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04. Januar 2010 07:56 Uhr
Naturkunde
Vögelfüttern im Winter – seit Jahren ein Streitthema
20 Millionen Euro geben die Deutschen jährlich für Vogelhäuschen und Meisenknödel aus. Aber ist das Füttern sinnvoll oder pfuscht der Mensch damit der Natur ins Handwerk?
Das klingt übertrieben? Mitnichten: Um ihre Körpertemperatur von 40 Grad Celsius konstant halten zu können, brauchen Vögel sehr viel Energie. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass so ein Piepmatz in einer kalten Winternacht bis zu zehn Prozent seines Gewichtes verliert, das zierliche Wintergoldhähnchen sogar bis zu zwanzig Prozent. Um nicht gleich beim ersten Frost tot vom Ast zu kippen, hat das fünf Gramm leichte Tier nur eine Chance: sich tagsüber den Bauch vollschlagen, bevorzugt mit Springschwänzen, einer kleinen Insektenart, die auf Baumrinden herumkrabbelt.
Spaßig ist das nicht: Springschwanz finden, schnappen, verschlucken, Springschwanz finden, schnappen, verschlucken, Springschwanz ... na, Sie wissen schon. Und auch seinen weniger spezialisierten Kollegen fordert die Nahrungssuche im Winter einiges ab. Insekten sind Mangelware, die Würmer sind tief im Boden erstarrt und eine fiese Schneedecke macht herumliegende Samen und Körner unauffindbar. Das bleibt nicht folgenlos, je nach Vogelart und Winterstrenge sterben pro Saison 20 bis 50 Prozent aller Tiere.
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Was macht also ein Mensch mit Herz? Er hängt ein Vogelhäuschen auf und bestückt es üppig mit erlesenen Körnern und Meisenknödeln. Immerhin rund 20 Millionen Euro jährlich ist uns diese Tierliebe wert. Seit Jahrzehnten allerdings streiten die Gelehrten, ob das Füttern überhaupt sinnvoll ist oder Mensch damit nicht zu sehr der Natur ins Handwerk pfuscht. Stichwort "natürliche Auslese".
GEFÜTTERTE VÖGEL SIND VERWÖHNT UND VERWEICHLICHT? VON WEGEN!
Werden nämlich auch alte und schwache Exemplare durchgefüttert, argumentieren Kritiker, machen die sich im Frühjahr auch auf den Nistplätzen breit. Das Nachsehen haben die Zugvögel, die aus wärmeren Gefilden zum Brüten zurückkommen und feststellen müssen: alles besetzt. Angeblich soll das Füttern die Vögel zudem verweichlichen, sie würden verlernen, wie sie in freier Natur Nahrung finden. "All diese Ängste haben sich bisher nicht fundiert bestätigen lassen, da sind andere Effekte wie Klimawandel oder Globalisierung viel stärker", sagt Wolfgang Fiedler.
Der Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ornithologie und Leiter der Vogelwarte in Radolfzell am Bodensee hat nichts dagegen einzuwenden, dass im Winter in städtischen Vorgärten und auf Balkonen kleine Vogelfütterstationen eingerichtet werden. "Das Thema ist nach wie vor heiß diskutiert, aber immerhin wissen wir schon mal, dass es den Tieren nicht schadet." Und einen Vorteil wollen selbst die härtesten Kritiker dem Vogelhäuschen nicht absprechen: Wer die Möglichkeit hat, beim Frühstück Rotkehlchen und Zaunkönig durchs Fenster beim Picken zu beobachten, fühlt sich vielleicht trotz Eigenheim, Fernseher und Zentralheizung wieder ein Stückchen näher dran an der Natur.
KINDER AN DIE HEIMISCHE VOGELWELT HERANFÜHREN
Umweltpädagogischer Aspekt nennt Carsten Brinckmeier vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) das. "Gerade Kinder können so sinnvoll an die heimische Vogelwelt herangeführt werden", sagt Brinckmeier. Das sei jedoch auch schon der Hauptvorteil des Vogelfütterns. Denn auch wenn wir dem wilden Federvieh damit nicht schaden, wirklich retten können wir die Vögel mit der Winterversorgung nicht.
"Aus Sicht des Artenschutzes ist das Füttern nicht notwendig, denn die bedrohten Arten haben nichts davon", sagt auch der Ornithologe Fiedler. Mit der im Vogelhaus kredenzten Mischung aus Fett und Körnern würden die Sorgenkinder wie Nachtigall, Gelbspötter, Waldlaubsänger oder Grauschnäpper nicht erreicht.
