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13. November 2017

Oper

Bewegende Inszenierung von "La Bohème" bei Baden-Badener Herbstfestspielen

Teodor Currentzis und Philipp Himmelmann zeigen eine bewegende "La Bohème" bei den Baden-Badener Herbstfestspielen – am Rande der Hörbarkeit.

  1. Zarina Abaeva und Leonardo Capalbo in der Baden-Badener „Bohème“-Inszenierung Foto: Kremper

Es schneit. Vier Bilder – eine ganze Oper lang. Es ist Winter in Giacomo Puccinis "Szenen aus dem Leben der Bohème", aber so viel Schneeflocken und fahles Blau waren wohl selten auf der Bühne zu erleben wie in Philipp Himmelmanns Inszenierung im Festspielhaus Baden-Baden. Mit Winter-Wonderland freilich hat das nichts zu tun, vielmehr mit Kälte und Isolation. Und so stehen am Ende auf Raimund Bauers eindrucksvollem, von vernieteten Stahlplatten gesäumtem Bühnenbild die Protagonisten allein, verloren und abgewandt vom Publikum und der toten Mimi in einer wüsten, archaischen Schneelandschaft, fernab der Zivilisation.

Welcher Puccini-Kenner dächte da nicht an dessen der "Bohème" vorausgegangenen ersten großen Bühnenerfolg? Auch in "Manon Lescaut" stirbt die Heldin einen einsamen, tragischen Tod: in der Wüste bei New Orleans. Giacomo Puccinis zentrales Opernthema der Vereinsamung des Individuums in einer feindlichen Welt: Philipp Himmelmann hat es in seiner Inszenierung für das Festspielhaus Baden-Baden und das Opernhaus im russischen Perm mit großartiger Symbolkraft eingefangen. Ohne Verfremdung, Verkünstelung oder Überfrachtung.

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Selten ergänzen sich Szene und musikalischer Ausdruck im Musiktheater so wie in dieser Produktion. Denn mit Teodor Currentzis und seinen international hochgelobten Chor- und Orchesterensembles musicAeterna ereignet sich eines jener Wunder, die die Opernlandschaft immer wieder so reizvoll machen. Man glaubt "La Bohème" neu zu hören. Oder anders. Oder zum ersten Mal. Auf jeden Fall in einer Lesart, deren von Sorgfalt und höchster Leidenschaft geprägte Qualität einzigartig ist. Currentzis lässt den Orchestergraben höher als in deutschen Opernhausverhältnissen üblich fahren. Vordergründig könnte man denken: damit man die exzentrischen Dirigierbewegungen dieses Prometheus des Klassikbetriebs besser verfolgen kann. Darum geht es ihm indes nicht. Sondern allein um Klang, um Klanglichkeit. Puccinis Musik ist von einer unvergleichlichen Dichte und Intensität. Mehrfach beschreibt sie parallel unterschiedliche Handlungsstränge, so im zweiten und dritten Bild. Diese Simultanklänge transportieren Currentzis und sein Orchester in maximaler Deutlichkeit und Brillanz. Die Partitur leuchtet wie ein feingeschliffener Diamant.

Solche Durchsichtigkeit verspürt man auch dort, wo Puccinis Leidenschaft mit dem Kitschvorwurf konfrontiert wird: beim tragischen Liebespaar Mimi und Rodolfo. Currentzis unterzieht die erste Begegnung des Paars einer scheinbar beiläufigen Analyse, durchleuchtet sie mit der Lupe, setzt lange Zäsuren und misst jeder instrumentalen Begleitstimme maximale Aufmerksamkeit zu. Vor allem aber: Er lässt die reiche Dynamik mit höchster Sensibilität gestalten. Nicht der Belcanto-Gestus der Sänger ist entscheidend, sondern allein die innere Sprache der Musik. Hat man dieses vorsichtige aneinander Herantasten der beiden Protagonisten je so verinnerlicht gehört? Vierfaches piano notiert der Komponist am Ende des ersten Bildes – am Rande der Hörbarkeit. Currentzis nimmt ihn beim Wort und lässt einen erschaudern.

In Zarina Abaeva agiert freilich auch eine Mimi, die genau solche Behutsamkeit in ihrem zarten, obertonreichen lyrischen Sopran zu transportieren weiß: ein Ereignis. Leonardo Capalbo ist nicht der draufgängerische Belcanto-Rodolfo – und schon gar kein Spinto-Tenor. Doch den Mangel an Durchschlagskraft gleicht er mit exzellenter Gestaltung gerade in den mittleren Tonlagen aus – eine reife Arbeitsleistung. Auch ansonsten weiß die Aufführung ohne Gesangsstarangebot (und -allüren) mit soliden sanglichen Leistungen zu überzeugen: von Sofia Fominas quirlig-kräftiger Musette über Konstantin Suchkovs beweglichen, baritonal-warm klingenden Marcello bis hin zu Nahuel di Pierros mit Nachdruck deklamierendem Colline.

Aber nicht nur, dass die Balance zwischen Orchestergraben und Bühne optimal ist – auch die spielerischen Details überzeugen. Philipp Himmelmann verlegt diese "Bohème" in die 1960er Jahre, in das Paris zwischen Existenzialismus und Studentenrevolte, was auch Kathis Maurers Kostüme reizvoll widerspiegeln. Durch die Verankerung der Handlung zwischen Heute und Gestern sind die Figuren lebendig und doch gleichzeitig auch Metaphern. So wie der Schnee, der unentwegt vom Bühnenturm auf die Spielfläche rieselt. Ganz im Sinn Puccinis: "Ich bin nicht geschaffen für heroische Gesten", sagte er einmal. "Ich liebe die Seelen, die wir fühlen, die aus Hoffnung und Illusionen bestehen, die blitzende Freude und tränenerfüllte Wehmut empfinden."

Am 21. Januar interpretiert Currentzis im Konzerthaus Freiburg mit dem SWR-Symphonieorchester Bruckners Sinfonie Nr.9. .

Autor: Alexander Dick