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12. März 2011

Die Musik der Antarktis

Forscher horchen das Südpolarmeer ab – und hören Robben zwitschern, Wale singen und Eisberge ächzen.

  1. m Foto: © Ilse van Opzeeland, Alfred-Wegener-Institut

Wie sie pfeifen, winseln, stöhnen, grunzen, wenn das Weibchen lockt. Beim Gesang der Buckelwale wird vielen warm ums Herz. Aber auch die ganz prosaischen Töne, die ein Eisberg in der Antarktis von sich gibt, sind recht beeindruckend. Er quietscht und ächzt wie eine seit langem nicht mehr geölte Tür. Und wenn ein Stück vom Schelfeis abbricht – wenn es kalbt – , dann donnert es unter Wasser wie bei einem gewaltigen Gewitter. Die Meeresbewohner übrigens beeindruckt das kaum. Schon nach kurzer Zeit ist wieder das Zwitschern der Robben zu hören.

Wer will, kann dem Sound der Antarktis via Internet lauschen – auf der Website des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) für Südpolar- und Meeresforschung. Die Bremerhavener betreiben seit mehr als fünf Jahren einen marinen Horchposten am Südpol. Es handelt sich um einen unbemannten Forschungscontainer, der auf dem Ekström-Schelfeis der Aktabucht in der Nähe der deutschen Neumayer-Station steht.

Die Mikrofone hängen 80 Meter tief im Wasser, unter einer 100 Meter dicken Eisschicht. Was sie aufnehmen, wird via Satellit ins AWI übertragen. Die Wissenschaftler haben die Station "Palaoa" genannt – eine komplizierte wissenschaftliche Abkürzung, aber auch das hawaiianische Wort für Wal. Eine Datenmenge von sechs Terrabyte wurde im Lauf der Jahre dort angesammelt. Das sind mehr als 30 000 Stunden Unterwassergeräusche, die in Bremerhaven von Computern – anhand der Klangprofile in den Datenbanken – ausgewertet werden.

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Die lautesten Geräusche stammen von Eisbergkollisionen: Ungefähr einmal im Jahr krachen in Hörweite der Station Giganten bis zur Größe Berlins aufeinander oder an den Rand des Schelfeises. Ansonsten aber ist dieser Teil des Antarktischen Ozeans weitgehend lärmfrei – sieht man von den wenigen Forschungsschiffen wie der deutschen "Polarstern" ab, die sich in diese eisige Region vorwagen. Auf Kreuzfahrtschiffe trifft man erst viel weiter westlich im Bereich der antarktischen Halbinsel.

Umso besser kann "Palaoa" den Meeressäugern lauschen – den Robben und Walen. Neben dem Buckelwal besucht auch der Blauwal, das größte Tier der Erde, die Antarktis. Seine niedrigfrequenten Schreie tragen über Hunderte Kilometer. "Früher nahm man an, dass er eisbedeckte Gewässer meidet", sagt AWI-Forscherin Ilse van Opzeeland. "Palaoa" fängt auch das hochfrequente Klicken der Schwertwale ein, die sich mit einer Art von biologischem Echolot orientieren.

Meistens aber hängen die Rufe mit der Fortpflanzung zusammen, das gilt nicht nur für die Liebesgesänge der Buckelwale, sondern auch für die Seeleoparden. Diese Robben sind Einzelgänger – was bleibt ihnen anderes, als paarungsbereite Artgenossen akustisch auf sich aufmerksam zu machen? Zwölf verschiedene Lockrufe hat "Palaoa" aufgezeichnet.

"Jede Art hat ihre eigene Zeit, in der sie vokal aktiv ist", sagt Ilse van Opzeeland. Und die Tiere wissen auch, wann es besser ist zu schweigen. "Die Krabbenfresserrobbe verstummt, sobald Seeleoparden auftauchen. Denn die fressen Krabbenfresserrobben."

