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05. August 2012 20:36 Uhr

Grenzgänger

Bald fehlen Baden viele Grenzgänger aus dem Elsass

In der Nachbarregion sprechen immer weniger junge Leute Deutsch – und viele Ältere gehen bald in Rente. Künftig wird die Zahl der Grenzgänger wohl dramatisch abnehmen. Die Politik ist alarmiert.

  1. Trachtenvereine im Elsass können nicht über die schwindenden Deutschkenntnisse hinwegtäuschen. Foto: Verein

Monat für Monat überbringt die französische Arbeitsagentur die gleiche, schlechte Nachricht: Die Zahl der Erwerbslosen im Elsass steigt. Um die Jahrtausendwende meldete die Region noch fast Vollbeschäftigung. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Arbeitssuchenden verdoppelt.

Die Erwerbslosenquote liegt bei mehr als acht Prozent. Besonders zu denken gibt, dass ein Faktor in Gefahr geraten ist, der lange als Trumpf der elsässischen Arbeitnehmer und der hiesigen Industrie galt: Die zweisprachige Kultur der Grenzregion.

Die Folgen der schwindenden Deutschkenntnisse sind längst unübersehbar. Bis vor zehn Jahren lag der Anteil der Grenzgänger im Elsass bei zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Ihre Zahl ist seitdem um 10.000 gesunken. "Auf den ersten Blick mag das alles gar nicht so gravierend erscheinen", sagt Patrick Hell von der Industrie- und Handelskammer Mulhouse. "In den nächsten Jahren wird jedoch eine große Zahl dieser Grenzgänger aus dem Berufsleben ausscheiden, die so gut Deutsch beherrschten, dass sie problemlos in einer der Nachbarregionen Arbeit gefunden haben."

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Muttersprachler sollen im Elsass Deutsch lehren dürfen

Jene, die täglich zur Arbeit über die Grenze fahren, sind seit Jahrzehnten in der Nachbarschaft zu Nordbaden und im Dreiländereck Elsass-Südbaden-Nordwestschweiz am zahlreichsten. Theoretisch könnte diese Gruppe Platz machen für die nächste Generation junger, tatkräftiger Elsässer. Genau das, sagt Patrick Hell, werde höchstwahrscheinlich nicht geschehen, weil den jüngeren Arbeitssuchenden die Deutschkenntnisse fehlen.

Da läuten auch bei den Politikern die Alarmglocken. Die führenden Köpfe der drei wichtigsten politischen Gremien im Elsass forderten, dass die Einstellung von Muttersprachlern als Deutschlehrer in den französischen Schuldienst erleichtert werden soll. Das schrieben die Präsidenten der beiden Generalräte, Charles Buttner und Guy-Dominique Kennel, sowie der Präsident der Region Elsass, Philippe Richert, in einem Brief an den französischen Bildungsminister.

Als Königsweg für den Erhalt der deutschen Sprache in der Region gilt seit den 90er Jahren der zweisprachige Unterrichtszweig. Ihn besuchen im Primarbereich ein Fünftel der Kinder. Das ist teuer und es fehlen geeignete Lehrkräfte, die Deutsch gleichsam in den Sachfächern unterrichten können.

Wer als Ausländer in Frankreich an einer staatlichen Primar- oder Sekundarschule anheuern will, für den führt jedoch kein Weg an der Staatsprüfung in sämtlichen Fächern und obendrein in französischer Sprache vorbei. Von einer Sonderregel für deutsche Muttersprachler als Lehrkräfte versprechen sich die Unterzeichner des Briefes einen schnelleren Ausbau des zweisprachigen Schulangebots in der Region.

Wer Deutsch beherrscht oder den regionalen Dialekt, hat die besseren Karten auf dem Arbeitsmarkt. "Wir beobachten im Elsass sehr wohl, dass unsere Nachbarn händeringend nach Fachkräften suchen", sagt Patrick Hell. In den Nachbarregionen liegen die Arbeitslosenquoten auf einem Tiefstand. Im Elsass häufen sich deshalb die Bemühungen, Arbeitskräfte nachzuqualifizieren. Vor zwei Jahren finanzierte die Region eine Imagekampagne für Deutsch und Elsässisch, wohl wissend, dass ein Generationenwechsel bevorsteht.

