11. November 2009 18:18 Uhr
Protest
Studenten besetzen Basler Uni
Gegen Bolognastress, Einfluss von Firmen auf die Uni, Präsenzkontrollen und Unirat: Basler Studenten besetzten am Mittwoch die Aula, protestierten und diskutierten. In der Nacht davor der Aktion hatten Unbekannte das Kollegiengebäude mit Parolen beschmiert.
BASEL. In Wien ist seit mehr als zwei Wochen der größte Hörsaal der Universität von Studenten besetzt und auch in Deutschland gab es Proteste, unter anderem in Tübingen, Heidelberg, Darmstadt und Potsdam. Diese richten sich gegen überfüllte Hörsäle und schlechte Betreuung. Jetzt hat die Bewegung die Schweiz erreicht.
Morgens halb zehn in Basel: Angekündigt war ein Aktionstag gegen die Kommerzialisierung der Bildung an der Universität Basel. Man wollte sich solidarisieren mit den Studierenden der mehr als 30 besetzten Universitäten in Europa. Aber beim Blick auf die Wände des Kollegiengebäudes bleiben viele erst einmal fassungslos stehen. "Nein, oder? Nein! So doch nicht!", hört man sie sagen.
In der Nacht auf den Aktionstag wurde die Fassade mit Parolen besprüht: "Es gibt zwei gute Arten von Unis: eine besetzte und eine brennende" steht dort. Und: "Schiesst die Professoren vom Podest". Das Symbol der Antifaschisten prangt von Wänden und Statuen. Die Aktionsgruppe "Unsere Uni", die den Aktionstag geplant hat, handelt schnell: Es werden Plakate ausgedruckt auf denen man sich distanziert von den Graffiti. Einzig die Schärpen mit der Aufschrift "Denk mal", die in der ganzen Stadt Statuen umgehängt wurden, gehörten offiziell zur Aktion.
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Die erste besetzte Uni der Schweiz
Dann geht plötzlich alles Schlag auf Schlag. Infotische werden auf-, die Stühle der Aula abgebaut, Megafone machen die Runde, Studenten werden mit Flyern in alle Institute geschickt. Um zehn ist es offiziell: Die Universität Basel ist die erste besetzte Universität der Schweiz in der Aktionswoche "Education is not for sale".
"Jede Uni hat etwas andere Forderungen, Schwer- und Brennpunkte", sagt Cedric Schmid. Er ist dabei, bei der Initiative "Unsere Uni", und einer der wenigen, der seinen Namen verrät. Offizielle Sprecher gebe es keine, betont er. In der Universität Basel lauten die Hauptforderungen: Demokratisierung und Stärkung der Selbstverwaltung, keine Privatisierung und Instrumentalisierung der Hochschulen durch Wirtschaftsunternehmen, Abschaffung von Studiengebühren, faire Löhne und bessere Vertretung der Frauen an der Hochschule.
Mitbestimmung ist ein Thema
Das klingt abstrakt. Fragt man nach, erfährt man, was Einzelnen besonders am Herzen liegt. Neben dem Druck der durch das Bologna-System entsteht, sind Präsenzkontrollen und vor allem die Mitbestimmung ein Thema: "Der Unirat entscheidet alles – und da sitzen hauptsächlich Leute von Novartis und Roche", sagt Cedric.
In großen Lettern steht auf den Transparenten in der Aula "Unirat abschaffen!" Soziologieprofessor Ueli Mäder formuliert vorsichtiger. Er halte den Unirat für eine "problematische Konstruktion". Außerdem unterstütze er die Forderung nach demokratischer Einbindung der Studierenden. "Ich freue mich, dass die Studierenden sich engagieren und Debatten auslösen", sagt er.
Verständnis für die Initiative
Völlig entspannt, sitzt Universitätsrektor Antonio Loprieno in seinem Büro, das gleich neben dem Kollegiengebäude liegt. "Dass es Vandale gab, ist sehr ärgerlich", sagt er. Wie man weiter verfahre, sei noch unklar.
Für die Wünsche der Initiative "Unsere Uni" habe er aber Verständnis. "Ich habe eine gewisse Sympathie für Studenten, die etwas bewegen möchten – aber ich frage mich natürlich, was wir als Universitätsleitung bei den angesprochenen Punkten überhaupt tun können." Er wünsche sich, dass man mit konkreten Verbesserungsvorschlägen an ihn heran trete. "Visionen sind gut, aber ich brauche auch Realisierbares." Außerdem ärgere er sich darüber, dass falsche Informationen verbreitet würden.
"Im Universitätsrat sitzen genau ein Mitarbeiter von Roche und einer von Novartis. Ich finde, das ist eine gute Repräsentation für uns hier in Basel." Es wird viel diskutiert bei dieser Unibesetzung in Basel. Den ganzen Tag über gibt es kleine und große Diskussionsrunden und Workshops zu den Themen Demokratie, Diskriminierung und Unabhängigkeit der Uni. "Toll, wie viele hier mitmachen", sagt Rike, Psychologiestudentin, die aus Potsdam angereist ist. Mehr als 200 Studenten hören ihr zu. "In Potsdam sind bei solchen Veranstaltungen oft nur 50 bis 60 dabei gewesen", sagt sie.
Um die Mittagszeit wird im Hof des Kollegiengebäudes Essen für alle ausgeschöpft, es läuft Musik. Auch abends soll es Konzerte geben – der Spaß darf bei all dem Engagement nicht zu kurz kommen. Aber zuvor will man sich noch einmal in der Aula treffen und abstimmen, wie es weiter geht. "Die Besetzung der Aula ist kein Endpunkt, sie soll der Anfang sein für eine studentische Bewegung", heißt es in der Erklärung des Initiative "Unsere Uni".
Ob auch die Universitätsleitung mit ins Boot geholt werden soll, ist dabei noch unklar. Rektor Loprieno sagt: "Ich habe angeboten, heute Abend mit den Studierenden ganz offen zu diskutieren. Aber aufdrängen möchte ich mich nicht."
Autor: Bianca Fritz






