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14. Juni 2011 17:41 Uhr

Buchvorstellung

Wolfgang Sacher, der einarmige Bandit

  1. Foto: hju

Du wirst gestärkt aus dieser Krise hervorgehen – diesen Satz kennen viele Menschen gut. Er scheint eine Gewissheit zu formulieren, aber genau das tut er nicht. Er bringt vielmehr eine Hoffnung zum Ausdruck, diese aber so sehr, dass sie wie eine Gewissheit erscheinen soll, an die man sich gelegentlich klammern kann, wenn sich ein Abgrund auftut im Leben. In Wolfgang Sachers Leben tat sich der Abgrund auf, als er 16 Jahre alt war, ein junger Bayer, sportlich, frech, ein Lausbub. Sacher ging mit seinen Freunden zum Spielen auf einen Güterbahnhof, es war ein gefährliches Spiel, aber warum genau hat er in dem Moment nicht gewusst. Seine Kameraden kletterten auf das Dach eines Waggons, er zögerte und wollte erst nicht hinterher. Aber dann folgte er ihnen doch. Die Jungs rannten auf den Dächern entlang, sprangen von Waggon zu Waggon, Nieselregen hatte die Luft feucht gemacht. Anderthalb Meter über den Köpfen der Freunde schwebte die Oberleitung. 16 000 Volt. Weil Sacher ein bisschen größer als seine Kameraden war, flog er beim Sprung auf den nächsten Waggon ein wenig höher als sie. Er ruderte mit den Armen, als der Strom durch seinen Körper schoss. Im Krankenhaus wachte er wieder auf. 14 Monate lebte und litt er dort. Die Ärzte amputierten ihm seinen Arm, und zeitweilig drohte er sogar noch seine Füße zu verlieren. Er wurde depressiv, sammelte Schlaftabletten für einen Selbstmordversuch. Er fragte nach dem Sinn seines Lebens und konnte sich keine Antwort mehr geben. Seine Eltern und Brüder standen zu ihm. Sie besuchten ihn so oft sie konnten. Irgendwie überwand er die schlimmste Zeit, wurde aus der Klinik entlassen, aber schon bald versank er wieder in einer Krise, begann zu trinken. In einer Kneipe begegnete er schließlich einem anderen Einarmigen. Er bemerkte, dass dieser Schnürsenkel an den Schuhen trug und nicht wie er selbst Klettverschlüsse. Er fragte, wie man sich denn mit einer einzigen Hand die Schnürsenkel binden könne. Der andere zeigte es ihm. "Dieses Erlebnis war im Nachhinein betrachtet ein Wendepunkt in meinem Leben", schreibt Sacher nun in seiner Autobiografie "Der einarmige Bandit". Der junge Mann entwickelte wieder Selbstvertrauen, begann mit dem Rennradfahren, erzielte erst kleinere und dann größere Erfolge im Sport mit Handicap. Schließlich glückte ihm der Sprung ins Behinderten-Nationalteam um Bundestrainer Adelbert Kromer aus Reute. Sport machte Sacher wieder zu einem positiv denkenden, fröhlichen Menschen. "Der einarmige Bandit", wie er in der Szene genannt wird, gewann 2006 einen WM-Titel und holte 2008 bei den Paralympics in Peking Gold im Einzelzeitfahren. Sein Buch ist ergreifend, weil seine Lebensgeschichte ergreifend ist. Würde man ihn heute fragen, ob man aus einer Krise gestärkt hervorgehen kann, dann würde er vielleicht sagen: sicher.

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Wolfgang Sacher: Der einarmige Bandit. Die Geschichte eines Ausnahmesportlers. Delius Klasing Verlag, 304 Seiten, 19,90 €.

Autor: Andreas Strepenick