Verhandlung in Mannheim

Betrugsvorwürfe: Lahrer Ex-Dekan steht ab Dienstag vor Gericht

Mark Alexander

Von Mark Alexander

Di, 11. September 2018 um 07:03 Uhr

Lahr

Betrug in 88 Fällen, Untreue und Urkundenfälschung: So lautet die Anklage gegen einen früheren Dekan aus Lahr. Jetzt beginnt in Mannheim der Prozess.

Der Prozess gegen den ehemaligen Lahrer Dekan E. beginnt heute, Dienstag, am Landgericht Mannheim. Bis Ende November sind 20 Termine angesetzt. Die Vorwürfe wiegen schwer: Betrug in 88 Fällen, Untreue und Urkundenfälschung. Insgesamt 228 000 Euro Schaden soll der katholische Priester verursacht haben. E. sitzt seit Ende vergangenen Jahres in Untersuchungshaft.

Es war ein Schock für die katholische Kirche in Lahr: Mitte 2017 wurde Dekan E., der Leiter der Seelsorgeeinheit an der Schutter, überraschend von seinen Aufgaben entpflichtet. Aus gesundheitlichen Gründen, hieß es zunächst. Ende des Jahres platzte dann die Bombe: Der Vorwurf der persönlichen Bereicherung erhärtete sich, das Erzbistum Freiburg erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Seitdem sitzt E. in Untersuchungshaft, seitdem herrscht Unruhe in der Seelsorgeeinheit mit ihren rund 17 000 Gläubigen in neun Pfarreien von Lahr bis Schweighausen.

Schwierige Situation für Mitarbeiter und Gläubige

Nun beginnt der Prozess, der Licht ins Dunkel bringen soll. Wer im Vorfeld nach Stimmen fragt, wird an das Freiburger Erzbistum verwiesen, den früheren Arbeitgeber des Angeschuldigten. "Das Entsetzen darüber, dass ein Geistlicher die ihm vorgeworfenen Taten begangen haben soll, war groß", teilt Pressesprecher Michael Hertl der BZ mit. "Die Mitarbeiter und Gläubigen mussten und müssen mit einer schwierigen Situation umgehen." Das Vorgehen der Erzdiözese, den Fall konsequent zur Aufklärung an die Behörden zu übergeben, sei von den Gläubigen und der Öffentlichkeit aber durchweg positiv bewertet worden.

Belastbare Erkenntnisse gebe es seit einem ersten Entwurf des Rechnungshof-Berichts vom 17. Oktober 2017. Untersuchungen des Rechnungshofs liefen seit Anfang 2016, so Hertl. Erste Gespräche gab es schon früher. Welches Ausmaß die Vorwürfe annehmen würden, sei damals aber noch nicht bekannt gewesen.

Nun liegt eine Anklage auf dem Tisch, die dieses Ausmaß offenlegt: Betrug in 88 Fällen, Untreue und Urkundenfälschung. Hauptgeschädigter ist der Caritasverband, für den E. ehrenamtlich tätig war.

Zwischen Januar 2013 und April 2017 soll E. unter Verwendung von Briefköpfen zweier ausländischer Firmen 72 Rechnungen über rund 195 000 Euro für angebliche Leistungen im IT-Bereich an den Caritasverband geschrieben haben. An der Muttergesellschaft im Ausland soll der Angeschuldigte selbst zu 50 Prozent beteiligt gewesen sein. Ohne formale Zuständigkeit habe er die Rechnungen gekennzeichnet, das Geld floss auf ausländische Bankkonten. Knapp 165 000 Euro habe er so erhalten.

Keine Auffälligkeiten bei Kirchenaustritten

Hinzu kommen weitere Vorwürfe: Für ein von ihm betreutes Pilgerprojekt soll er beim Caritasverband in elf Fällen erfundene Auslagen von 16 900 Euro geltend gemacht haben. Für ein angebliches Projekt der Caritas in Spanien habe er sich in vier Fällen von einer Ordensgemeinschaft insgesamt 21 000 Euro erschlichen. Zuletzt soll er aus der Kasse eines Pfarramts im Sommer vergangenen Jahres mindestens 2400 Euro entnommen und privat verwendet haben. "Offenbar wurde mit hoher krimineller Energie vorgegangen", hatte Erzbischof Stephan Burger Ende 2017 verlauten lassen. Weitere Verfehlungen aus der Zeit vor der Anstellung in Lahr sind dem Erzbistum nicht bekannt.

Was ist seitdem passiert? "Nicht erst als unmittelbare Reaktion auf den Fall hat die Erzdiözese verschiedene Vorkehrungen getroffen, um Ähnliches für die Zukunft zu verhindern", heißt es aus Freiburg. "Dazu zählen Veränderungen von Aufsichtsstrukturen und den entsprechenden Gremien und Einrichtungen." Die Kontrollmechanismen seien gestärkt worden, so Hertl. Dem früheren Dekan wurde "im Rahmen der Möglichkeiten während der Untersuchungshaft seelsorgerlicher Beistand angeboten".

Empörung und Wut in Lahr

"Wir mussten etliche Aufgaben verteilen, manches auch neu ordnen. Die Aufgaben eines Dekans in Seelsorge und Verwaltung sind ja vielfältig", sagt Martin Wichmann, Pastoralreferent der Katholischen Kirche an der Schutter. "Die Ereignisse mussten auch in Gesprächen aufgearbeitet werden. Der Schock nach der Verhaftung war groß." Diese Aufarbeitung dauert an. "Wir brauchen zur Bewertung auch das Urteil des Gerichtes."

Gläubige in Lahr hatten nach den Vorfällen empört und wütend reagiert, die Zahl der Kirchenaustritte ist zuletzt aber nicht auffällig gestiegen. Laut dem Lahrer Standesamt liegt sie im Durchschnitt der Vorjahre.

Mit Johannes Mette gibt es in Lahr seit Februar einen neuen Dekan. "Unter neuer Leitung ist die Seelsorgeeinheit auf einem guten Weg, zur Normalität zurückzufinden", sagt der Pressesprecher des Erzbistums. "Zu diesem Prozess der Aufarbeitung gehört aber auch die laufende Verhandlung, deren Abschluss auch für die Menschen in der Seelsorgeeinheit ein wichtiger Schritt sein wird."

20 Termine sind bis November angesetzt

Diese beginnt heute, Dienstag, um 9 Uhr am Landgericht Mannheim. Dort hatte die Staatsanwaltschaft, die auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert ist, im Juni dieses Jahres Anklage erhoben. Zunächst wird die Anklageschrift verlesen. Dann kann sich E. dazu äußern, dann könnten Anträge folgen. Laut Pressesprecher Joachim Bock haben sich einige Medienvertreter angekündigt. Bis zum 27. November sind 20 weitere Termine angesetzt, mehrere Zeugen werden gehört.

"Das Erzbistum erwartet, dass im Lauf der Verhandlung die Vorgänge in Lahr aufgeklärt und die Verantwortlichkeit festgestellt werden, damit am Ende ein gerechtes Urteil gefällt werden kann", heißt es aus Freiburg. Und das veruntreute Geld? "Nach Abschluss des Verfahrens wird zu prüfen sein, welche Möglichkeiten einer Erstattung es gibt", so Hertl. "Genaueres kann erst nach dieser Prüfung gesagt werden."