"Eine unverständliche Hamsterei"

Michael Behrendt

Von Michael Behrendt

Fr, 31. August 2018

Müllheim

BZ-SERIE ZEITUNGS-GESCHICHTEN VON 1918 UND 1968:Im Krieg leidet die Zivilbevölkerung / Mangel herrscht / Einige Schlaglichter.

MARKGRÄFLERLAND (BZ/mib). Die Jahre vor einem ganzen und einem halben Jahrhundert – 1918 und 1968 – markieren historische Zäsuren in der deutschen Geschichte. Im Keller der Badischen Zeitung in Müllheim lagern Zeitungsbände aus dem Markgräflerland, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Wir haben in Ausgaben der beiden geschichtsträchtigen Jahre geschmökert und dokumentieren in loser Folge und ohne Anspruch auf chronologische Vollständigkeit interessante und kuriose Zeitungs-Fundstücke von 1918 und 1968.

Mit 1918 geht der Erste Weltkrieg in sein letztes Jahr. Er wirkt sich auch unmittelbar auf das Leben der Zivilbevölkerung aus. Lebensmittel- und Kohleknappheit, Not und Begleiterscheinungen wie der Schwarzmarkt sind Stichworte dafür. Deutlich wird dies auch in Beiträgen der Markgräfler Nachrichten (Müllheimer Tageblatt). Auf der dritten des zumeist vier Seiten umfassenden Blattes tauchen unter der Rubrik "Aus dem Markgräflerland" immer wieder Meldungen auf, die das Thema zum Gegenstand haben. Der Zusammenhang auch mit dem Krieg wird nicht ausdrücklich erwähnt, ist aber naheliegend. Im Folgenden: Schlaglichter in Form von wörtlichen Zitaten aus der Zeitung vom Januar und Februar 1918.

Obstversorgung
"Die Enteignung des Obstes bei den Händlern steht in Aussicht. Die badische Obstversorgung veröffentlicht folgendes: Es ist uns bekannt, daß größere Mengen von Winterlagerobst von Erzeugern und Großhändlern in der Erwartung zurückgehalten werden, es werde ihnen später gelingen, das Obst zu wesentlich höheren Preisen abzusetzen. Zur Beseitigung etwaiger Zweifel wird bemerkt, daß eine spätere Festsetzung höherer Preise ausgeschlossen ist, und daß gegen Schleichhandel mit allen zu Gebote stehenden Mitteln vorgegangen wird. (...) Großhändler, die Obst zurückhalten, haben die Entziehung der Großhandelsgenehmigung zu gewährtigen. Wer Obst im Schleichhandel unter Ueberschreitung der festgesetzten Höchstpreise absetzt, setzt sich einer Gefängnisstrafe bis zu einem Jahr und Geldstrafe bis 10 000 M aus."

Kohle
"Trotz Winterkälte brauchen bei uns die Leute nicht frieren. (...) Auch für die Gemeinde Badenweiler trat Kohlenverordnung in Kraft, wenn auch Preis und Kriegsware viele zunächst am Zugreifen hinderte. Mit dem Licht dagegen haben die Gemeinden bitter zu leiden, die wie Schweighof u. Lipburg, den Anschluß verfehlt haben’. (...) Da gibt es endlose Nächte ohne rechte Würdigkeit und kurze Tage! Da gibt es ein Laufen und teures Kaufen von Kerzen. Da gibt es ein ärgerliches Herumschweifen der Jugend auf den dunklen Gassen. Das sind rechte Uebelstände. Ueber die Nahrungsfragen würde der Chronist gern ein kräftig Wörtlein sagen, nach oben und nach unten. Aber er glaubt trotz allem Hamstern und Uebertreten, trotz Selbstsucht und Neid an die Macht des Guten. Ist es nicht herzerfreuend, was unsere Kinder jetzt leisten im Laufen und Warten, im Schleppen und Holzen, im Sammeln und Arbeiten? Ist nicht die Kraft mancher Altmutter wunderbar? Wie wissen sich die Leute zu helfen und einzurichten. Wie gern wird immer wieder geschenkt und geopfert. Wie dankbar sind die Ferienkinder, von denen noch jetzt seit Sommeranfang in Lipburg und Zunzingen und bis kürzlich auch noch in Badenweiler bleiben dürfen."

Salzmangel
"Wie unsinnig die Gerüchte über einen Salzmangel sind, geht aus der Tatsache hervor, daß allein die Saline Dürrheim im Jahre 1917 über 1 Million Kilogramm Salz mehr erzeugte als 1916. Wenn trotzdem mancherorts ein vorübergehender Mangel entstanden ist, so ist das nur, wie schon des öfteren von uns betont wurde, auf eine unverständliche Hamsterei überängstlicher und gewissenloser Menschen zurückzuführen. So wurde in der Nähe Offenburgs in einem Privathause über 2 1/2 Zentner Salz im Vorrat entdeckt. Wenn man berücksichtigt, daß das Salz durch zu lange Lagerung an Kraft verliert, so ist eine solche Hamsterei doppel gefährlich."

