Eine Autorin, die Zweifel und Zwänge kennt

Sabine Model

Von Sabine Model

Do, 13. September 2018

Ballrechten-Dottingen

Maria Kehlenbeck stammt aus Ballrechten-Dottingen und hat mit "Für Kusskuss brauch ich kein Rezept" einen Roman veröffentlicht.

BALLRECHTEN-DOTTINGEN. Wer gerade seinen 40. Geburtstag feiert und den zweiten Roman herausbringt, ist in Sektlaune. Maria Kehlenbeck, die eigentlich mit ihrer Familie in der Nähe von Heilbronn lebt, feiert genau diese beiden Ereignisse in ihrer Heimat Ballrechten-Dottingen im Hause Gesing. Innerhalb eines Jahres geht ihre als Trilogie angelegte Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau in die zweite Runde. Die erste Buchauflage über Laura Bernfeld ist verkauft. Wer mehr über die engagierte Lehrerin und passionierte Freiburgerin erfahren möchte, kann jetzt zuschlagen.

"Laura ist gereift", schickt die Autorin dem neuen Buch voraus. "Ich musste mich von der leicht naiven Laura verabschieden." Sympathisch bleibt sie allemal. "Ich hätte sie gerne zur Freundin gehabt", räumt Maria Kehlenbeck ein. Doch jetzt entpuppt sich die quirlige Städterin quasi in großer Symbolik von einer lebenshungrigen Raupe zum ahnungsvollen Schmetterling. Ausgelöst wird der Reifeprozess durch die unfreiwillige Versetzung in den tiefsten Schwarzwald. In dem kleinen Ort Geschwend ticken die Uhren völlig anders, nerven Funklöcher, leben knorrige Charaktere und geistern dunkle Geheimnisse.

Die überzeugte Städterin muss sich auf die ungeplante Situation einlassen und auf noch viel mehr. Da beherrschen hormongesteuerte Siebtklässler und zwei syrische Flüchtlingskinder ihren Unterricht. Die neue Freundin ringt mit einer ziemlich verkorksten Beziehungskiste. Die plötzlich auftauchende Exfrau ihres Freundes Jan rundet das Chaos ab. In der gewöhnungsbedürftigen Dorfgemeinschaft mit ihren emotionalen Altlasten. Laura muss lernen, manche Dinge in die Hand zu nehmen, anderen Entwicklungen Zeit zu geben oder ihren Lauf zu lassen. Laura entdeckt ihr "Natur"-Talent und in einem reflektierenden Moment die geballten Vorteile, eine Frau zu sein. Es herrscht der ganz normale zwischenmenschliche Wahnsinn mit Pickeln und anderen Katastrophen.

Laura durchlebt Phasen, die viele Leserinnen und Leser kennen und sich darin wiederfinden. Doch wie der launige Titel "Für Kusskuss brauch ich kein Rezept" erahnen lässt, ist neben Überraschungen, flapsigen Floskeln und erkenntnisreicher Substanz die Liebe eine wesentliche Konstante. Aber eben keine ungestörte. Etliches kommt anders als geplant, aber am Ende wieder alles bestens ins Lot.

Das zweite Buch schließt damit nahtlos an das erste an, allerdings anders, vor anderer Kulisse unter völlig anderen Umständen, mit Lebensfragen und Erfahrungen auf einer neuen Ebene. Immer noch Belletristik im Taschenformat mit erwachsen gewordenem Konfliktpotenzial und unterhaltsam vermittelten Denkanstößen.

Der dritte Band ist bereits fertig. Auf Laura warten dort neue Herausforderungen. So wie auch die Autorin seit neun Jahren mit der Diagnose Multiple Sklerose schon durch manche Krise musste. Ihre Erzählungen sind authentisch, weil sie weiß, was Zweifel und Zwänge sind. Selber Lehrerin kennt sie auch diese Seite von Laura. Sogar der Ort im Schwarzwald ist ihr vertraut. 2005/2006 hat sie in Geschwend beim ehemaligen Ortsvorsteher Oertel in der Elsbergstraße gewohnt und an der Silberbergschule in Todtnau eine 7. und 8. Klasse in allen Fächern unterrichtet. Ihre Hochzeit fand in der Kapelle im Nachbardorf Präg statt. Die Geschichten um Laura, so sagt sie, seien allerdings fiktiv, phantasievoll ausgeschmückt und überzeichnet.

Die beiden Kinder Julia (11) und Johannes (9) nehmen regen Anteil am Erfolg der Mama und begleiten sie sogar zu Lesungen. Ihr Mann Andreas, seines Zeichens Konzertpianist, lässt in die Spannungen und Stimmungen der Buchab- schnitte entsprechende Ministücke und eigene Kompositionen am Klavier einfließen. Pralinen mit Zartbitterschokolade und Kirsche bringen den bitter-süßen Schwarzwald-Geschmack ins Spiel. Und weil Laura im Reisegepäck mit Freunden schon in viele Länder der Welt reiste, bildet eine daraus entstandene Urlaubs-Dia-Show den Vorspann des ungewöhnlichen Lesungsformats.

Maria Kehlenbeck erfüllt an ihrer Schule in Obersulm derzeit ein Deputat von 18 Stunden. Die Schülerinnen und Schüler gehen seit neun Jahren sehr entspannt mit ihrer Krankheit um. Sie macht daraus kein Geheimnis, aber auch nicht zwingend ein Thema. "Marathonlaufen lass ich einfach weg", lacht sie. "Dafür schreibe ich." Ein Super-Rezept, sein Leben, allen ungeliebten Umständen zum Trotz, glücklich zu gestalten.

Maria Kehlenbeck: Für Kusskuss brauch ich kein Rezept. Roman. Erschienen im Silberburg-Verlag, Tübingen 2018, 189 Seiten, 12,99 Euro.