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21. Juni 2012 15:33 Uhr

Kriminalität

Betrüger überziehen Südbaden mit Schockanrufen

Ihren Opfern gaukeln sie am Telefon den Unfall eines Verwandten vor – und nutzen den Schock eiskalt aus: Eine Welle von Schockanrufen schwappt derzeit über Südbaden. Die Polizei setzt im Kampf gegen die Betrüger auf Prävention.

  1. Ältere Menschen, die Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion haben, sind die bevorzugten Opfer der Schockanrufer (Symbolfoto). Foto: Fotolyse / Fotolia.com

Der Anrufer überrumpelt sie, eröffnet der 70-Jährigen, ihre Tochter habe einen Unfall gehabt, er sei ihr Anwalt und fordere 10.000 Euro Honorar. Die Freiburgerin steht unter Schock. Sie gibt zu, genug Bargeld in der Wohnung zu haben, als es auch schon an der Tür klingelt. Es ist der Kurier, der das Geld abholen will. Aus Angst, ihre Tochter würde eingesperrt werden, übergibt sie das Geld.

Wie sich später herausstellt, hatte die Tochter der 70-Jährigen keinen Unfall. Die Seniorin wurde am vergangenen Samstag Opfer sogenannter Schockanrufer, die derzeit in Südbaden ihr Unwesen treiben. Deren Vorgehen ähnelt dem Enkeltrick, bei dem die Täter ebenfalls vorwiegend ältere Menschen ausspähen, ihre Familiensituation und Adresse recherchieren. Doch das Opferprofil unterscheidet sich in einem wesentlichen Detail: Die Betrüger rufen nur Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion an. Dabei sprechen sie fließend Russisch und geben sich als Anwalt oder Polizist aus. Sie behaupten, ein Verwandter befinde sich in einer Notlage und benötige dringend Geld. Besonders dreist: "Manchmal geben sie sich sogar als Angehöriger aus", berichtet Ralf Schütz von der Landespolizeidirektion. Damit der Schwindel nicht auffliege, würden die Anrufer schreien, weinen, technische Probleme mit dem Telefon oder eine Verletzung im Gesicht vortäuschen, um zu erklären, warum die Stimme anders klingt als sonst.

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Sehr hohe Dunkelziffer

"Diese Opfergruppe misstraut meist Obrigkeiten und ist es nicht gewohnt Widerworte zu geben", versucht Karl-Heinz Schmid von der Freiburger Polizei eine Erklärung dafür, dass der Betrug oft erfolgreich ist. Seit Februar wurden im Regierungsbezirk Freiburg 39 Schockanrufe registriert, 18 endeten mit einer Geldübergabe. "Die Dunkelziffer liegt aber wohl höher", meint Schütz von der Landespolizeidirektion. Viele schwiegen aus Scham, auf den Anruf hereingefallen zu sein. Die meisten Schockanrufe erfolgten in dieser Zeit im Ortenaukreis: drei in Kehl, sechs in Offenburg und sieben in Lahr, was vor allem mit dem hohen Anteil an Aussiedlern zu erklären sein dürfte.

Im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald registrierte die Polizei seit August zehn solcher Fälle – fünf waren erfolgreich. Die Täter erschwindelten knapp 22.700 Euro.

Telefonische Überfälle

Bei ihren telefonischen Überfällen erbeuten die Schockanrufer Summen in drei- bis vierstelliger Höhe, doch selbst Summen wie im aktuellen Freiburger Fall sind keine Seltenheit. Erst vergangene Woche übergab eine überrumpelte 87 Jahre alte Lahrerin einem Kurier 10.000 Euro. Am Wochenende versuchten Schockanrufer zweimal ihr Glück in Emmendingen – doch keiner der Angerufenen fiel auf den Trick herein.

Ob es sich bei den Tätern um Mitglieder ein und derselben Bande handelt, ist Schütz zufolge unklar, auch wenn sich in einigen Fällen die Beschreibung des Boten glichen. Erschwert würden die Ermittlungen dadurch, dass die Anrufer Prepaid-Handys benutzen oder ermittelte Nummern ins Ausland führen, etwa nach Litauen. Zudem handle es sich um reisende Banden. "Sie ziehen ihren Betrug so lange durch, wie sie Erfolg haben und ziehen dann weiter", sagt Schütz. "Nach einiger Zeit kehren sie aber wieder zurück." Die erste Welle von Schockanrufen traf Baden-Württemberg 2009. Ein Jahr später registrierte die Polizei den ersten Fall im Regierungsbezirk Freiburg.

Polizei verteilt Handzettel

Weil es so schwer ist, die Täter aufzuspüren, setzt die Polizei auf Prävention. Seit dieser Woche verteilt die Polizeidirektion Freiburg im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald 2500 Flugblätter (PDF-Version, 387 KB) in deutscher und russischer Sprache. Sie warnen vor den Schockanrufern und geben Verhaltenstipps. Zudem werden an prominenten Stellen 200 Plakate aufgehängt. Auch in der Ortenau ist eine solche Aktion geplant. "Vielleicht gelingt es uns, einen der Boten auf frischer Tat zu ertappen", so Karl-Heinz Schmid. Und über ihn die Strippenzieher am anderen Ende der Leitung zu schnappen.

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Autor: Alexandra Sillgitt


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