Hochrhein

200 Menschen demonstrieren für Totalsanierung der Grenzacher Kesslergrube

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 29. Juni 2015

Basel

Chemiemüll kennt keine Grenzen – ob ins Grundwasser gespült, über den Wind verteilt oder lastwagenweise über die Landesgrenzen gekarrt.

GRENZACH-WYHLEN/BASEL. Mit derselben Selbstverständlichkeit reichen sich heute auch Umweltaktivisten über Landesgrenzen hinweg die Hände. Mit einem "farbigen und friedlichen Protestspaziergang" setzten am Sonntag mehr als 200 Wanderer aus Südbaden und der Nordwestschweiz ein Zeichen für sauberes Trinkwasser und einen Totalaushub der Grenzacher Kesslergrube.

"Direkt vor unserer Haustür tickt eine ökologische Zeitbombe", warnte der Basler Großrat Thomas Grossenbacher (Grüne) am Ziel auf dem Basler Marktplatz. Ob in der Kesslergrube oder der gegenüberliegenden Muttenzer Deponie Feldreben – die Hinterlassenschaften von Chemie- und Pharmakonzernen bedrohten die Trinkwasserversorgung von 230 000 Menschen. Den Verursachern hätte klar sein müssen, dass ihre Müllentsorgung nicht auf Dauer angelegt war, sagte der Basler. Die vom Chemieriesen BASF jetzt in Grenzach geplante Einspundung ihres Teils der Grube sei wieder nur eine Fortsetzung der Zwischenlösung, die man so nicht hinnehmen werde: "Der Protestspaziergang ist erst der Anfang. Morgen ist es ein Marsch, und wenn es sein muss, laufen wir auch einen Protestmarathon."

Verhaltenes Lob bekam dagegen die Basler Roche, die aus alten Fehlern gelernt habe. "Ein Pharmakonzern mag es nicht, wenn er mit Gift in Verbindung gebracht wird", sagte der Basler Altlastenspezialist Martin Forter. Roche habe "Lehrgeld gezahlt" bei der stark umstrittenen Teilsanierung auf dem Grenzach-Wyhlener Hirschacker und grabe nicht zuletzt aus Imagegründen jetzt seinen Teil der Kesslergrube komplett aus. Der Nachbar Novartis hätte dagegen wenig Professionalität an den Tag gelegt bei seinen noch andauernden Ausgrabungen in Huningue und 2013 "die ganze Stadt mit Giftstaub überzogen". Das führte zum einstweiligen Stopp der Arbeiten und Mehrkosten in dreistelliger Millionenhöhe. Nicht die Industrie, nicht Gesetze oder Behörden hätten bisher aber je ein Umdenken bewirkt, so Forter, sondern ausschließlich öffentlicher Druck. Und auf den könne man auch diesmal bauen.

Auf Einladung der Greenpeace-Regionalgruppe Basel, die den Protestspaziergang mit Unterstützung vom deutschen BUND und der BI Zukunftsforum Grenzach-Wyhlen organisiert hatte, war auch die erst 2014 gegründete Muttenzer "IG Deponie Feldreben richtig aufräumen" mit im Boot. "Wir müssen im Dreiland zusammenspannen", sagte deren Sprecher Beat Schreier in seiner Grußbotschaft. "Wir fordern die rigorose Sanierung in Muttenz und in Grenzach!" Schließlich, so hatte der Muttenzer schon unterwegs schmunzelnd bemerkt: "Wenn die den Salat drüben haben, haben wir ihn dann gleich auch." Das gilt selbstverständlich auf beiden Seiten und internationalisiert den Protest weiter. Für den Greenpeace-Protestzug, der im grün regierten Basel von Polizei auf Fahrrädern begleitet wurde, hatte der Weg über die Grenze denn auch besonderen Symbolgehalt.

Auch die geschätzten 15 000 Tonnen Chemiemüll, die zwischen 1950 und 1976 in der Kesslergrube eingelagert wurden, kamen schließlich sowohl aus den damaligen Ciba-Geigy- und Roche-Produktionsstätten in Grenzach-Wyhlen als auch aus Basel. Die Verantwortung liegt heute ihrerseits in zwei Ländern, da die Kesslergrube zu einem Drittel Roche sowie seit 2009 zu zwei Dritteln BASF gehört. Während Roche aber rund 250 Millionen Euro in einen Totalaushub investiert, setzt BASF für sein Umspundungsprojekt nur etwa ein Zehntel an. 2011 hatte die Altlastenbewertungskommission des Landes Baden-Württemberg Sanierungsbedarf festgestellt. Ende 2014 wurden seitens des Lörracher Landratsamts beide Varianten akzeptiert.