Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
03. Dezember 2010
Trinationales Schlaraffenland
Beim Dreiländerkongress zum Thema Bildung ging es um grenzüberschreitendes Wissen und die Transparenz der Bildungssysteme.
BASEL. Der zwölfte Dreiländerkongress widmete sich den Themen Bildung, Forschung und Innovation. Im Kongresszentrum Basel wollte man gestern die Grundsteine für grenzüberschreitenden Wissensaustausch am Oberrhein legen. Dazu wurden Vorträge gehalten, in Gruppen Zukunftsszenarien erarbeitet und natürlich "genetworkt", was das Zeug hält.
Das ist ein trinationaler Kongress und entsprechend schmecken die Croissants – eine französische Spezialität, in Basel produziert, die irgendwie sehr deutsch schmeckt. Zwei Kollegen aus dem Elsass beäugen sie kritisch, werfen einander vielsagende Blicke zu und nehmen dann doch nur Kaffee. Schnell schnappen sie sich noch ein paar Kopfhörer mit Übersetzungsgerät, dann nehmen sie an einem der vielen runden Tische im Saal San Francisco Platz und schauen erwartungsvoll auf die Bühne.Dort lobt Guy Morin, Regierungspräsident des Kantons Basel-Stadt, bereits die grenzüberschreitende Bildung der Region. Als Vorbild preist er das "phaenovum". Und dann spricht er schon die Wörter aus, die man an diesem Tag noch sehr oft hören wird: Sie lauten "lebenslanges Lernen" und "Transparenz".
Werbung
Denn das sind auch die Schlüsse, zu denen Expertengruppen gekommen sind, die sich in Vorbereitung auf den Kongress geformt hatten. Ingrid Thomalla vom Referat für grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Europa des Regierungspräsidiums Karlsruhe wünscht sich "lebenslange" Lernangebote über die Ländergrenzen hinweg. Dann korrigiert sie sich. Man solle lieber von "lebensbegleitendem Lernen" sprechen. Und Transparenz wünschen sie sich alle. Der Professor aus Straßburg vom Professor aus Freiburg und umgekehrt, das deutsche vom Schweizer Schulsystem und vice versa.
Im Luftzug der Klimaanlage bewegen sich die Flaggen der drei Länder. Manchmal reiben sie gegeneinander. Ganz sanft berühren sich die Ecken der benachbarten Stoffstücke.
Das mag zwar ein trinationaler Kongress sein, doch mit dem Vortrag von David Bosshart vom Gottlieb Duttweiler Institut kommt eine vierte Sprache ins Spiel. Das Dreiländereck müsse, wolle es als Wissensregion attraktiv sein und kluge Köpfe anlocken, sowohl "places of spaces" – beispielsweise Kirchen, Bäder oder Museen – als auch "places of flow" – Flughäfen und Bahnhöfe bieten. Das Motto, was der Trendforscher den circa 600 Vertretern für die zukünftige Dreiländer-Wissensgemeinschaft mitgibt, lautet: "Caring and sharing beats killing and drilling." Zusammenarbeit sei besser als Konkurrenz.
Nach dieser Motivationsrede beginnt die Gruppenarbeit. Mit einer Zeitreise. Die Moderatorin Veronika Lévesque informiert den Saal, man schreibe das Jahr 2040. Vier Zukunftsszenarien zur Bildungszusammenarbeit des Dreiländerecks seien denkbar. Die Szenarien heißen "Profil", "Optimum", "Desintegration" und "Union". Sie decken alles zwischen Utopie und Dystopie ab. Die Kongressteilnehmer finden sich an runden Tischen zusammen. Die Tischdecken sind aus Papier, dicke Filzstifte gibt es auch.
Jürgen Wiesenhütter, Geschäftsführer des Sozialen Arbeitskreises Lörrach, und Stefan Dieterle vom Fachbereich Jugend der Stadt haben das Szenario "Optimum" gewählt. Zusammen mit acht anderen Fachleuten am Tisch dürfen sie sich endlich mal alle Wünsche auf einen Schlag erfüllen. Die rote Mappe in ihrer Mitte beschreibt die Utopie: Keinerlei finanzielle Einschränkungen, keine Sachzwänge, kein Personalmangel. In diesem Szenario ist das Dreiländereck ein trinationales Schlaraffenland der Bildung. Und der Arbeitskreis darf zu diesen perfekten Bedingungen die Details erspinnen. Da wird ein trinationales Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel eingeführt, ein Dreiländereck-Gremium mit politischen Kompetenzen etabliert, die Freizügigkeit auf das gesamte Bildungssystem ausgedehnt und sich aus einem unerschöpflichen Fachkräftepool großzügig bedient.
Am Nebentisch hat die Gruppe mit dem Szenario "Desintegration" sichtlich weniger Spaß als die Kollegen. Hier haben sich die Länder über die fiktiven letzten dreißig Jahre auseinanderentwickelt. Zu ineffizient und kompliziert, so die Aufgabenstellung, sei die Zusammenarbeit. Lustlos fängt man von vorne an.
Autor: Charlotte Janz
