien sind geschlossen. Das Haus sieht verlassen aus. Auf der Eingangstür auf ausgeblichenem Rosa groß und lesbar ein Name: Schlemmer. Das letzte Wohnhaus des Malers und Plastikers Oskar Schlemmer – jetzt ist es Teil eines Erbstreits.

Janina Schlemmer, Tochter der früh verstorbenen Schlemmertochter Karin, fordert ihr Erbe ein. Ihr Anspruch ist mehrfach gerichtlich bestätigt. Doch blockierten die anderen Erbberechtigten, Janinas Tante, die vor wenigen Tagen in Basel verstorbene Ute Jaina Schlemmer, und deren Sohn Raman, das Gros des Nachlasses schon seit Jahren. Wohl 2000 bis 3000 künstlerische Arbeiten Schlemmers halten sie unter Verschluss, Leihgaben zogen sie aus Museen zurück. Ein Urteil des Bundesgerichtshofs verpflichtet sie zur Offenlegung, doch sind die Bilder nach wie vor an unbekanntem Ort im Ausland.

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Eine Auktion von mehr als 60 Werken, die Enkelin Janina greifbar waren, scheiterte 2008 in Köln. Das Oberlandesgericht München hatte dem Einspruch von Raman und Ute Jaina Schlemmer stattgegeben. Beide Erbparteien müssten einer Versteigerung zustimmen, bestätigte der Richterspruch. Nun bricht sich Janina das Haus in Sehringen aus dem ihr sonst nicht verfügbaren Erbe heraus. Sie hat die Zwangsversteigerung veranlasst.

Für die Erhaltung des Hauses setzen sich engagierte Bürger ein. Für sie spricht auch Ulrich Schroeter. Geldgeber werden gesucht, sagt er, unter anderem wurde die Stiftung Bauhaus angeschrieben. Ein Sponsorenkreis, der bei der Versteigerung würde in Erscheinung treten können, wird sich wohl auf die Schnelle aber nicht bilden. Doch die fürs Schlemmer-Haus Bewegten halten Kontakt zu möglichen privaten Bietern, und es ist auch schon darüber gesprochen worden, wie man es als Veranstaltungshaus wenigstens partiell öffnen – kulturell würde nutzen können. Badenweilers Bürgermeister Hans-Eugen Engler will derweil unterstreichen: Jede Initiative, den Bau zu erhalten, ist der Unterstützung der Gemeinde gewiss. Nicht sagen will er, ob Badenweiler als Mitbieter auftritt beim Termin am 3. März im Freiburger Amtsgericht. 115 000 Euro sind dabei ja eine denkbar niedrige Taxe für die Immobilie.

Das Haus ist 1937 gebaut; aus einer kleinen Erbschaft bestritt Schlemmer die Kosten. Sonst war er mittellos. Die Nazis hatten ihn aus dem Lehramt in Berlin getrieben, das er zuletzt nach seinem Weggang aus dem Dessauer Bauhaus inne hatte. Anerkennung und Öffentlichkeit waren verloren. "Ein Sommer! Ein Hausbau! München und die ,Entartung’. Ein Atelier, groß und schön, ohne Sinn und Zweck", notiert er im Tagebuch, am Ende eben des Jahres, in dem er auf der berüchtigten Feme-Ausstellung in München mit seinen Bildern der feixenden Meute ausgesetzt war und sich in Sehringen den Ort für den Rückzug schuf.

Hier hat ein Künstler das Überleben versucht

Von Resignation und Depression spricht er. Und von seiner Gegenwehr. Als der Bau endlich abgeschlossen ist, muss er sich "nach einem Geldverdienst" umschauen und, wie er im Tagebuch schreibt, "dieses Haus und seine Träume … verlassen". Brotarbeit findet er in einem Malergeschäft in Stuttgart, dann in einer Lackfabrik in Wuppertal. Nach Sehringen, nach "daheim", kommt er immer wieder zurück. Da saß er am Fenster, schaute in die Sonne und sah die Landschaft als Bild an: ein "Spiel von geheimen Geometrien". In Wuppertal entsteht dann die Serie der Fensterbilder, die einen verwandelten Schlemmer zeigt. Nicht mehr das optimistisch geklärte Menschenbild der Bauhauszeit, nicht mehr den modernen Klassizismus. Eine wundersame Balance vielmehr von Traurigkeit und Idealität. Von einem neu gewonnenen "Glücksgefühl" schreibt er aus Sehringen dem Freund Julius Bissier (der zu der Zeit in Hagnau am Bodensee lebt, nicht mehr in Freiburg). Aber er leidet, ist zermürbt und erkrankt. Aus der Universitätsklinik in Freiburg schreibt er – wieder an Bissier – kurz vor seinem Tod 1943, was ihm das "Häuschen" bedeutet: "Sehringen wird das künftige Domizil = Zentrum sein", dies habe Tut, seine Frau, "grollend längst gefordert". Wuppertal, Stuttgart, das sei nun gewesen. Er redet von einem neuen Leben. "Vita nuova".

Kein Zweifel, Sehringen hat Bedeutung. Es gehört zum Bild, das wir von Oskar Schlemmer haben, dazu – selbst wenn die Frage noch nicht gültig beantwortet ist, ob er an der Architektur mitzeichnete und ob das ursprüngliche Inventar noch erhalten ist. Dies Haus in der Abgeschiedenheit überm Rheintal steht für das letzte Kapitel im Leben eines der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Es steht, allgemein gesprochen, für jenes Phänomen der subjektiven Wehr gegen die faschistische Barbarei, das man als "innere Emigration" bezeichnet. Ein Denkmal in dem Sinn doch zweifellos. Hier hat ein Künstler im Nazi-Deutschland das Überleben versucht.

Die Denkmalpflege kann sich im Moment nur mit Vorbehalt äußern. Der Zutritt zum Haus ist ihr verwehrt, doch ist er zum Zweck der eingehenden Untersuchung rechtlich durchsetzbar, wenn denn ein Käufer das Haus zu verändern oder gar abzureißen vorhat. Wer immer es kauft, dem wird im Freiburger Amtsgericht vermittelt werden, dass es "denkmalpflegerisch bedeutend sein könnte". Dass "vieles" für den Denkmalwert spreche, hat der zuständige Referent im Regierungspräsidium, Hermann Ringhof, gegenüber BZ-Redakteurin Gabriele Babeck-Reinsch betont.

Im Basler Kunstmuseum konnten wir noch unlängst die so einzigartig melancholisch-konstruktivistischen Schlemmer’schen Fensterblicke aus dem Jahr 1942 betrachten. Doch auch hier in Badenweiler, in Sehringen, haben wir den Schlemmer der Spätzeit authentisch vor Augen.

ZUR PERSON: OSKAR SCHLEMMER

1888 ist Schlemmer in Stuttgart geboren. An der Stuttgarter Kunstakademie ist er Meisterschüler beim Maler Adolf Hölzel. 1920 wird er an das Staatliche Bauhaus in Weimar berufen. Mit seiner interdisziplinären Arbeit profiliert er sich dort. Ab 1923 ist er Leiter der Bühnenwerkstatt am Bauhaus. 1929 wechselt er an die Breslauer Akademie, dann an die Vereinigten Staatsschulen für Kunst in Berlin. 1933: Entlassung aus dem Lehramt durch die Nationalsozialisten. 1937 Hausbau in Sehringen. 1943 stirbt Oskar Schlemmer in Baden-Baden.  

Autor: BZ

Autor: Volker Bauermeister