Hüningen

Industriekläranlage: Novartis zieht Notbremse wegen Giftstaubs

sda/alb

Von sda & Michael Baas

Fr, 27. September 2013 um 07:47 Uhr

Basel

Novartis hat die Sanierung im Areal der früheren Industriekläranlage am Rhein bei Hünigen gestoppt. Der Grund sind Rückstände von Lindanin der Luft. Besteht Gefahr für die Gesundheit?

Das teilte der Konzern mit. Anlass sind Lindan-Rückstände, die Basler Behörden und die französische Umweltbehörde DREAL in der Umgebung und der Luft festgestellt haben, sagte ein Sprecher des Lufthygieneamtes (LHA) Basel auf Anfrage. Der Basler Altlastenexperte Martin Forter hatte die Rückstände schon vor Wochen thematisiert und am Mittwoch ebenfalls Analysen veröffentlicht, die Lindan-Rückstände belegen.

Novartis hatte Mitte 2012 und nach der Stilllegung der Kläranlage begonnen, das rund 55.000 Quadratmeter große Gelände am Rhein zu sanieren. Notwendig machen das die Rückstände aus der Produktion des längst nicht mehr existierenden Chemieunternehmens Ugine Kuhlmann; dieses hatte an dem Standort bis 1976 das als Lindan bekannte Hexachlorcyclohexan (HCH) produziert und Rückstände schlicht auf dem Firmenareal entsorgt. Nach dem Konkurs von Ugine Kuhlmann kaufte der Basler Chemiekonzern und Novartis-Vorläufer Sandoz das Gelände Ende der 70er-Jahre und errichtete zusammen mit Ciba die Steih, die Société pour le traitement des eaux industrielles.

Deutliche Messungen

Deren Sanierung sorgt in Basel nun seit Wochen für Beunruhigung. Bereits Mitte des Monats hatte der Altlastenexperte Martin Forter darauf hingewiesen, dass es in Kleinbasel immer wieder stinke und einen Zusammenhang mit der Sanierung des Steih-Areals hergestellt, da von dort Staub nach Basel verweht werde. Staubproben hatten denn auch bereits Anfang September am früheren Hafen St. Johann, an der Einfahrt ins Novartis-Areal und an der Uferstraße in Kleinbasel leicht erhöhte Werte von HCH erbracht und auch bei 22 weiteren Proben, die später erhoben wurden, konnte HCH nachgewiesen werden. Indes lagen damals alle Werte deutlich unter dem vom Schweizer Bundesamt für Umwelt in der Wegleitung Bodenaushub von 2001 festgelegten Prüfwert, hieß damals in der Mitteilung. Entsprechend sahen die Behörden in einer ersten Einschätzung keine Risiken.

Inzwischen wurden aber weitere Proben genommen, die Rückschlüsse über die Niederschlagsmenge zulassen. Von diesen Sieben-Tage-Messungen lägen erst vorläufige Ergebnisse vor, die noch zu validieren seien, heißt es nun im LHA weiter. Diese Ergebnisse seien aber deutlich genug, dass das bisherige Vorgehen bei der Sanierung überprüft werden muss. Wie Novartis mitteilte, haben die der Behörden und des Konzerns ergeben, "dass die Geruchsemmissionen und die Verfrachtung von mit Lindan-Abfällen belasteten Stäuben vorerst nicht wie erhofft reduziert werden konnten".

Gefahren werden unterschiedlich bewertet

Wie groß die Belastung ist, beziffert das Unternehmen in der Mitteilung zwar nicht. Laut Forter, der an sechs Standorten Luftmessungen gemacht und ausgewertet hat, sind von Mitte August bis Anfangs September im Kleinbasler Quartier Klybeck in einem Staubfänger an der Marina-Bar bis zu 94 Mikrogramm Lindan und Lindan-Abfall-Staub niedergegangen. Selbst bei der Mittleren Brücke entdeckte Forter den Staub in der Luft.

Während Novartis in seiner Mitteilung gesundheitliche Risiken verneint und "eine Gesundheitsgefährdung zum jetzigen Zeitpunkt" ausschließt, zeigt sich Forter skeptischer. Er hält es laut seiner Mitteilung für schwierig, die Gesundheitsrisiken, die die gemessenen Schadstoffmengen für die Bevölkerung bedeuteten, abzuschätzen "da Inhalations-Studien weitgehend fehlen". Zudem gefährdeten die Giftstaub-Emissionen das Trinkwassergebiet in den "Lange Erlen", schreibt Forter weiter. Wie der Experte auf seiner Homepage weiter berichtet, habe der Direktor der International HCH & Pesticides Association (IHPA) aus Dänemark, John Vijgen, ihm zumindest bestätigte, dass die Aufnahme des Staubs über die Lunge aus "toxikologischer Sicht gefährlich" sei und der Austritt bei Sanierungsarbeiten "sofort unterbunden werden" sollte.

Staub soll eingedämmt werden

Diese Linie haben sich nun offenbar auch der Kanton und Novartis zu eigen gemacht. Novartis wolle die Situation rasch verbessern und arbeite eng mit den Behörden zusammen, heißt es in der Mitteilung des Konzerns. Die Arbeiten an der Steih würden erst dann wieder aufgenommen, "wenn die gewünschte Verringerung der Geruchsemissionen und Staubentwicklung erreicht werden konnte", und zwar in Koordination mit den Behörden. Damit greift der Pharmakonzern im Übrigen auch eine politische Forderung auf: So haben laut Forter auch die Großräte Heidi Mück (Grünes Bündnis/Basta) und Daniel Goepfert (Schweizer Sozialdemokraten), bereits gefordert, dass Novartis die Arbeiten einstelle und erst wieder aufnehme, wenn zu garantieren sei, dass kein weiterer Staub austrete.

Mück, die in Kleinbasel wohnt, hatte ihren Unmut übrigens bereits am 9. September in einer Interpellation im Großen Rat artikuliert. Darin äußerte sie den Verdacht, dass die Basler Behörden die "Verantwortung am liebsten weiterschieben" und niemand "der Sache ernsthaft nachgehen wollte". Forter selbst beurteilt die Sache nach Angaben der "Tages-Woche" als "Peinlichkeit". Seine Hauptkritik gilt indes nicht den Behörden, sondern dem Verursacher.