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30. Juni 2012
Bieten um Papa Kellys Erbe
Politiker-Gästehaus, Kellys Heim, Konzertbühne – die bewegte Geschichte des Schloss Gymnich.
Das schmiedeeiserne Tor zum Park ist fest verschlossen, an der Säule mit der Gegensprechanlage sind die Klingelknöpfe abmontiert. Einladend ist anders. "Kathy Kelly" steht auf dem Namensschild am Briefkasten, daneben ein Aufkleber mit der Bitte, keine Werbung einzuwerfen. "Paddy" ist in Kleinmädchenschrift auf die Backsteine des Torpfostens geschrieben – ein fast rührender Hinweis darauf, dass sich hier einmal die Fans der Kelly-Family auf den Füßen gestanden haben, um einen Blick auf ihre Idole zu erhaschen.
Es ist still geworden in Gymnich, einem Stadtteil von Erftstadt westlich von Köln mit 4500 Einwohnern. Am kommenden Dienstag allerdings wird das Schloss, das einmal Gästehaus der Bundesregierung war, wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit rücken. Dann wird es nämlich vor dem Amtsgericht Brühl zwangsversteigert. Es ist bereits der zweite Versuch, die Immobilie an den Mann zu bringen. Einziger Bieter beim ersten Termin: Joey Kelly.
Joey Kelly will also das Schloss kaufen, das er gemeinsam mit seinen acht Geschwistern und drei Halbgeschwistern im Jahr 2002, nach dem Tod des Vaters geerbt hat. Indes konnten sich die Erben nicht über die Zukunft des Gemäuers einigen, deshalb kam es zur Versteigerung. 1,7 Millionen Euro bot Joey Kelly, den Zuschlag hätte er erst bei der Hälfte des Verkehrswertes bekommen, und der ist auf 5,3 Millionen Euro festgesetzt. Beim zweiten Termin nun gibt es keine Untergrenze mehr.
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Dafür bekommt der Käufer nicht nur die zweiflügelige Hauptburg, die von einem Wassergraben umgeben ist, sondern auch noch eine Vorburg und das sogenannte Kavaliershaus. Nicht zu vernachlässigen einen Park mit alten, zum Teil exotischen Bäumen – rund 21 Hektar Grundstück insgesamt. Klingt wie ein Schnäppchen, zumal Vater Dan Kelly 1998 gut 13 Millionen Mark dafür bezahlt hat. Die legte er damals übrigens in bar auf den Tisch des Amtsgerichts. Die Famlie zog vom Schiff um ins Schloss.
Doch die Sache hat einen Haken. Zum einen sind Schloss und Park nicht im besten Zustand. Der langjährige Besitzer, Jörg Baron von Holzschuher, hatte schon vor zwölf Jahren ein vernichtendes Urteil gefällt: Das Schloss sei in seiner Grundsubstanz nicht sanierbar. Er prophezeite sogar, es werde innerhalb der nächsten Jahrzehnte auseinanderbrechen. Schuld daran sei die Grundwasserabsenkung durch den Braunkohletagebau im rheinischen Revier. Das Bergbauunternehmen, früher Rheinbraun, heute RWE Power, hatte den Schlossherrn längst entschädigt.
"Schloss Gymnich bei Bonn"
Die Gymnicher würde das vermutlich kaum noch erschüttern. Sie sind Kummer gewohnt mit dem Schlösschen am Ortsrand. Von 1971 bis 1990 war es Gästehaus der Bundesregierung – Gymnich ist von Bonn nur rund 30 Kilometer entfernt, die Ortsangabe "Schloss Gymnich bei Bonn" gehörte zum Standardrepertoire jedes Nachrichtensprechers. Polizeiaufgebot auf den Dorfstraßen, dröhnende Hubschrauber über den Häusern, kein Zutritt zum Park hieß das für die Nachbarn.
Ab 1987 gaben sich wechselnde Besitzer gewissermaßen die Klinke der Schlosstür in die Hand. Erst kam ein Japaner. Der begann, einen Golfplatz zu bauen. Daran scheiterten auch seine Nachfolger Max Perscheid und Jürgen Rosenkaimer. Joachim Wander versuchte es mit einem Hotel. Er scheiterte, das Schloss wurde zwangsversteigert.
Als 1998 die Kelly-Family einzog, brach ein Sturm über Gymnich herein. Die bunte Sangestruppe war damals auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. Die Fans standen in Trauben vor dem Tor zum Park, campierten in der Nachbarschaft und brachten die Infrastruktur des Dorfes an ihre Grenzen. Die Stadt stellte Container mit Duschen und Toiletten auf. Und machte eine verblüffende Erfahrung: Schilder, die auf Parkplätze extra für Kelly-Fans hinwiesen, verschwanden über Nacht. Ganz offensichtlich waren sie begehrte Souvenirs. Gerichtlich wurde den Musikern schließlich untersagt, am Zaun und vor dem Tor Kontakt mit ihren Fans aufzunehmen.
Ganz nebenbei bekamen die Nachbarn auch noch eine gute Portion Familienstreit bei den Promis mit: Vincent van Hille, der geschiedene Mann von Kathy Kelly, drohte im November 1998, sich vor dem Schloss anzuzünden. Er wollte zu seinem Sohn Sean. Der machte der Stadt zwei Jahre später noch andere Probleme: Damals war das Kind sieben Jahre alt, aber noch nicht eingeschult.
Irgendwann hatten sich dann die Kellys in alle Winde verstreut, ihre große Zeit war ohnehin vorbei. Joey versuchte es mit einer Betreibergesellschaft, es gab ein Restaurant im Schloss und Konzerte. Udo Jürgens trat im Park ebenso auf wie Chris de Burgh. Dann wurde gegen einen der Gesellschafter wegen Unterschlagung bei einer anderen Firma ermittelt. Versuche, Schloss und Park zu vermarkten, scheiterten. Tragischer Höhepunkt war der Weihnachtsmarkt 2006, bei dem ein Kind von einem herabstürzenden Ast erschlagen wurde.
Park und Schloss sind heute für die Öffentlichkeit verschlossen. Ein Wachhäuschen in hässlicher Siebzigerjahre-Architektur erinnert daran, dass hier in 29 Jahren 262 Staatspräsidenten, Regierungschefs und sogar der Queen das Tor geöffnet wurde. Was er mit dem Schloss anfangen will, wenn er es denn am Dienstag ersteigert, dazu will sich Joey Kelly derzeit nicht äußern. Dass man ihn aber, wie vor Jahren auch seine Geschwister, in dem angejahrten Wachhäuschen sitzen und mit Fans plaudern sieht, dürfte auszuschließen sein.
Autor: Ulla Jürgensonn





