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17. März 2010

"Sport ist ein Grundbedürfnis für jeden"

BZ-INTERVIEW mit der langjährigen Rollstuhl-Fechterin Esther Weber aus Gutach.

  1. Esther Weber Foto: Esther Weber

Esther Weber gehört zu den führenden Vertreterinnen des Behindertensports in Baden. Die Rollstuhl-Fechterin aus Gutach bei Waldkirch gewann in ihrer aktiven Zeit Gold und Silber bei Sommer-Paralympics. Zwischen 1992 und 2004 erfocht sie sich zahlreiche internationale Titel mit dem Degen und dem Florett. In Sportverbänden kämpft sie heute für die Belange des Behindertensports. Die Schule für Körperbehinderte in Emmendingen-Wasser ist mittlerweile nach ihr benannt. Mit Weber (42) sprach Andreas Strepenick.

BZ: Frau Weber, was bedeutet Sport für Sie persönlich?
Weber: Sport ist ein Grundbedürfnis des Menschen – egal ob mit oder ohne Handicap. Er hilft, Körper, Geist und Seele in Schwung zu bringen und zu halten.

BZ: Warum gilt das auch für Menschen mit Behinderung?
Weber: Es ist dort noch wichtiger. Wenn eine Funktion des Körpers ausgefallen ist, dann wird es umso bedeutsamer, die noch verbliebenen Funktionen zu erhalten oder gar zu kräftigen.

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BZ: Wie war das bei Ihnen? Im Alter von 15 Jahren hatten Sie einen Autounfall. Seither sind Sie Rollstuhlfahrerin. Wie kamen Sie zum Sport und zum Fechten?
Weber: Beim Fechten brauche ich nicht in erster Linie nur Kraft. Auch die Schlagart, die Technik, die Taktik, mentale Stärke und Konzentration spielen wichtige Rollen. Die Sportart ist für Menschen mit körperlicher Einschränkung besonders gut geeignet. Hinzu kommt, dass ich Technik und Taktik auch mit einer Einschränkung gut erlernen kann. Das fand ich total interessant. Fechten ist darüber hinaus eine integrative Sportart. Das heißt: Ich gehe in eine Gruppe von Menschen, die denselben Sport treibt – unabhängig vom Geschlecht, vom Alter oder von der Behinderung. Der SV Waldkirch war damals für mich eine ideale Anlaufstelle. Ich verdanke dem Verein sehr viel.

BZ: Im Jahr 1992 gewannen Sie bei Ihren ersten Spielen Gold in Barcelona. Wie hat sich der Behindertensport seither entwickelt?
Weber: Die Medien berichteten damals allenfalls sporadisch – und dann am ehesten in Gesundheitsmagazinen. Verglichen damit ist es ein riesiger Erfolg, dass Fernsehsender während der Paralympics mittlerweile täglich senden, manchmal sogar live. Leider eher vormittags oder tief in der Nacht. Auch manche Zeitungen berichten täglich, wenn auch nur einen Bruchteil dessen, was über die Olympischen Spiele der Nichtbehinderten gedruckt wird. Aber wir können uns mit diesen Spielen auch nicht vergleichen, sie sind ungleich größer und kommerzieller.

BZ: Haben Behinderte heute auch in den Reihen des Weltsports und der internationalen Verbände größeres Gewicht?
Weber: Ja, auch wenn Vertreter des Behindertensports nach wie vor nur sehr vereinzelt in den großen Gremien sitzen. Olympische und Paralympische Spiele scheinen nach wie vor zwei Welten zu sein.

BZ: Wie weit ist Deutschland bei der Förderung des Behindertensports?
Weber: Als ehemalige Leistungssportlerin würde ich sagen: im Mittelfeld. In den USA und Kanada ist die Tatsache, dass es Menschen mit Behinderung gibt, schon im Alltag stärker verinnerlicht. Dort kann ich mich als Rollstuhlfahrerin problemlos fortbewegen. Länder wie Großbritannien und Kanada fördern den Leistungssport der Behinderten intensiver als Deutschland. Bei uns werden noch immer nur vereinzelte Inseln gefördert. Im Breitensport hingegen hat sich doch einiges getan. Vereine haben sich geöffnet: für Ältere, für Randgruppen und eben auch für Menschen mit körperlicher Einschränkung. Heute finden alle viel eher zusammen.

Autor: str