Bernsteintöne aus einem italienischen Weltkulturerbe

Stefan Pöhler

Von Stefan Pöhler

Di, 02. Juli 2013

Ettenheim

Krishnasol Jiménez brachte die einzige noch spielbare Gitarre der Instrumentenbauerlegende Antonio Stradivari zum Klingen.

ETTENHEIM. Da ist viel zusammengekommen im Altdorfer Schloss, was aus dem Auftritt des Barockgitarristen Krishnasol Jiménez etwas sehr Besonderes machte. Unter anderem kamen am Samstagabend und am Sonntag morgen so viele Gäste, dass sich die Türen des ehrwürdigen Schlossbibliothek vor einigen verschlossen. Der Freiherr selbst sorgte bis zuletzt für Nachschub bei den Filzpantoffeln, erklärte warum nur 60 Menschen den Raum betreten durften und dass die seit fast 100 Jahren leer stehenden Bücherregale die Akustik verbesserten.

Äußerlichkeiten, gewiss, doch wie geschaffen für das Zentrum des Interesses, das bei diesem Konzert exklusiver nicht hätte sein können. Antonio Stradivaris "Sabionari", die einzige von nur fünf erhaltenen Gitarren, die sich nach einfühlsamer Restaurierung durch die italienische Besitzerfamilie in einem spielbaren Zustand befindet. Vom anwesenden Besitzer selbst auf der Reise nach Altdorf begleitet traf ihr intimer Klang auf einen Raum und ein Publikum, das bereit war mit höchster Sensibilität zu lauschen. Denn eng ist der dynamische Rahmen, den die dünne Decke, die Mensur des Instruments hergibt. Krishnasol Jiminéz, mexikanischer Gitarrist und Dozent in Basel erweckte Musik aus Gitarrenbüchern italienischer und portugiesischer Virtuosen aus der Entstehungszeit des Instruments mit größter Genauigkeit zum Leben. Es war Kammermusik, von sehr innerlichem Charakter. Es sind nicht die Steilkurven der Akkordik, die der Gitarrist durch die kompositorische Karte einer samtenen Klangwelt legt. Die in Bernsteintönen schwingende Gitarre erweckt der Künstler eher zu einem geflüsterten Lied, einem geschwebten Tanz. Und doch: Die fünf Doppelsaiten sind voll zarten Lebens, die leere Saite glänzt hell zum milden Klang aus warmem Holz.

Ist es wahr, dass barocke Geigen gewinnen, während Gitarren bauartbedingt das Zeitliche segnen? Geigen müssen durch die Zeiten von Berufenen gespielt werden, sagt man. Die Sabionari aber wird als letzte Stradivari Gitarre gespielt. Und das ist einzigartig. Krishnasol Jiminéz spricht von der Phantasie, die nur eine Barockgitarre erregt und trifft die Erfahrung, die das großartige Konzert vermittelt genau.

Es sind neben der erlesenen Stückauswahl die Nuancen, die Hintergründigkeit die dem Instrument in seiner ungewohnten Feinheit auch heute noch abgewonnen werden können. Und jedes Tremolo ist ein Greifen nach dem Puls der gereiften Dame, die still lächelnd durch den Saal leuchtet. Kein Zweifel: Die Stradivari lebt! Schön, dass Jiminez die Lebhaftigkeit des Spiels mit der Suite in d-moll des portugisischen Virtuosen Vissée am Ende noch steigerte. Die spannendste Suite der Matinee traf jetzt auf geschärfte Ohren mit ihren wunderbar schwingenden Einfällen und ihrem magischen Schlussmenuet, das aufs zarteste verklang.

Die nach großem Applaus angefügte Chaconne von Corbetta schwang erstmals mit akkordisch geschlagenen Saiten aus. Das Besondere zu suchen und sich auf außergewöhnliches Hören einzulassen. Das ist eine Saite, die die Musikfreunde Ettenheim mit diesem Konzert angeschlagen haben.