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19. März 2011

Opfer der Statistik

Ob Tschernobyl oder in Zukunft Fukushima: Über die Zahl der Toten will nicht jeder offen reden.

Mit Zahlen wird Politik gemacht. Deswegen sind die Opferzahlen von Atomunfällen extrem brisant. Je höher sie liegen, umso schwerer fällt es der Atomwirtschaft, eine Kernschmelze zum Betriebsunfall einer sonst sicheren Technologie herunterzuspielen.

Für Tschernobyl kursieren fast 25 Jahre nach der Katastrophe mehr denn je unterschiedlichste Zahlen. Sie differieren gar um Größenordnungen. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, zu erahnen, dass auch die Schreckensbilanz von Fukushima in den nächsten Jahren erhebliche Diskrepanzen aufzeigen wird – je nach dem, von wem die Zahlen kommen.

Intensiver als je zuvor war die Debatte um die Zahl der Toten von Tschernobyl zum 20. Jahrestag der Katastrophe entflammt. Denn man ist beim Nachweis der Opfer zumeist auf die Statistik angewiesen. Die Leidtragenden sind bei einem Atomunfall schließlich über Tausende von Quadratkilometern verstreut und die wenigsten sterben sofort nach der Havarie. Die Mehrzahl erkrankt erst im Laufe ihres späteren Lebens an Krebs, oft ohne dass ein Zusammenhang mit der Strahlenexposition nachweisbar ist. Und so steht man vor einem Phänomen, das die Medizin in allen Bereichen kennt: Man sieht zwar durch die Häufung bestimmter Erkrankungen einen statistischen Zusammenhang von Ursache und Wirkung, aber eben keinen kausalen. Selbst wenn der Zusammenhang hochsignifikant ist.

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Die niedrigste Opferzahl, die kurz nach der Tschernobyl-Katastrophe kursierte, lag bei 31. Das war die Zahl der unmittelbaren Todesopfer vor Ort – 31 Feuerwehrmänner und Kraftwerksangestellte starben im Frühjahr 1986 sofort infolge der Verstrahlung. Dass diese Zahl keine Aussage über das gesamte Ausmaß der Gesundheitsschäden gibt, ist inzwischen allseits akzeptiert. Nur wie hoch ist die Zahl der Toten wirklich? Was ist mit den rund 800 000 Katastrophenhelfern aus Russland, Weißrussland und der Ukraine? Was mit den Menschen, die noch heute auf verseuchten Böden leben?

Das in Lyon ansässige Institut für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation WHO nahm 20 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl für sich in Anspruch die "definitiven Antworten" über den "wahren Maßstab des Unfalls" geben zu können. Nach Auswertung der Datenlage kam die Organisation auf die Zahl von 4000 Menschen, die "eventuell aufgrund der Strahlenexposition sterben könnten". Eine Zahl, die heute noch kursiert.

Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz hielten diese Aussage schon damals für unseriös. Eine "offizielle Verharmlosung der Tschernobylfolgen" werfen sie der WHO vor. Die Bremer Professorin Inge Schmitz-Feuerhake vom Otto Hug Strahleninstitut erklärt die niedrigen Zahlen der WHO mit Verträgen zwischen den betreffenden UN-Organisationen.

Denn die WHO hat sich mit der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO) darauf verständigt, über die Gesundheitsrisiken der Atomkraft nur noch im Zusammenspiel beider Institutionen zu berichten. Und das kommt einem Maulkorb gleich. Denn die IAEO vertritt die Lobbyinteressen der Atomwirtschaft und ist folglich immer darauf aus, die Zahlen für die Öffentlichkeit möglichst niedrig zu halten. "Die Verharmlosung von Umweltschäden durch behördliche bestellte Experten hat bei uns und international Methode und Tradition", sagt Schmitz-Feuerhake.

Einst war die WHO unabhängig. Auf einer Konferenz im August 1956 konnte sie noch unbeschwert von politischen Fesseln vor den Risiken der radioaktiven Strahlung warnen – was innerhalb der UNO zu Verstimmung führte. Und so willigte die WHO notgedrungen drei Jahre später einer Verpflichtung ein, sich nicht mehr eigenständig zu Themen der Atomenergie zu äußern. IPPNW spricht von einem "Knebelvertrag".

Aber wie viele Opfer brachte – und bringt – der Tschernobyl-Fallout nun wirklich? Der Münchener Strahlenbiologe Edmund Lengfelder schätzte bereits zum 20. Jahrestag, dass von den früheren Katastrophenhelfern, die sich vor allem aus dem Militär rekrutierten, 50 000 bis 100 000 gestorben seien. "Nach russischen Angaben sind heute ein großer Teil der Liquidatoren Invaliden und leiden unter anderem an Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Problemen, Lungenkrebs, Entzündungen des Magen-Darm-Bereichs, Tumoren und Leukämie."

Aber auch in der Bevölkerung sind die Folgen dramatisch, wie die beiden IPPNW-Wissenschaftler Sebastian Pflugbeil und Henrik Paulitz herausfanden. Sie schätzen, dass allein in der von dem Tschernobyl-Fallout am stärksten betroffenen Region Gomel 1998 die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen an Schilddrüsenkrebs bei Kindern bis 18 Jahren 58-fach höher gewesen sei als in den 13 Jahren vor der Katastrophe. Und nach neuen Zahlen, die Schmitz-Feuerhake und Lengfelder gerade ausgewertet haben, zeigt sich noch 2006 bis 2010 eine deutlich erhöhte Neuerkrankung an Schilddrüsenkrebs: Während es in westeuropäischen Ländern jährlich 3 bis 4 neue Fälle pro 100 000 Einwohner gibt, lag die Zahl in Gomel zuletzt noch immer bei über 16.

Aber auch in Deutschland wurde direkt nach Tschernobyl ein Anstieg von Erkrankungen nachgewiesen, die typisch sind nach einer Strahlenbelastung. In den am höchsten belasteten Landkreisen in Bayern überstieg die Zahl der Totgeburten 1987 den erwarteten Wert um 45 Prozent, so das Otto Hug Strahleninstitut in München. Auch 1988 und 1989 wurde noch eine signifikante Erhöhung um 35 Prozent festgestellt. Im Januar 1987, neun Monate nach der Tschernobyl-Katastrophe, wurden in Berlin unter den Neugeborenen zwölf Fälle von Trisomie-21 (Mongolismus) beobachtet. Üblich sind hier im Monat nur zwei bis drei Fälle. Statistisch sei eine solche Erhöhung trotz der geringen Anzahl an Fällen "hoch signifikant", erklärt das Institut.

Auch hier gehört wieder nicht viel Phantasie dazu, zu erahnen, dass ähnliche Zahlen bald von Medizinern aus den Fallout-Gebieten der japanischen Strahlenwolke kommen werden. Und natürlich werden auch hier die offiziellen WHO-Zahlen wieder niedriger liegen.

Autor: Bernward Janzing