Die Arbeitsverwaltungen rechts und links des Rheins arbeiten nun gemeinsam an neuartigen Weiterbildungskursen. Es geht aber um mehr als nur um Arbeitskräfte. 85 Prozent der elsässischen Unternehmenschefs, das belegte eine Umfrage, sind der Meinung, ihr deutsch-französisches Image trage maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg der Region bei. "Wenn Sie mit Chefs oder leitenden Angestellten sprechen, erfahren sie, dass Englisch womöglich ausreicht, um erste Geschäftskontakte zu knüpfen", sagt Patrick Hell. "Für einen dauerhaften Erfolg ist die Beherrschung der Muttersprache eines Partners unabdingbar."

Zweisprachigkeit ist ein wirtschaftlicher Vorteil

Die Exportregion Elsass liefert nicht nur ein Drittel ihrer Produktion für das Ausland nach Deutschland. "Deutsche Unternehmen", sagt Olivier Eck von der Wirtschaftsförderungsagentur Alsace international, "bilden auch bei den internationalen Niederlassungen die wichtigste Gruppe." Deutschen Touristen sind die zahlreichsten unter den ausländischen Gästen im Elsass. Sie schätzen das Elsass nicht nur als kulinarisch oder kulturell reizvolles Reiseziel. Dass es von außen als zweisprachig wahrgenommen wird, trägt ebenfalls zu seiner Attraktivität bei – noch.

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Autor: Bärbel Nückles


9 Kommentare

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Reinhard Zimmermann

Registriert seit: 02.12.2009

Kommentare: 61

05. August 2012 - 23:18 Uhr

Den Rückgang der Zweisprachigkeit im Elsass habe ich in den zwanzig Jahren, seit denen ich in dem Dörfchen Geiswasser lebe, mit Unbehagen verfolgt. Die Ursachen sind vielfältig. Der Dialekt als Basis für die Beherrschung der deutschen Hochsprache wird von vornherein als minderwertig angesehen und viele Eltern haben bei ihren Kindern den Dialektgebrauch m.o.w. subtil unterbunden. Hinzu kommt im Elsass, dass die französische Schulverwaltung jahrzehntelang alles daran gesetzt hat, die Germanophonie auszumerzen. Man kann die Gründe für all das in der Geschichte suchen, aber der Schaden für die junge Generation und der Verlust an kultureller Vielfalt sind ein hoher Preis, den solche Borniertheit fordert.

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Charles David  

Charles David

Registriert seit: 19.07.2012

Kommentare: 68

06. August 2012 - 05:53 Uhr

In Teilen scheint der Artikel wie aus der BAZ abgeschrieben. Der gleiche Tenor. Die Schweizer akzeptieren nicht, wenn die Elsässer-Franzosen nicht die Primarsprache verstehen. Zu Recht! So wird es hier auch kommen. Das haben sich die Elsässischen Familien selbst zuzuschreiben. Die Grosseltern reden noch in der Muodersproch, die Kinder nur noch rudimentär - mengisch mol zweisprachig, mit den Enkeln können sie nur noch französisch reden. Die Sprachkompetenz hätten sie in der Familie kostenlos und einfach haben können, jetzt ist es perdu! C'est la vie.

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Michael Müller

Registriert seit: 12.01.2012

Kommentare: 103

06. August 2012 - 10:04 Uhr

Die französische Seite spricht kein Deutsch und die Grundschüler in Deutschland müssen Französisch nehmen, anstatt frei zwischen Französisch und Englisch wählen zu können.
Was ich für ein Schwachsinn. Wo Politik im Spiel ist, setzt der Verstand aus.

