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15. März 2017

Basel

Rundgang durch drei Ausstellungen in Basel und Hégenheim

AUSSTELLUNGSRUNDGANG: In der Basler Kunsthalle und dem BelleVue Ort für Fotografie in Basel und der Fabrikculture in Hégenheim.

  1. Guillaume Greff, aus der Serie „Untitled, Dead Cities“, 2011 Foto: Annette Mahro

  2. Maria Loboda, "The Evolution of Kings", 2017 (hier ein Ausschnitt) Foto: Annette Mahro

"Bildgewaltig – Frauenportraits", der Titel führt auf den ersten Blick in die Irre. Geht es im Basler Ausstellungsraum BelleVue, Ort für Fotografie doch keineswegs etwa um mit der Kamera gemalte und inszenierte Schönheit. In fünf Bilderserien aus Indien, Afghanistan, Italien, Namibia und Vietnam, ergänzt um je ein Kurzvideo, nähern sich Schweizer Fotografen stattdessen dem Thema Gewalt an Frauen. Anstatt reißerisch sind die Erzählungen eher leise, damit aber umso wirkungsvoller. In seiner Serie "Die jungen Frauen von Kabul" hat etwa der Tessiner Reto Albertalli afghanische Mädchen für Einzelportraits vor die Kamera geholt und lässt allein deren Blicke sprechen. Bei seiner Burkaträgerin im Schneegestöber ist auch das nicht mehr möglich.

Während der Basler Michael Hauri aus Vietnam nach China verkaufte Mädchen porträtiert, die ungefragt den aus der jahrzehntelangen Einkind- und Abtreibungspolitik resultierenden dortigen massiven Männerüberschuss auszugleichen haben, bleibt der Genfer Jean Revillard in Europa und fängt traurige Realitäten verschiedener Flüchtlingsschicksale ein. Hatte der Bildjournalist zuletzt die wilden Camps in Calais zum Thema gemacht, ist es diesmal die geflüchtete Afrikanerin Sarah, die in den Wäldern um Turin auf Freier wartet, um ihre theoretische Weiterreise finanzieren zu können, aber auch um Ihrer Mutter Geld zu schicken. Die junge Frau, die dem Fotografen den Rücken zuwendet oder ihr Gesicht unter ihren langen Haaren versteckt, steht stellvertretend für zahllose Schicksale und hat erkennbar nicht die leiseste Chance.

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Auch in der Hégenheimer Fabrikculture steht das Medium Fotografie aktuell im Vordergrund, allerdings unter anderen Vorzeichen. "Point zéro. Walter Derungs et Guillaume Greff" hat die Basler Kuratorin Gerda Maise die Ausstellung mit Arbeiten der aus Basel und Straßburg stammenden Künstler genannt. Beide haben sich auf die Suche nach Nullpunkten gemacht, nach Räumen und Unorten, die Verlassenheit ausstrahlen, auch wenn sie, wie etwa im Fall der südfranzösischen Touristenhochburg "La Grande Motte" vielleicht gerade alles andere als verlassen sind. Walter Derungs’ Schwarz-weiß-Bildserie von einzeln aufgenommenen, steril anmutenden Hotelbauten des ab den 1960er Jahren entstandenen Komplexes hat der Ausstellung zum Titel verholfen, liegt er doch auf Meereshöhe am somit mehrdeutigen Point zéro.

Guillaume Greff hat sich mit der Kamera in der Öffentlichkeit normalerweise verschlossenen Gefilden bewegt und unter anderem Ansichten einer in der Champagne gelegenen Scheinstadt fotografiert. Gebaut ist sie allein zu militärischen Übungszwecken und erinnert entsprechend an potemkinsche Fassadenarchitektur, hinter der nur Leere herrscht. Die gespenstisch menschenlose Umgebung inmitten einer Natur, die, wie oft auf Truppenübungsplätzen, hier und da auch wilde Schönheit entwickelt, schafft auf den großformatig abgezogenen Fotos des Straßburgers eine beklemmende und gleichzeitig freie Atmosphäre. Ähnlich verhalte es sich, so die Kuratorin, mit der Fabrikculture, sei doch die alte Fabrikhalle an den Grenze zwischen Frankreich und Schweiz auf ihre Art ein die künstlerische Freiheit bedingender Unort.

In ganz andere Gefilde entführt die im polnischen Krakau geborene Maria Loboda in der Basler Kunsthalle. Unter dem an sich schon obskuren Titel "Havoc in the Heavenly Kingdom" (Verwüstung im himmlischen Königreich) erzählt Loboda Geschichten von Magie, Okkultismus und Undurchschaubarkeit. Ihre Werke sind Kompositionen, die verstören und verwirren. Vieles erschließt sich frühestens beim zweiten Hinsehen, ein Geheimnis behalten sich Lobodas Arbeiten indes immer vor. In der Bildserie "The Evolution of Kings" (Die Entwicklung von Königen) sind beispielsweise nur Ausschnitte von Hosenbeinen und edelste Herrenschuhe zu sehen, die scheinbar sorglos in Schlamm und Morast stecken. Welche Art moderner Könige hier gemeint sein könnte, mag jeder für sich entscheiden.

Einen sehr genauen Blick braucht auch, wer über den ausgelegten Sisalteppich ins Obergeschoss der Kunsthalle steigt, um den goldenen Ring zu bemerken, den die Künstlerin in eine der zur Befestigung dienenden Treppenläuferstangen eingehängt hat. Der Gegenstand ist dabei für Loboda in diesem Fall frei variabel, unabdingbar sind dagegen ihre Titel. "Trample Your Atavistic Ennui into This Sisal Rug" (Trample deine atavistische Langeweile in diesen Sisalteppich) nennt sie diesmal ihr Werk, bezieht sich damit auf Filippo Tommaso Marinettis Manifest des Futurismus von 1909 und schafft einen weiteren Link. Dass sich unter dem Teppich noch mehr verbirgt, weiß erst, wer den ausliegenden Saaltext zu Hilfe nimmt. Zwingend nötig ist das indes nicht. Jede Arbeit entwickelt auch so ihre eigene Magie.

Kunsthalle Basel: "Maria Loboda: Havoc in the Heavenly Kingdom", bis 14. Mai, Di/Mi/Fr 11-18, Do 11-20, Sa/Si 11-17 Uhr, Basel, Steinenberg 7, Info: http://www.kunsthallebasel.ch

Fabrikculture Hégenheim: "Point zéro. Walter Derungs et Guillaume Greff", bis 9. April, Sa/So 11-18 Uhr, Hégenheim, 60, rue de Bâle, Info: http://www.farbikculture.net

BelleVue, Ort für Fotografie: "Bildgewaltig - Frauenportraits", bis 9. April, Sa/So 11-17 Uhr, Breisacherstr. 50 (im Hinterhof), Basel. Podiumsgespräch 1. April, 14.30 Uhr: "Realität und Abbild: Welche Bilder brauchen wir?", Info: http://www.bellevue-fotografie.ch

Autor: Annette Mahro