Die Bremerhavener Wissenschaftler haben die Klangprofile über mehrere Jahre verglichen. Sie vermuten, dass der Paarungszeitpunkt vom Vorhandensein bestimmter Eistypen abhängt – beispielsweise ob es Risse gibt, ob die Schollen glatt sind oder ein bestimmtes Profil haben. Überraschend ist das exakte Timing der Tiere. Einige Robbenarten beginnen ihre Fortpflanzungsgesänge tatsächlich jedes Jahr in derselben Kalenderwoche.

Bei den Rufen der Buckel- und Blauwale geht es wahrscheinlich nicht nur um Sex. Es handelt sich generell um sogenannte "social sounds", die die Gruppe zusammenhalten sollen. Im Fall der Buckelwale hat van Opzeeland folgende Hypothese: Die Meeressäuger koordinieren damit möglicherweise ihre Beutezüge, wenn sie Jagd machen auf Krill, das sind kleine Krebse, die in riesigen Schwärmen durch das Südpolarmeer ziehen. "Die Rufe könnten dazu dienen, die Beute zusammenzutreiben oder den Artgenossen zu signalisieren: Hier gibt’s was zu fressen."

Das große Fressen findet hauptsächlich im antarktischen Sommer statt. Dann haben die Buckelwale ihre Paarungsgebiete vor den Küsten Afrikas, Australiens, Südamerikas und Neuseelands verlassen, um Tausende Kilometer Richtung Süden zu ziehen. "Palaoa" hat Buckelwale noch am 70. Breitengrad geortet – "dass die Meeressäuger so weit südlich wandern, war bisher nicht bekannt", berichtet Ilse van Opzeeland. Überraschend war, dass auch im antarktischen Winter die Rufe nicht verstummten. Normalerweise wandern die Tiere dann in wärmere Gefilde ab, wo sie Nachwuchs bekommen. "Vermutlich ersparen sich aber schwächere Tiere die mehr als 5000 Kilometer lange Wanderung in den Norden und überwintern in der Antarktis", meint Ilse van Opzeeland.

Solche Erkenntnisse gibt es nur dank "Palaoa". Im Eis der Antarktis sind Abhöranlagen die vielversprechendste Methode, etwas über die Verbreitung und saisonalen Wanderungen von Meeressäugern zu erfahren. Denn sie direkt zu beobachten ist nicht so einfach. Die meisten Schiffe können in den eisbedeckten Gewässern nur eingeschränkt manövrieren. Im Südwinter – dann ist auf der Nordhalbkugel Sommer – ist die Region ohnehin unzugänglich. "Palaoa" aber ist stets auf Empfang.

Wie lange noch, darauf haben die Wissenschaftler des Bremerhavener AWI keinen Einfluss. Denn an die Unterwassermikrofone, die unter 100 Meter dickem Eis liegen, gibt es kein Herankommen mehr. "Die Löcher wurden mit einem Heißwasserbohrer gebohrt und sind sehr schnell wieder zugefroren", sagt Ilse van Opzeeland. Zwei der insgesamt vier Mikrofone sind bereits ausgefallen. Irgendwann aber wird das Eisstück, auf dem" Palaoa" steht, ohnehin abbrechen und als Eisberg rund um den Südpol treiben.

Klangbeispiele im Internet unter      http://www.awi.de

KUNST UND NATUR

Der eiskalte Klang

O-Töne aus dem antarktischen Meer faszinieren auch die Künstler. Schon mehrere experimentelle Musiker haben Palaoa-Klänge in ihre Werke integriert. Der Berliner Andreas Bick zum Beispiel setzt in seiner Komposition "Frost Pattern" Tonaufnahmen kollidierender Eisberge ein. Auf den Musiktagen Hitzacker 2010 war Matthias Kauls "Glowing Sea" zu hören. Am bekanntesten wurde der Horchposten am Südpol durch den "Iceberg Palaoa", eine der Attraktionen der Kulturhauptstadt Europa Ruhr 2010. Über drei Millionen Menschen besuchten die begehbare, auf der Ruhr in Essen schwimmende Skulptur und Klanginstallation.  

Autor: hei

Autor: Michael Heilemann