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Pat Gra  

Pat Gra

Registriert seit: 12.07.2011

Kommentare: 140

06. August 2012 - 10:43 Uhr

Ich habe oft mit Gästen aus Frankreich zu tun. Von den Jungen, dazu zähle ich auch mal die bis 40. jährigen, sprechen auch nur sehr wenige Englisch, was eine Komunikation oft sehr, sehr schwierig macht.

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Michael Keller

Registriert seit: 12.03.2012

Kommentare: 745

06. August 2012 - 12:26 Uhr

Herr Math,

"Ich habe oft mit Gästen aus Frankreich zu tun. Von den Jungen, [...] sprechen auch nur sehr wenige Englisch, was eine Komunikation oft sehr, sehr schwierig macht. "

Wenn Sie französische Gäste beruflich treffen oder beherbergen, könnte es auch am "Sprachimperialismus" der Franzosen liegen. Zum Beispiel bei der EU in Brüssel weigern sich praktisch alle Franzosen auch in informellen Treffen eine andere Sprache als französisch zu sprechen, selbst wenn alle Teilnehmer englisch können und kein Engländer dabei ist (also niemand von dieser Sprachwahl besonders profitieren kann).

Das geschiegt angeblich auf "Befehl von ganz oben", damit sprachliche Missverständnisse immer zu Lasten des Gesprächspartners gehen...

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Bert Pavel

Registriert seit: 19.07.2012

Kommentare: 328

06. August 2012 - 15:39 Uhr

Herr Keller, jedenfalls bemühen die Franzosen sich berechtigt die vielen
anglizismen zu verhindern, denn bei uns spricht man schon überwiegend
denglisch, was ich persönlich abscheulich finde!
Zum Artikel selbst ist zu sagen, dass es schade um den elsässischen
Dialekt, also d Muttersproch ist. Es gibt einige Vereine die sich bemühen
dies aufleben zu lassen, leider ohne große Unterstützung der regionalen
Regierungsfuzzis die natürlich meist aus dem tieferen Frankreich kommen.

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Ralph Walchner

Registriert seit: 26.06.2009

Kommentare: 810

06. August 2012 - 15:53 Uhr

War es nicht vom französischen Staat aus durchgesetzt, dass im Elsass niemand mehr Deutsch sprechen kann? Damit auf deutscher Seite keiner mehr auf die Idee kommt das Elsass gehöre zu Deutschland. Ich meine so etwas sogar im Geschichtsunterricht gehört zu haben, bin mir ehrlich gesagt aber nicht sicher.

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Michael Keller

Registriert seit: 12.03.2012

Kommentare: 745

06. August 2012 - 15:57 Uhr

Herr Pavel,

"Herr Keller, jedenfalls bemühen die Franzosen sich berechtigt die vielen
anglizismen zu verhindern, denn bei uns spricht man schon überwiegend
denglisch, was ich persönlich abscheulich finde!"

Dieses "ceterum censeo" verstehe ich nicht. Das war weder das Thema des Artikels noch auch nur am Rande Gegenstand meiner Ausführungen.

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Roland Hellbardt

Registriert seit: 08.12.2010

Kommentare: 736

06. August 2012 - 15:58 Uhr

Doch, Herr Walchner, das war so. Auf ähnlichem Wege wurde auch das Okzitanisch fast ausgerottet und die gälische Sprache in der Bretagne.

@Herr Pavel: Das mit den Anglizismen ist schon richtig. Aber wer auf der internationalen Bühne 'rumturnt, sei es Politik, sei es Wirtschaft, sollte schon Englisch beherrschen ... und auch anwenden. Hat sich nun mal so durchgesetzt. Allerdings sollten sich die Amis und die Briten abgewöhnen, in solchen internationalen Kreisen ihren teilweise tiefsten Dialekt anzuwenden. Den versteht man nämlich in der Regel nicht, selbst wenn man Englisch kann. (Letztes Beispiel aus meinem Leben: Ein Ami aus Südtexas, der bei einer Schulung in Brasilien teilgenommen hatte!!)

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