Schnaps
"Hereingefallen ist ein Chriesiwasserschleichhändler. Dieser hatte etwa 150 Liter des gesuchten Feuerwassers im Tale (bei Schliengen; d. Red.) zusammengehamstert und wollte damit nach Freiburg um dort dafür unerhörte Schleichhändlerpreise zu erhalten, die er auch selbst bezahlte. Das Chriesiwasserle wurde aber ruchbar. (...) Der Mann wurde ertappt. Nun ist das Geschäft gründlich verdorben. Die erhebliche Menge Kirschwasser ist beschlagnahmt und das Geld des Schleichhändlers das er dafür aufgewandt hatte verloren. (...) Die Strafe wird noch folgen (...)."

Kinderarbeit
"Befreiung vom Schulbesuch. Das Unterrichtsministerium hat die Ermächtigung erteilt, Schüler und Schülerinnen der Volksschule, die auf Schluss des aufenden Schuljahres zur Entlassung kommen, vom 1. Februar ab für den Rest des Schuljahres von der Teilnahme am Unterricht zu befreien, wenn sie durch eine Bescheinigung des Bürgermeisteramtes ihres Wohnortes oder ihrer Heimatgemeinde den Nachweis erbringen, daß sie zur Aufrechterhaltung des landwirtschaftlichen, kaufmännischen oder gewerblichen Betriebes ihrer Eltern, oder zur Verhütung der Not in ihren Familien von diesen dringend benötigt werden (...). "

Butter
"Die große Mehrzahl der Verbraucher holt ihre Butter gewohnheitsmäßig Montag und Dienstag ab, was bei dem starken Andrang an diesem Tage zu Unzuträglichkeiten in der Käserei Wagner führt. In der hiesigen (Müllheimer; d. Red.) Käserei wird die regelmäßig eingelieferte Vollmilch täglich zu Butter verarbeitet, sodaß jedermann sein Quantum in guter, frischer Ware erhält, gleichgültig ob er Anfang, Mitte oder Ende der Woche einkauft. Haushaltungen, die sich nicht aus irgendeinem Grunde am Montag oder Dienstag versorgen müssen, wollen deshalb ihren Anteil an einem anderen Tage abholen. Sollte diese Anregung nicht befolgt werden, so müßte eine Abgaberegelung in alphabetischer Ordnung erfolgen. Um dem Mißstand vorzubeugen, daß sehr oft Eier und Fettmarken für mehrere Wochen verloren gehen, empfiehlt es sich, zum Bezug von Eiern und Fett nur die für die betreffende Woche gültige Marke in die Käserei Wagner zu schicken. Gehen diese dann verloren, so tritt Verlust wenigstens nur für eine Woche ein, denn nach der Bekanntmachung Großherzogl. Bezirksamt vom 29. Juni können verlorene Lebensmittelmarken nicht ersetzt werden."

Schweine
"Die mit Rücksicht auf die Sicherstellung der Brotgetreide und Kartoffelverordnung zurzeit durchgeführte Verminderung der Schweinebestände hat bei den Landwirten die Befürchtung erweckt, die Maßnahme möchte die Selbstversorgung für das kommende Wirtschaftsjahr gefährden. Dem gegenüber sei bemerkt, daß der Staatssekretär des Kriegsernährungsamtes die Bundesregierungen ermächtigt hat, von der Enteignung neben allen wirklichen Zuchtschweinen auch die Ferkel und die Läuferschweine (...) auszunehmen, sofern sie am 1. Februar ein Lebendgewicht von 25 Kg. noch nicht erreicht haben und der Nachweis geführt wird, daß ausreichendes zulässiges Futter (...) zu ihrer Durchhaltung vorhanden sind."

Wein
"In den Keller der Wirtschaft zum ,goldenen Engel’ (in Müllheim; d. Red.) ließ sich der dort früher beschäftigt gewesene Knecht (...) an einem Seil hinunter. Dort versuchte er Wein zu stehlen und aus dem Keller hinaus zu schaffen. Dabei hatte der Dieb das Pech, daß ihm der gestohlene Wein – etwa 150 Liter – in den Keller auslief. In der Nachbarschaft wurde das seltsame nächtliche Treiben bemerkt und die Wirtsleute benachrichtigt." Der Dieb "hatte sich bereits nach einem Käufer des Weins umgesehen und wollte auch 4 Laibe Brot mitgehen lassen. Die städtische Polizei verbrachte den Weinliebhaber hinter die ,schwedischen Gardinen’."