Basel

Dokumentartage "It’s the Real Thing" widmen sich der Satire

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Fr, 31. März 2017

Basel

Die dritten Basler Dokumentartage "It’s the Real Thing" widmen sich der Satire.

Die Satire steht im Zentrum der Basler Dokumentartage "It’s the Real Thing". Boris Nikitin schreibt das Programm der letzten beiden Ausgaben fort. Satire ist immer wichtiger geworden. Seiten, die satirische Nachrichten verbreiten, stehen neben Sendungen, die Nachrichten satirisch aufbereiten – und über allem die Wirklichkeit, die zunehmend satirisch wird. Grund genug, sich zu fragen, in welchem Verhältnis die Satire zur Wirklichkeit steht.

Das Programm, das Nikitin zusammengestellt hat, ist so abgründig wie unterhaltsam. Ursula Martinez tritt mit "My Stories, Your Emails" auf. Nachdem ein Striptease aus einer Show der britischen Performance-Künstlerin im Internet gelandet war, erhielt sie zahlreiche E-Mails von fremden Männern, aus denen sie ihre neue Show gestaltet hat – so unterhaltsam wie erschreckend.

Auch bei Kim Noble zeigt sich, wie brüchig die Grenzen von Genres sind, wie nah die Einsamkeit des einen an der Unterhaltung des anderen ist. Noble stellt sein eigenes Leben in den Mittelpunkt seiner Performance. Er stalkt den Kassierer in seinem Supermarkt, ruft Telefonnummern an, die auf Toilettenwänden in Raststätten stehen und trifft Fernfahrer zu Blind Dates. Die Ergebnisse seiner Kontakte präsentiert er in einer so witzigen wie traurigen Show aus Handy-Videos, Chatverläufen und Telefonaten. Das Kuriose: Während seine Show in Großbritannien als weird comedy, als seltsames Kabarett, aufgeführt wurde, wird sie auf dem Kontinent als experimentelles Theater präsentiert – ein Zeichen dafür, dass die Grenzen von Ernst und Satire nicht fest sind und je nach Kontext stets neu verhandelt werden müssen.

Für den Kontext sorgen auf den Dokumentartagen eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen. Der Systemtheoretiker Dirk Baecker erläutert, was Wirklichkeit ist. Der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen spricht über die Beleidigung – spätestens seitdem der türkische Präsident den Satiriker Jan Böhmermann verklagte, ein zentraler Streitpunkt, wenn es darum geht, was Satire darf. Im Gespräch mit dem Schweizer Karikaturisten Chappatte soll der Frage nachgegangen werden, was es für einen Zeichner bedeutet, wenn seine Bilder nicht mehr nur lokal, sondern in der ganzen Welt rezipiert werden. Dazwischen sorgen Konzerte und Ausstellungen für Diversität, in einer gemeinsamen Ausstellung beschäftigen sich Künstler mit der Satire bei der Basler Fasnacht.

Für Boris Nikitin ist das diesjährige Thema die Synthese aus den beiden vorangegangenen Ausgaben der alle zwei Jahre stattfindenden Dokumentartage. 2013 stellte er das dokumentarische Theater, das einen ziemlichen Aufschwung erfahren hat, auf den Prüfstand. Er misstraute seinem Ansatz, unmittelbar Wirklichkeit auf der Bühne darzustellen. Schließlich bleibt es die Darstellung auf einer Bühne. Wenn das Theater behauptet, die pure Wirklichkeit darzustellen, drohe es, zu Propaganda zu werden. Diese erste Ausgabe von "It’s the Real Thing" drehte sich mithin um das Verhältnis von Dokumentarischem, Fiktion und Propaganda.

Zwei Jahre später wechselte Nikitin die Blickrichtung und stellte sich der Frage, wie Öffentlichkeit produziert wird und wie man daran partizipieren kann. Öffentlichkeit muss immer erzeugt werden und kann von Politik, Werbung oder Ökonomie in Beschlag genommen zu werden. Dabei sind die Grenzen von Fakten und Fiktion zunehmend unscharf geworden.

Die beiden Themen haben Nikitin zu seinem diesjährigen Thema gebracht. Die Satire bezieht sich auf Wirkliches, sie überspitzt es, überschreitet Grenzen, ist aber nie bloße Fiktion. Dabei scheint sie immer mehr an Einfluss zu gewinnen. War sie einst ein Mittel der politischen Avantgarde, ist sie im Mainstream angelangt. Auch reaktionäre Kräfte bedienen sich ihr nach Kräften. Es sei an der Zeit, meint der Theatermacher Nikitin, sie aus künstlerischer Perspektive zu betrachten und die Frage zu stellen: "Wo stehen wir Künstler, wenn unser ureigenes Feld von allen Seiten in Beschlag genommen wird?"

Termine: "It’s the Real Thing" – Basler Dokumentartage. 5. bis 9. April, Kaserne Basel und andere Orte.

Weitere Infos unter      itstherealthing.ch