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12. August 2017

Der Augenzeuge

Der Kunst Raum Riehen würdigt den renommierten Basler Pressefotografen und Fotoreporter Kurt Wyss mit einer Retrospektive.

  1. Der Schriftsteller Urs Widmer: eine Fotografie von Kurt Wyss aus der Ausstellung im Kunst Raum Riehen. Foto: Kurt Wyss

Er hat legendäre Künstler fotografiert, von Joseph Beuys bis Andy Warhol, er hat berühmte Schriftsteller wie Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt porträtiert, er hat ein halbes Jahrhundert Kunst, Kulturleben und Zeitgeschehen mit der Kamera dokumentiert: Kurt Wyss. Der renommierte Basler Fotograf, dem der Kunst Raum Riehen nun eine umfangreiche Hommage widmet, hat sich selbst aber nie als Künstler empfunden, sondern als Pressefotograf und Fotoreporter. Als Augenzeuge, der mit präzisem Blick und hautnah ein Stück Zeitgeschichte eingefangen und prominente Persönlichkeiten aus Kunst und Literatur ins Bild gesetzt hat. "Augenzeuge Kurt Wyss" heißt denn auch treffend die gestern eröffnete Retrospektive, in der ein ganzes Fotografenleben ausgebreitet wird. Seit mehr als 50 Jahren ist der gebürtige Basler als Fotograf aktiv, dessen Arbeit von hohem Berufsethos geprägt ist und für den die Devise gilt: "Zeigen, was zeigbar ist".

Eigentlich wollte der 80-Jährige diese Rückschau "Kurt Wyss analog" nennen. Denn versammelt sind ausschließlich analog entstandene Schwarz-Weiß-Fotografien, die Geschichten erzählen, Geschichten von Menschen, vom Wandel der Gesellschaft in Basel und anderswo. Die ältesten Exponate sind eine Impression vom Basler Rheinhafen von 1951 und die Momentaufnahme eines Kindes mit Trommel, die Wyss während seiner Fotografenlehre gemacht hat.

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Die von Katharina Dunst kuratierte Schau beginnt wie eine Zeitreise chronologisch mit Aufnahmen aus Basel Ende der 1950er Jahre: die damalige Jugendkultur, die Schlagerwelt, der aufkommende Fernsehkonsum, aber auch die aufkeimende Auflehnung, der Aufbruch, die Friedensbewegung, dokumentiert in Ostermärschen. Der Fotochronist beleuchtet in den 1960er und 1970er Jahren die opponierende Gesellschaft, die Anti-Atomkraft-Demonstrationen, den Jugendprotest, erste Wohngemeinschaften in Basel, Polizeirazzien, die alternative Szene.

Schon früh kristallisiert sich der Themenschwerpunkt Kunst in Wyss’ fotografischem Schaffen heraus. So hat er die Kunstmesse Art von Anfang an begleitet. Ein ausgewähltes Beispiel aus den 1980er Jahren zeigt ein sich küssendes Punker-Pärchen vor einem provokanten Werk von Robert Longo. Neben ortsbezogenen Bildern aus Basel sind Fotografien zu sehen, die bei Reisen und Reportagen in anderen Ländern entstanden sind. Sehr lebendige, sprechende Bilder von Begegnungen mit Menschen in alltäglichen Situationen in Neapel, Venedig, Zypern, Athen und London.

Breiten Raum nehmen Aufnahmen von einer Reportage aus Biafra um 1969 ein. Wyss wollte bewusst "die vielen Gesichter von Biafra" vor Augen führen, eindrückliche Bilder von der Kriegs- und Hungerkatastrophe in diesem Land, von Kindern, die von Hilfsorganisationen mit Essen versorgt werden.

Eine weitere, über zehn Jahre dauernde Langzeit-Reportage führte ihn zu Schweizer Bergbauern, die auf abgelegenen Höfen ein karges, hartes Leben führen. Die Bauern in ihren einfachen Behausungen, eine Familie beim Beten am schlichten Abendbrot-Tisch, von Wind, Wetter, Armut und harter Arbeit gezeichnete Gesichter, eine Bäuerin beim Holzhacken, Bauern mit ihren Tieren, Hühnern, Ziegen, Kälbchen. "Nicht auf die Tränendrüse drücken, sondern konkret zeigen, wie diese Menschen leben", sagt Wyss, der Menschen nicht einfach nur "ablichtet", sondern intensiv Anteil nimmt an ihrem Leben.

Einen wesentlichen Fokus legt die Schau auf die Künstlerporträts, in denen sich Wyss’ Blick für das Besondere, das Charakteristische eines Menschen offenbart. Er baut ein Vertrauensverhältnis zu den Kunst-Größen auf und schafft es, sie in einem Moment zu fotografieren, in dem sie etwas von sich preisgeben. Joseph Beuys hat er während der Kunstaktion "Celtic" fotografiert, Andy Warhol und "Gilbert und George" so, als seien sie Teil ihrer eigenen Bilder, Mark Tobey und Dieter Roth beim Arbeiten im Atelier, Jean Dubuffet, den er in der letzten Lebens- und Schaffensphase begleiten durfte, vor seinen Werken auf dem Boden sitzend oder auf der Leiter stehend. Auch in den Schriftstellerporträts achtet Wyss darauf, ein bestimmtes Attribut in den Blick zu rücken, etwa sprechende Hände wie bei Patricia Highsmith oder Urs Widmer. Den Dramatiker Max Frisch fotografierte er hinter der Kulissen einer Aufführung. Wer Menschen und Situationen so sensibel erfasst wie Kurt Wyss, ist sehr wohl selbst ein Künstler.

Kunst Raum Riehen: bis 10. September, Mittwoch bis Freitag 13-18, Samstag und Sonntag 11-18 Uhr. Rundgang mit Wyss und der Kuratorin Katharina Dunst am 2. September, 17 Uhr.

Autor: Roswitha Frey