Bauhaus-Solitär oder Schuhschachtel?

Beatrice Ehrlich

Von Beatrice Ehrlich

Di, 02. Januar 2018

Auggen

DAS THEMA 2017 IN AUGGEN: Das Mehrgenerationenhaus spaltet mit seiner Formensprache und Größe die Gemüter im Winzerdorf.

AUGGEN. Ein weißer Kubus, der sich als markanter Riegel vor die Auggener Rebberge schiebt: Seit diesem Jahr ist die Gemeinde Auggen mit ihrem sogenannten Mehrgenerationenhaus um ein Gebäude reicher. Bei seinen Kritikern sorgt der Bau für manchen bissigen Kommentar, nicht nur bei der Bauernfasnacht.

Die Freude ist bei vielen groß über die Fertigstellung des seit langem geplanten Mehrfamilienhauses. An erster Stelle bei denjenigen, die in eine der großzügig gestalteten Wohnungen einziehen konnten: vorwiegend ältere Ehepaare, aber auch Familien mit Kindern, die meisten von ihnen aus Auggen und Umgebung. Ziel des Baus war unter anderem gewesen, Einheimischen den Umzug in eine barrierefreie Wohnung im gewohnten Umfeld zu ermöglichen, dieser Wunsch hat sich bisher weitgehend erfüllt.

"Für uns ist das eine tolle Sache", freut sich Ruth Vogler, Vorsitzende der Landfrauen, mit 130 Mitgliedern einer der wichtigen Auggener Vereine: Beim Adventsfrühstück am 9. Dezember seien die Frauen durchweg positiv überrascht gewesen. Der Veranstaltungssaal im Erdgeschoss mit kleiner Küche ist angemessener Ersatz für ihre angestammten Räumlichkeiten im alten Kindergarten, die mittlerweile für den Ganztagsbetrieb der Grundschule genutzt werden. Gymnastik- und Handarbeitsgruppen, Bücherbörse oder Vortragsveranstaltungen könnten hier ohne viel Aufwand und auf einer Ebene stattfinden. In der selbst ausgesuchten Küche habe auch der mächtige Brotback- und Pizzaofen einen dauerhaften Platz gefunden. Er kommt unter anderem alljährlich im Kinderferienprogramm zum Einsatz. Mit einem Tag der Offenen Tür wollen die Landfrauen im neuen Jahr ihre neuen Räume der Öffentlichkeit vorstellen.

Froh ist nicht zuletzt der Bürgermeister Fritz Deutschmann, dem es gelungen ist, zusammen mit der Baugenossenschaft Familienheim ein Vorzeigeprojekt auf die Beine zu stellen: barrierefreie Wohnungen zu einem bezahlbaren Mietpreis mit der Möglichkeit zusätzlicher kirchlicher Förderung. Wenn es nach ihm ginge, bliebe das Haus nicht das einzige seiner Art. Leider stehe einer Ausweitung des Wohngebiets in nördlicher Richtung ein negatives Geruchsgutachten des nahegelegenen Winzerkellers im Wege, bedauert der Bürgermeister. Ausgerechnet in einem Weindorf soll der Geruch vergärender Trauben den Anwohnern nicht zuzumuten sein – Absurditäten des Baurechts, die nicht nur hier verständnisloses Kopfschütteln hervorrufen.

Und dann gibt es auch noch die Kritiker: Für manche will der Neubau mit seiner klassisch urbanen Architektur im Bauhaus-Stil einfach nicht zu Auggen passen: "Fritz-Deutschmann-Kaserne" – der bissige Spitzname geistert seit der Fasnacht durchs Dorf, genau so wie eine zweite, nicht eben schmeichelhafte Bezeichnung: Schuhschachtel. Und tatsächlich: Für den von Norden kommenden Spaziergänger schiebt sich der Neubau in strahlendem Weiß wie eine Barriere vor die bisherige Wohnbebauung – optisch gewöhnungsbedürftig.

Aber Hand auf’s Herz: Das Bild vom Dorf, das sich idyllisch in die Weinberge schmiegt, trifft in seiner Unberührtheit auf Auggen schon lange nicht mehr zu. Die Ortszufahrt über die B 3 ist geprägt von mehr oder weniger wuchtigen Gewerbebauten, manche davon in grellen Farben. Der Winzerkeller mit Flaschenlager zur Linken sowie die geplanten Silos des Landhandels Fliegauf werden künftig die Zufahrt von Norden her prägen. Mit einigem Recht, denn sie spiegeln authentisch den Wandel in der Landwirtschaft.

Klotz bleibt Klotz, daran gibt es nichts zu rütteln. Daran würde auch ein verschämt aufgesetztes und allen gestalterischen Prinzipien widersprechendes Satteldach nichts ändern. Knapper werdende Flächen und der politisch gewünschte Landschaftsschutz schränken den Spielraum für die Ausweisung neuer Wohngebiete erheblich ein. Wer sich Gedanken macht um eine Weiterentwicklung prosperierender Dörfer, kommt um Geschosswohnungsbau nicht herum. An geeigneter Stelle kann er helfen, Wohnraumprobleme effizient und nachhaltig zu lösen.

Behutsam das Alte erhalten: Seinen gewachsenen Kern zu pflegen ist sich das Winzerdorf Auggen um seiner selbst willen schuldig. Seine Aushängeschilder sind die gepflegten, historischen Gebäude im Innerdorf und allem anderen voran die Kreuzkirche, die sich zwischen alten Linden prominent über das Dorf erhebt. Den Blick darauf nicht zu versperren, muss Aufgabe aller künftigen Planer sein.