Provisorium hält seit 20 Jahren

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Sa, 15. September 2018

Basel

Der Regisseur und Schauspieler Helmut Förnbacher macht in der ehemaligen Zollhalle des Badischen Bahnhofs in Basel Theater.

BASEL. Seit 20 Jahren macht Helmut Förnbacher Theater an einem besonderen Ort: im Badischen Bahnhof Basel. Der Basler Regisseur, Schauspieler und Theaterleiter hat die ehemalige Zollhalle in eine Theaterhalle verwandelt, in der seine Company Jahr für Jahr Klassiker, Komödien, Dramen und moderne Stücke spielt. Schauspieler wie Zuschauer schätzen das spezielle Ambiente in diesem Theaterraum. Am Sonntag, 16. September, eröffnet Förnbacher seine 21. Saison in diesem Domizil.

Dass er so lange hier spielen würde, hätte er sich anfangs nicht träumen lassen. Bevor die Förnbacher Theater Company im Badischen Bahnhof ein festes Zuhause fand, ist sie an wechselnden Spielorten aufgetreten, hat in Kirchen, in Parks in Riehen, im Botanischen Garten, in Hallen der Messe Basel, sogar in einem eigenen Zirkuszelt gespielt. Auf der Suche nach einem neuen Spielort konnte sich Förnbacher 1997 im Buffet des Badischen Bahnhofs einmieten, das damals vom Theater Basel genutzt wurde, und führte dort "Lumpazivagabundus" von Nestroy auf.

Zu der Zeit wurde gerade die Schweizer Zollhalle im Badischen Bahnhof frei. Förnbacher war fasziniert von der leerstehenden alten Halle und konnte sie von der Direktion der Deutschen Bahn für ein halbes Jahr bekommen. "Und dann haben wir das hier in ein wunderschönes Theater verwandelt und dachten, wir spielen hier ein halbes Jahr. Aus diesem halben Jahr sind 20 Jahre geworden, und das immer provisorisch", erzählt Förnbacher, "mal wurde es ein halbes Jahr verlängert, mal ein Jahr. Es sah wirklich nicht so aus, als ob wir hier lange bleiben können."

Die Bahn habe alles versucht, um wie in anderen Bahnhöfen große Geschäfte hineinzubauen, so Förnbacher. "Aber da hier alles unter Heimatschutz ist, war das nicht möglich." Am Anfang seien immer Investorengruppen gekommen und hätten sich das angeschaut, es sei aber nie zu einem Abschluss gekommen. Und so wurde der Vertrag mit dem Förnbacher Theater immer wieder provisorisch verlängert. Wie Förnbacher erklärt, müsse auch die Stadt Basel einverstanden sein. "Wir müssen jedes Mal, wenn wir verlängern, ein Baugesuch eingeben, das ist sehr kompliziert. Aber es ist immer gut gegangen, weil wir alle Sicherheitsvorschriften erfüllen." Nach aktuellem Stand kann das Förnbacher Theater noch bis 2020 in der Halle bleiben. Das sei von der Stadt Basel und der Deutschen Bahn so akzeptiert.

Die Vorschriften sind streng

Förnbacher nimmt das Prozedere um die Vertragsverlängerungen gern in Kauf, denn er liebt diesen mehr als 100 Jahre alten Raum, den er liebevoll zum schmucken Theater ausstaffiert hat. "Der Saal ist traumhaft schön, es wäre schon schade, wenn man hier irgendwann aufhören müsste." Die Vorschriften sind sehr streng. So darf Förnbacher nichts baulich verändern, nichts abreißen, sondern nur verschönern. Auch die Technik sei nicht in die Wände eingelassen, sondern liege auf dem Fundament, so dass man nichts zerstöre, erklärt der Impresario. Das Foyer ist einladend gestaltet mit roten Wänden, roten Stühlen und vielen von Celestino Piatti gestalteten Theaterplakaten, der Saal selbst bietet Platz für 180 Zuschauer. Die rot gepolsterten Sitze stammen aus der früheren Basler Komödie. Sie haben für Förnbacher einen nostalgischen Erinnerungswert. "Wir sind das einzige Theater der Welt, wo sich die Bühne in der Schweiz befindet, die Toilette aber in Deutschland", beschreibt Förnbacher. Dass man während der Vorstellungen ab und an die Züge vorbeifahren hört, gehört zum eigenen Charme dieses nicht subventionierten Theaters.

Bisher hatte die Theatergruppe ihren Fundus im Tunnel unter dem Bahnhof untergebracht. Vor einem Jahr gab es Sicherheitsauflagen und das Lager im Tunnel musste geräumt werden. So hat Förnbacher nun eine Fabrikhalle in Münchenstein gemietet.

Weit über 100 Stücke hat Förnbacher im Badischen Bahnhof herausgebracht, viele davon selbst inszeniert. Das erste Stück, das er in der Theaterhalle 1998 auf die Bühne brachte, war Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung". Seither bringt er jedes Jahr sechs neue Eigenproduktionen heraus. In der aktuellen Saison stehen 19 Stücke auf dem Spielplan. In den Anfangsjahren im Badischen Bahnhof hat Förnbacher noch viel fürs Fernsehen gedreht. Er hat große quotenbringende Filme für ARD und ZDF gemacht, nicht nur Regie geführt, sondern auch selbst mitgespielt. Dazu gehören elf "Tatort"-Folgen mit Manfred Krug und Charles Brauer. Mit den Filmen finanziere er das Theater, sagt Förnbacher. "Ich liebe das Drehen, aber ich liebe auch das Theater. Wenn ich Theater spiele, habe ich Weltliteratur." Als Regisseur will er diese packenden Texte vermitteln und Geschichten erzählen, die das Publikum berühren. Der Raum im Badischen Bahnhof sei dafür ideal, denn die Zuschauer sitzen hier nah an den Schauspielern.