Bemerkenswert international

Simon Langemann

Von Simon Langemann

Mo, 06. August 2018

Rock & Pop

Die Indie-Rock-Gruppen Gurr und Isolation Berlin beim ZMF.

Freitagabend. Das letzte ZMF-Wochenende 2018 bricht an und das Festival auf dem Mundenhof geht noch einmal ein kreatives Wagnis ein. Während Dieter Thomas Kuhn im Zirkuszelt einheizt, steht im Spiegelzelt ein Doppelkonzert der Berliner Bands Gurr und Isolation Berlin auf dem Programm. Wie sich im Laufe des Abends erweisen wird: zwei der aktuell aufregendsten deutschen Indie-Rock-Gruppen. Doch in Freiburg hat sich das noch nicht herumgesprochen – nur rund 100 Besucher sind da.

Der erfrischende Auftritt von Gurr belohnt sie von Beginn an. Garage-Rock und Punk treffen auf kühlen Wave-Pop – und das nur im Ausnahmefall mit deutschen Texten: Gurr klingen bemerkenswert international. Dementsprechend wird das Quartett um die Gitarre spielenden Sängerinnen Andreya Casablanca und Laura Lee auch wahrgenommen. Das lässt bereits das Bühnenbild erahnen: Wer nur durch die hiesigen Kellerclubs tingelt, leistet es sich nicht, seinen Bandnamen in Leuchtbuchstaben zu verewigen. Gurr haben bereits Konzertreisen durch Frankreich, Großbritannien und die USA hinter sich. Lässig und routiniert unterhalten Casablanca und Lee ihre Zuschauer: "Wir labern immer so viel, dass wir gar keine Zeit mehr haben, Songs zu spielen." Vor ihrer neuen Single "Hot Summer" befördern Gurr mit Smileys besprühte gelbe Bälle ins Publikum, das diese dann den Song über durch die Luft zu schmettern hat. Anschließend verwandeln die Musikerinnen das runde Spiegelzelt per Kommando in einen großen Pogokreis. Auf das bekannteste und schönste Stück wartet man traditionsgemäß bis zum Schluss: In "Moby Dick" klingen Gurr weniger schrammelig und schroff als sonst – dafür entsteht noch einmal dieses rastlose und zugleich federleichte Gefühl, das den Auftritt prägte.

Eine Stunde später. "Das nächste Stück ist eine Art Lied", sagt Tobias Bamborschke. Es klingt irgendwie teilnahmslos. "Und das Lied hat eine Art Thema. Und das Thema und der ganze Rest klingen so." Über diese Tonlage gehen die Ansagen des Isolation Berlin-Sängers an diesem Abend selten hinaus. Dass das Publikum ihm dennoch zu Füßen liegt, verrät viel über die musikalischen Live-Qualitäten der jungen Band, die gerade ihr zweites Album "Vergifte dich" veröffentlicht hat.

Bamborschkes intensive Performance zwischen Selbstmitleid und Wahnsinn, kontrastiert mit der Wucht seiner drei Mitmusiker, reißt einen mit. Und lässt das Publikum auch über manch textliche Banalität hinwegsehen. Das gilt insbesondere für das Lied "Wenn ich eins hasse, dann ist das mein Leben". Ein Satz, der eingebettet in dissonante Noise-Gitarren, gar nicht mehr so sehr nach Jugendzimmer klingt. Oder für "Der Bus der stillen Hoffnung", das um die Plattitüde "Schlafen kann ich auch, noch wenn ich tot bin" einen wunderbar entfesselten Post-Punk-Song aufbaut.

"Das nächste Stück widme ich mir selber", sagt Bamborschke später. Dann stimmt er seine hoffnungslose Hymne "Isolation Berlin" an – die gipfelt in der Zeile: "Ich glaub", ich nehm’ die nächste U-Bahn und fahr’ zum Bahnhof Zoo / dann nehm’ mir ’nen Strick und häng mich auf im Damenklo." Trotz Fantasien wie dieser: An dieses Doppelkonzert wird man gerne zurückdenken.