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23. Juni 2009

"Raffiniert humane Kur"

Hermann Hesses und Karl Jaspers’ Vermächtnis eröffnet dem Kurort Badenweiler neue Chancen.

BADENWEILER. Im Mittelpunkt steht ein Buch. Sein Titel "Eine raffiniert humane Kur" verrät, dass es hier um Krankheit und Leiden, Heilung und Genesung geht. Unter anderem. Denn im Wesentlichen handeln dieses Werk und die ganze Veranstaltungsreihe, die sich noch bis 29. Juli in Badenweiler darum rankt, nicht von den beeindruckenden Möglichkeiten des Medizinbetriebs in unseren modernen Zeiten.

Es geht um die Chancen einer "am wirklichen Leben orientierten" (Karl Jaspers) gelungenen Beziehung zwischen Arzt und Patient und einer Wahrnehmung der Welt, die über das rein Technisch-Wissenschaftliche hinausgeht – ein hochaktuelles Thema.

Dass dieser Stoff etwas mit dem künstlerischen Schriftsteller Hermann Hesse und dem wissenschaftlichen Philosophen Karl Jaspers zu tun hat, erstaunt nicht. Beide waren jahrzehntelang sehr krank und suchten Heilung in Badenweiler. Der eine litt körperlich, der andere seelisch. Und beide fanden, unabhängig voneinander, in Dr. Albert Fraenkel jemanden, der sich ihrer nicht nur medizinisch-wissenschaftlich, sondern in einer mitmenschlichen Weise annahm.

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Hesse liefert uns in seinem literarischen Werk den Beleg dafür, dass das, was wir heute "Gesprächstherapie" nennen, ihm immer wieder half, sein "Nerven- und Gemütsleiden", heute Depression genannt, für eine gewisse Zeit zu überwinden.

An seinen Vater Johannes Hesse schreibt er im Juli 1909: "Gestern abend war ich mehrere Stunden mit dem Arzt zusammen, in freundschaftlich lebhaften Gesprächen bei Abendessen und einem Glas guten Wein, als sein Gast. Jedenfalls ist das eine raffiniert humane Kur!" Und an einer anderen Stelle lesen wir über Albert Fraenkel Hesses bezeichnenden Satz: "Unser Professor behandelt nicht Krankheiten, sondern Menschen".

Dass die Kritik an der modernen Apparate-Medizin nichts umwerfend Neues ist, lehrt uns schon der Mediziner und Philosoph Karl Jaspers mit seiner Abhandlung "Der Arzt im technischen Zeitalter". Und in diesem Punkt besteht auch eine enge geistige Verbindung zu Hermann Hesse, obwohl sich die beiden offenbar nie begegnet sind.

Wenn in diesen Tagen an die 100. Wiederkehr jenes Tages erinnert wird, an dem der 32-jährige Hermann Hesse in einer persönlichen und schöpferischen Krise den ersten von sechs Badenweiler Kuraufenthalten in den Jahren 1909 bis 1914 antrat, steht nicht so sehr die schmückende Tatsache im Vordergrund, dass der Schriftsteller sich diesem Kurort besonders verbunden fühlte. Das ist zwar auch ein bedeutender, bislang viel zu wenig gewürdigter Aspekt. Viel wichtiger erscheint aber, dass, anknüpfend an Hesse und Jaspers, sich hier für Badenweiler – über alle Denkmalpflege hinaus – die Chance eröffnet, zu einem Ort zu werden, von dem ein Impuls ausgeht. Der Impuls nämlich, die Methoden der Medizin nicht allein nur am wissenschaftlich Notwendigen und technisch Machbaren auszurichten. Denn ärztliche Heilkunst hat von alters her auch eine geistige Dimension, über die allein ein Mediziner zum seelischen Kern eines Menschen vorzudringen vermag.

Das war auch der Tenor bei einem Pressegespräch, zu dem jener kleine Kreis eingeladen hatte, der das Hesse-Projekt jetzt auf den Weg gebracht hat: der pensionierte Pfarrer Rolf Langendörfer, der Gäste bei literarischen Spaziergängen durch Badenweiler führt, Rita Grimm die Eigentümerin der Villa Hedwig, der Hermann Hesse in "Haus zum Frieden" ein Denkmal gesetzt hat, der Mediziner und Gründer des Albert-Fraenkel-Centrums Badenweiler, Dr. Christof Schnürer, und Christof Diedrichs, Autor eines Buches über die Villen in Badenweiler.

Der Arzt und Pharmakologe Professor Dr. Albert Fraenkel, der von 1890 bis 1920 in Badenweiler wirkte, war ein erfahrener, vielseitig gebildeter Mensch, ein ernsthafter Forscher, der es mit der intravenösen Strophantin-Therapie zu Weltruhm brachte. Er war aber auch ein charismatischer Arzt. Er wusste um die heilende Kraft der Kunst, des stillen Schönen. Und er setzte diese Erkenntnis bei der Gestaltung der Villa Hedwig, damals eine Diätetische Kuranstalt, sowie der Villa Paul um. Er wollte seinen Patienten "nach Möglichkeit ein neues Heim bieten". Mit ihnen erörterte er ausgiebig nicht nur lebenspraktische, auf die Gesundheit bezogene Themen, sondern auch philosophische. Er wusste aber auch um die Bedingtheit allen menschlichen Strebens.

Albert Fraenkel half Hermann Hesse, in der Zeit der Krise, zu sich zu finden, zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen, und Abstand von Illusionen zu nehmen. Eine dieser Illusionen war, krank zu sein. Der Arzt praktizierte bereits "ganzheitlich", als dieses Wort noch kein Begriff war. Er überzeugte Hesse davon, gesund zu sein. Als der Schriftsteller, so ermutigt, Badenweiler verließ, war für ihn einiges geklärt. Neue Lebenskrisen blieben ihm dadurch aber nicht erspart. Manches in Hesses Schriften, in denen sich sein Ringen mit sich selbst spiegelt, deutet darauf hin, dass Albert Fraenkels menschliche Medizin ihn tief beeindruckt hat.

Das in dieser Woche im Schliengener Kulturverlag Art & Weise erscheinende Buch "Eine raffiniert humane Kur", das am Donnerstag um 20 Uhr in der Müllheimer Buchhandlung Beidek im Rahmen einer Lesung öffentlich vorgestellt wird, vereint alle wichtigen Texte und Briefe Hermann Hesses zu seinen Aufenthalten und Begegnungen in Badenweiler.

Nähere Einzelheiten unter http://www.villa-hedwig.de/hesse/

Autor: Bernd Michaelis