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04. Dezember 2009

Bergleute kommen aus Schlesien

BZ-SERIE KAHLENBERG (TEIL 1): Vor 40 Jahren endete eine Ära – Grube Kahlenberg stellte die Eisenförderung ein.

  1. Einfahrt in einen Stollen in der Grube Kahlenberg um 1940. Foto: ZAK

  2. Übertageabbau von Eisenerz am Kahlenberg in der 1950er Jahren. Foto: DEPONIE KAHLENBERG

RINGSHEIM. Vor 40 Jahren endete eine Ära: Die Grube Kahlenberg stellte nach rund 30 Betriebsjahren die Eisenerzförderung ein. Der ober- und untertägige Abbau hatte die Vorberglandschaft bei Ringsheim nachhaltig verändert. Die Badische Zeitung wird in einer Artikelreihe an die wörtlich zu nehmenden riesigen Umwälzungen am Kahlenberg erinnern. An deren Beginn stand der Bergbau, der von seinen Anfängen bis zum einschneidenden Kriegsende 1945 in der heutigen Ausgabe, am Barbara-Tag, dem Namenstag der Schutzheiligen der Bergleute, im Fokus steht.

Archäologen vermuten aufgrund von Überresten, dass schon die Kelten die Erzlager des Kahlenbergs abgebaut haben und auch die Römer dürften sie genutzt haben. Es existieren viele Hinweise, dass im Mittelalter abgebaut wurde. Einer davon ist der Name Ringsheim, der vom Rennen oder Rinnen der Schmelze herrühren könnte. Es gibt unter den Historikern allerdings eine Fraktion, die es eher für wahrscheinlich hält, dass der Dorfname auf den fränkischen Eigennamen Ringo zurückgeht.

Davon unabhängig sprechen für einen mittelalterlichen Bergbau noch heute geläufige Gewannnamen wie Offental oder Gießhibel. Und Schlacken sowie Keramikfunde belegen damalige Eisenverhüttung in der Region. Seit der Frühen Neuzeit ist allerdings kein Bergbau in größerem Stil am Kahlenberg belegt.

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Während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg der Bedarf an Eisen immens an. Das Eisenerz im Kahlenberg ist aber mit nur 20 Prozent Eisenanteil von so schlechter Qualität, dass dennoch niemand daran dachte, dieses abzubauen. Zum Vergleich: Heute genutzte Erze haben mehr als 70 Prozent Eisenanteil. Allerdings wuchs der Eisenbedarf mit dem ersten Weltkrieg Anfang des 20. Jahrhunderts nochmals. Zudem verlor das Deutsche Kaiserreich bekanntlich den Krieg und damit Elsass-Lothringen, wo bis dahin 77 Prozent des Eisenerzes im Inland gewonnen wurden. Ohnehin kamen damals nur 20 Prozent des benötigten Erzes aus dem Inland. Nach dem Krieg sank der Import aber rapide und obendrein musste aufgrund des Versailler Vertrages Eisen als Reparationszahlung an die Siegermächte abgeführt werden. Nur unter diesen Bedingungen konnte das Kahlenbergerz überhaupt für den Abbau interessant werden, folgert beispielsweise der Kenner der Kahlenberg-Geschichte Wilhelm Schulte-Fischdick.

Letztlich entscheidend hinzugekommen dürfte dann noch die Rüstungs- und Kriegspläne im nationalsozialistisch regierten Deutschland gekommen sein. Zuständig für den Bergbau war Hermann Göring, der die autonome Versorgung des Landes mit Eisen anstrebte. 1937 begannen daher Bergbauingenieure der Vereinigten Stahlwerke die aus der erdgeschichtlichen Zeit des Doggers stammendem Eisenschichten im Kahlenberg zu untersuchen – zu prospektieren, wie die Bergleute sagen. Neben vorgenommenen Probebohrungen wurden auch Untersuchungsstollen aufgefahren, in den Jahren 1937/38 waren das immerhin schon mehr als 17 Kilometer. Die Vereinigten Stahlwerke erhielten schließlich vom Staat die Konzession zum Abbau. Das gewährte Abbaugebiet umfasste eine Fläche von rund 4,7 Millionen Quadratmetern von Ettenheim bis Kenzingen.

Vom Bergbau hatten die Einheimischen wenig Ahnung

Vom Bergbau hatten die Einheimischen aber wenig Ahnung. Deshalb wurden Bergleute aus Schlesien und dem Rhein-Ruhr-Gebiet angeworben. Für sie wurden Siedlungen gebaut. Die Ringsheimer gibt es noch heute, entlang der Siedlungsstraße. Bis Ende des Jahres 1940 arbeiteten mehr als 600 Menschen in der Grube Kahlenberg. Die Erzförderung stieg rasant von 22 573 Tonnen im Jahr 1937 auf mehr als eine halbe Million Tonnen 1940. An der besten Abbaumethode tüftelten die Bergleute zunächst, entschieden sich aber schließlich für den sogenannten Kammerbau. Dabei wurde aus den Erzschichten mit einer Mächtigkeit von bis zu 11,5 Metern in der Höhe lediglich etwa sieben Meter breite Kammern aufgefahren, ihre dicken Wände (Erzfeste) dienten als Stütze des sehr instabilen Gesteins des Kahlenbergs.

Dennoch kam es immer wieder zu Einstürzen, dabei gab es auch Todesfälle unter den Bergleuten. Besonders gefürchtet waren sogenannte Sargdeckel, große Steine aus Schichten über dem Erz, das oft ohne Vorwarnung herunterkrachte. Aufgrund des Kammerbaus dienten längere Stollen im Kahlenberg lediglich dem Abtransport, der Belüftung (Wetterschächte) oder der Prospektion.

Der ebenfalls aufgenommene Tagebaubetrieb lief nur mit Schwierigkeiten an, denn Abbaugeräte wie Bagger wurden konfisziert und für Verteidigungsbauten wie den sogenannten Atlantikwall eingesetzt. Auch immer mehr Arbeiter mussten an die Front oder zu Arbeitseinsätzen an Verteidigungsanlagen. Zunächst kam der Abtransport zum Erliegen, denn auch die Eisenbahnlinien waren zerstört oder wurden für kriegswichtigere Transporte genutzt, es häufte sich im sich Unmengen Erz auf den Halden, und 1945 wurde der Bergbau schließlich vollends eingestellt.

Wie es nach dem zweiten Weltkrieg im und am Kahlenberg weiterging, dazu mehr im nächsten Teil unserer Serie. Eines sei aber schon verraten: Den heutigen Barbaratag feierten die Bergleute vor 1945 wie auch danach nach Kräften. In Ringsheim, wo bis zur Grubenöffnung 1937 bergmännisches Brauchtum unbekannt war, gab es am 4. Dezember Festumzüge und vor allem eine Barbarafeier, meist in der ehemaligen Stadthalle. Dort ging es, wie damaligen Zeitungsberichten zu entnehmen ist, nicht selten hoch her. Heute dagegen sind Bergmannsbräuche in Ringsheim wieder völlig verschwunden. "Die Zeit des aktiven Bergbaus hat dafür wohl zu spät begonnen und war von zu kurzer Dauer", vermutet Kahlenberg-Experte Klaus Bosch.

Autor: Stefan Merkle