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10. Juni 2009

Kunst

Art Basel: So viel war noch nie

Art Basel: Die Kunstmesse zeigt keine Schwäche

"Same procedure as every year?" Nicht unbedingt, denn dieses Jahr ist ein besonderes für die größte Kunstmessse der Welt: die Art Basel, "das schönste temporäre Museum" (Vogue), feiert ihren 40. Geburtstag – und präsentiert pflichtgemäß eine Liste der Superlative. So viel "Art" war nie am Rheinknie: 2500 Künstlerinnen und Künstler aus 33 Ländern, präsentiert von rund 300 Galerien, darunter die altehrwürdigen Namen: Marlborough, Pacewildenstein, Gagosian, Hauser & Wirth … nebst neun Neuzugängen. 1100 Aussteller hatten sich beworben – auch dies ein Rekord.

Art Unlimited: Oase der Ruhe


Und wiederum scharen sich um die zentrale Messe sechs weitere Großpräsentationen. Allen voran als integraler Bestandteil die Art Unlimited, die mit ihren großformatigen Videoinstallationen diesmal eine Oase der Ruhe und Kontemplation markiert im messeüblichen Getümmel. Die "Liste 09" im Areal der Warteck-Brauerei lässt lediglich Künstler unter 40 zu, die "Volta-Show" in der Industrie-Halle präsentiert 100 zumeist sehr junge Teilnehmer, die "Hot Art Fair" legt ihren Schwerpunkt auf Mexiko. Die "Scope Art Show" in den Rheinauen und die "Print Basel" am Claraplatz setzen weitere mitunter freche Akzente. Dazu kommt ein imposantes Rahmenprogramm: Fünf Ausstellungen der großen Basler Museen, zwei ("Van Gogh" und "Giacometti") von Weltformat. Erstmals spielt auch das Basler Theater im großen Stil mit: Als "erste Künstleroper der Welt" gilt "Il Tempo del Postino", eine Aufführung von 15 Künstlerstücken, die auf komplexe Weise das Thema Zeit verdichten. So viel zur Agenda.

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Noch etwas ist diesmal anders: Schweißperlen auf den Stirnen hektisch zirkulierender Besucher sind nicht mehr auszumachen. Gelassenheit hält Einzug auf der Kunstmarktbühne. Gekauft wird weiter, doch kaum mehr spontan. Beileibe kein Einbruch, aber eine deutliche Marktberuhigung. Die zwei superben Gemälde von Francis Bacon in zweistelliger Millionenhöhe, welche die New Yorker Galerie Marlborough anbietet, sind jedenfalls schon reserviert, nicht so die große Liegende von Henry Moore und Kokoschkas Porträt des Komponisten Anton von Webern.

Wir befinden uns im ersten Stock des Messerondells, dort wo traditionell wenig gewagt und gleichbleibend viel verkauft wird: die Großen der Klassischen Moderne, wie etwa Paul Klee, dessen farbintensives Spätwerk "Östlich-süss" die Galerie Acquavella für sechs Millionen Dollar anbietet. Die Münchner Galerie Thomas zeigt ein faszinierendes Fasanen-Stillleben ihres Prestige-Künstlers Chaim Soutine für 1,35 Millionen Dollar. Für ein spätes Großformat von Joan Miró muss der geneigte Käufer bei Helly Nahmad, London, ganze 15 Millionen Pfund hinlegen. Ein ähnlich großer später Picasso kostet bei Richard Gray 6,5 Millionen Dollar. Wie groß das Preisgefälle zwischen den Werkphasen des großen Spaniers noch immer ist, beweist ein Blick auf das weit kleinere surreale Bildnis seiner Schweizer Gefährtin Therèse: Es kostet 18 Millionen Dollar mehr. Die vielleicht schönste Kollektion der Klassischen Moderne zeigt Nagy London: gleich vier erlesene Morandi-Stillleben, eine Murnauer Herbstlandschaft von Wassily Kandinsky, sechs Klees, zwei Cézanne-Aquarelle und vier (!) Skulpturen von Alberto Giacometti. Eines der teuersten Bilder der Ausstellung – das einzige von ihm präsentierte – verwahrt der Zürcher Bruno Bischofsberger in seiner silberfolienbespannten Riesenkoje wie in einer Schatzkammer: 22 Quadratmeter misst Andy Warhols "Big Retrospective Painting", welches Hauptmotive seines Schaffens aneinanderreiht. Ob dafür indes 80 Millionen Franken zu erzielen sind, steht noch dahin. Ein Stockwerk höher wird es gewohnt unübersichtlich, zugleich steigt die Spannung.

Welche Trends in der Gegenwartskunst lassen sich ausmachen? In der Kürze der Zeit gar keine. Gewiss nur Zufall, dass der von den optischen "Sensationen" gewohnheitsgemäß Erschlagene immer wieder Tieren begegnet. Er stolpert über Möpse, trifft gleich zweimal auf von Glasblasen und "Diamanten" umnebelte Hirschköpfe des Japaners Kohei Nawa, bei Esther Schipper auf drei heilige Karpfen und bei Friedmann, London, sieht er sich gar einem kopflosen Vogel Strauß gegenüber.

Apropos: Politische Bezugnahmen sind rar auf dieser Messe. Wohltuend, dass sich zumindest Martha Rosler in ihren Fotomontagen (Galerie Christian Nagel, Berlin) des Themas Irak und Afghanistan annimmt. Das NS-Höllenszenario in der Vitrine von Jake und Dinos Chapman mit dem euphemistischen Titel "No Woman no cry" (White Cube, London) ist (in rein künstlerischer Hinsicht) allerdings weit weniger grauenhaft als Tokashi Murakamis mit echten Diamanten und Saphiren ummantelte Konsumartikel in einem Cartoonmonster-Maul. Ironische Replik auf den Konsum als solchen oder den von Pop-Art?

Stete Begleiter sind die nur vordergründig subtilen Hohlspiegelobjekte von Anish Kapoor, in denen sich die Schönen und Reichen der Kunstwelt bevorzugt ablichten. Doch bespiegelt der Kunstmarkt zuweilen auch sich selbst, so bei De Carlo, Mailand. In einer Art privatem Andachtsraum warten drei miteinander verbundene Beichtstühle für Künstler, Galeristen und Sammler auf die wechselseitige Gewissensbefragung. Das chromglänzende Kreuz an der Wand aber ist – ein Tresor.
– Art 40 Basel: Messe Basel, Messeplatz. Bis 14. Juni, 11–19 Uhr.
–  Liste 09: 64 Galerien präsentieren junge Kunst. Werkraum Warteck, Burgweg 15, Basel. Bis 14. Juni, tägl. 13–21, So 13–19 Uhr.





 

Autor: Stefan Tolksdorf