Warm, leuchtend, reich und raffiniert

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Mi, 04. April 2018

Badenweiler

Die französische Orgel-Romantik lässt Musikfreunde in besonderen Klangsphären schweben – in Badenweiler gab es eindrucksvolle Kostproben davon zu hören.

BADENWEILER. Warme, leuchtende Klangfarben und eine reiche Harmonik mit raffinierten chromatischen Tönungen kennzeichnen die französische Orgelmusik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Louis Patrick Ernst, Orgelbauer und Organist an der Kirche St. Martin in Colmar, brachte die ganze Fülle der französischen Spätromantik mit zu seinem "Concert Mosaiques" in der Pauluskirche von Badenweiler. Mit ihm kam die Sopranistin Claire Decaux, Kammermusik-Sängerin und Chorleiterin mehrerer Vokalensembles in Frankreich und der Schweiz.

Eine Pastorale von César Franck für Orgel Solo stimmte auf einen Abend ein, bei dem das Publikum eintauchen konnte in die geheimnisvolle spirituelle Welt einer kontemplativen Frömmigkeit. Gleichzeitig konnte man staunen, wie sich die Orgel von Badenweiler als perfektes Instrument für die weichen Konturen und die diffizile, fließende Harmonik der großen Romantiker aus Frankreich darstellte.

Souverän setzte Ernst die Zungenregister mit ihrer reichen Obertönigkeit in Szene, schuf mit dem Schwellwerk dramatische Crescendi und erzeugte durch den Kontrast von Hauptwerk und Rückpositiv herrliche Raumwirkungen.

Claire Decaux verfügt über einen kraftvollen, vibratoarmen Sopran, der ohne Registerbrüche bis in große Höhen reicht. Die Melodielinien des Panis angelicus, des Ave Maria oder auch der gregorianischen Verse des Veni Creator zogen eine klare leuchtende Spur durch den Raum und wirkten stellenweise wie ein zusätzliches Orgelregister. Besonders eindrucksvoll war der Dialog zwischen dem a cappella agierenden Sopran und der Orgel in Marcel Duruflés Version von Veni Creator, einem lateinischen Hymnus aus dem 9. Jahrhundert, die sich am Schluss zu einem gewaltigen Finale steigert.

Der große Louis Vierne, der 37 Jahre lang als Titularorganist in der Pariser Kathedrale Notre Dame gewirkt hatte, kam mit dem Orgelsolo "Carillon de Longpont" zu Wort, einem energisch bewegten Stück, in dem sich die Akkorde wie Hochgebirge auftürmen. Der normannische Dichter Jehan Le Povremoyne hat das dreimal zu den Tageszeiten gesprochene Angelusgebet als Vorlage für einen dreiteiligen Text verwendet, dessen poetische Bilder Vierne für Orgel und Gesang vertonte. Die Interpretation dieses Stücks durch die beiden französischen Künstler wurde zu einem Höhepunkt des Konzerts. Nicht zuletzt auch deswegen, weil das Programm die Übersetzung des französischen Textes bot. Hier wurden impressionistische Gemälde zu duftigen Klangbildern, die das flirrende Licht der mittäglichen Sonne malten und den Tag über einem langen Orgelpunkt am Abend entschweben ließen.

Ein weiteres Highlight war das innige Ave Maria von Jehan Alain mit einem empathischen Oktavaufschwung am Anfang, der Claire Decaux mühe- und makellos gelang. In seinem Solostück für Orgel mit Variationen über ein Thema von Clément Janequin widmet sich Alain der spröden Schönheit der Renaissance-Musik, ein weiterer leuchtender Mosaikstein im Programm. Gabriel Fauré war vertreten mit einem Gebet nach einem Text von Stephan Bordèse. Und Francis Poulenc hat ein Gebet um Frieden von Charles D‘ Orleans vertont als zartes Klanggemälde mit wiegender Bewegung und feiner spätromantischer Harmonik.

Mächtiger Schlusspunkt und gleichzeitig ein Blick zurück auf das Ostergeschehen war das Orgelsolo "Resurrection", Schlusssatz der Symphonie-Passion op. 23 von Marcel Dupré. Dieses Stück wurde 1924 auf der größten Orgel der Welt im Wanamaker Department Store, Philadelphia, uraufgeführt, wie Kantor Horst K. Nonnenmacher dem Publikum in seiner Einführung berichtet hatte. Hier holte Ernst noch einmal alles aus der Badenweiler Orgel heraus, mit mystischen Effekten von wispernden Mittelstimmen, der Dramatik vollgriffiger Non-Legato-Akkorde und einer mächtigen Pedal-Posaune, die als Cantus Firmus die bewegte Aktion auf den drei Manualen zusammenhielt.