Auch dem schwer schuftenden Wintergoldhähnchen kann mit Futter nicht geholfen werden, es lebt weitab vom Menschen in Wäldern. Höchstens 15 verschiedene Vogelarten, schätzen Experten, profitieren von der täglichen Körnerration in besiedelten Gebieten, sie alle sind nicht vom Aussterben bedroht.
Wer wirklich was tun will für den Vogelschutz, kann gleich im eigenen Garten anfangen und ihn naturnah herrichten. Heißt: den Rasen nicht auf fünf Millimeter Länge säbeln, Pflanzen auch mal zum Aussamen kommen und vielleicht sogar ein Eckchen verwildern lassen. "Der klassische Kurzrasen mit Konifere zum Beispiel bietet viel zu wenig Nahrung für Vögel", sagt Wolfgang Fiedler. Viele Gärten sind zwar grün, aber bieten keine Lebensräume mehr für Tiere.
Der Trend weg von heimischen zu exotischen Pflanzen ist besonders dramatisch für Vögel, denn an den fremden Gewächsen hat kaum ein Insekt Interesse. "Das mag für den Gärtner von Vorteil sein, für die Vögel bedeutet das summa summarum den Tod", sagt Fiedler. Gerade in städtischen Gefilden verhungerten immer mehr Vogeljunge im Frühjahr, weil das Nahrungsangebot nicht mehr ausreiche. Selbst der Haussperling sei in seinem Bestand geschwächt. "Das ist ein Trend, den wir bei vielen Arten feststellen, aber noch nicht erklären können", sagt Fiedler.
ZUGVÖGEL FLIEGEN LIEBER NACH GROßBRITANNIEN
Neben dem zunehmenden Nahrungsverlust stehen auch Umweltgifte, andere Bauweisen, massive Veränderungen in der Landwirtschaft und der Klimawandel auf der Liste der Verdächtigen. Um langfristig überleben zu können, müssten sich die Vögel anpassen. Manchen Arten gelingt das sogar recht schnell, evolutionsbiologisch gesehen. Die Amsel zum Beispiel war bis vor 150 Jahren ein reiner Waldvogel. Inzwischen lebt sie in Gartenanlagen und Parks und versteht sich auf die seltene Kunst, Regenwürmer an einem Stück aus dem Boden zu zerren. Auch die mitteleuropäische Mönchsgrasmücke hat in den vergangenen 50 Jahren eine ordentliche Wandlung durchgemacht und findet es neuerdings schick, im Herbst nicht mehr nur gen Marokko und Spanien auszuwandern. Freiburger Forscher um den Evolutionsbiologen Martin Schaefer haben festgestellt, dass ein immer größer werdender Teil der heimischen Zugvögel stattdessen nach Großbritannien fliegt.
Die Engländer nämlich haben auch ein großes Herz und versorgen die daheimgebliebenen Vögel mit prall gefüllten Futterstellen. Das kam der Mönchsgrasmücke gerade recht. "Den Vögeln dort geht es prächtig: Die Engländer füttern nicht nur üppig zu, sie sind auch wahre Gartenfanatiker und pflanzen zum Beispiel viele Büsche an, die Früchte tragen. Das ist ein Vogelparadies", sagt der Evolutionsbiologe Gregor Rolshausen vom Institut für Biologie an der Universität Freiburg, der zu Schaefers Team gehört. Dazu trage auch das im Vergleich zum süddeutschen Winter recht milde Klima bei, das durch den Einfluss des warmen Golfstroms entstehe.
Die Mönchsgrasmücke hat sich über die vergangenen 30 Generationen hinweg angepasst und eine neue Art herausgebildet. So haben die Spanienzieher viel spitzere Flügel als die Englandzieher, denn spitze Flügel haben einen geringeren Luftwiderstand und weniger Gewicht, was sich bei längeren Strecken energiesparend auswirkt. Auch Gefiederfarbe und Schnabelform dieser beiden Populationen unterscheiden sich inzwischen.
Die Arbeitsgruppe um Schaefer vermutet, dass die engeren Schnäbel der in Großbritannien überwinternden Tiere eine Anpassung an die Fütterung durch den Menschen darstellt. Obwohl die beiden Arten in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander brüten, pflanzen sie sich nicht beliebig miteinander fort. "Diese Bildung einer neuen Art in nur wenigen Jahrzehnten hat uns total überrascht", gesteht Rolshausen. "Es ist selten, dass man eine solche Anpassung bei Wirbeltieren verfolgen kann, das ist sozusagen Evolution zum Zugucken."
- Expertenrat: Vögel füttern – aber richtig
- Tipps für Vogelfreunde: Speiseplan für geflügelte Gourmets
Autor: Claudia Füßler


