"Immer mehr Probleme, engagierte Leute zu finden"

Moritz Lehmann

Von Moritz Lehmann

Sa, 08. September 2018

Binzen

BZ-INTERVIEW mit dem Binzener Bürgermeister Andreas Schneucker über die Frage, warum sich der Binzener Gemeinderat nicht vergrößern will – obwohl er das dürfte.

BINZEN. Die Gemeinde Binzen ist seit der letzten Kommunalwahl gewachsen – und hat die 3000-Einwohner-Marke geknackt. Damit könnte die Zahl der im kommenden Jahr zu wählenden Gemeinderäte gemäß der Gemeindeordnung von 12 auf 14 steigen. Der Gemeinderat hat sich am Donnerstagabend aber einstimmig dagegen ausgesprochen. Warum, das erklärt Bürgermeister Andreas Schneucker im Interview mit Moritz Lehmann.

BZ: Herr Schneucker, warum will der Binzener Gemeinderat nicht wachsen?

Andreas Schneucker: Wir lagen bisher knapp unter der Einwohnergrenze von 3000, jetzt sind wir mit 3014 knapp drüber. Es handelt sich um eine Veränderung um etwa 30 Einwohner. Bei dieser geringen Differenz macht es Sinn, die bisherige Größe des Gemeinderats zu belassen. Wenn das ein größerer Sprung gewesen wäre, hätten wir von der Verwaltung etwas anderes vorgeschlagen.

BZ: Der Binzener Gemeinderat ist für seine große Einigkeit bekannt, auch bei strittigen Fragen. Hatte man Angst, dass sich das ändern könnte, wenn er sich vergrößert?

Schneucker: Nein, es gibt einfach eine sehr gute Diskussionskultur. Das sagen auch Gäste und Berater, die an unseren Sitzungen teilnehmen, immer wieder. Das wäre mit zwei Personen mehr nicht anders.

BZ: Sie sehen darin also keine Chance für mehr demokratische Mitbestimmung.

Schneucker: Darüber habe ich im Vorfeld auch nachgedacht. Bei den vergangenen Kommunalwahlen hatten die Parteien teilweise aber Schwierigkeiten, ihre Listen zu füllen. Vor fünf Jahren etwa hat die Unabhängige Liste nach wirklich anstrengender Suche nur neun von 12 Listenplätzen besetzen können. Leider.

BZ: Warum leider?

Schneucker: Weil in einer Kommune sehr viel zu bewegen ist. Man ist am nächsten am Bürger dran. Das fängt an mit der Schaffung von Krippen- und Kindergartenplätzen und geht über die Schulsanierung, Ausweisung von Bauland bis zur Neugestaltung des Friedhofs, was wir letztes Jahr hatten. Oder das sieben Millionen teure Projekt des Sportplatzneubaus – der Gemeinderat entscheidet, ob wir das machen oder nicht.

BZ: Warum ist es trotzdem so schwierig, Menschen für den Gemeinderat zu gewinnen?

Schneucker: Auch Vereine haben immer mehr Probleme, engagierte Leute zu finden. Ich denke, dass es zu viele Möglichkeiten gibt, sich selbst zu "verwirklichen". Früher war jeder Jugendliche in einem Sportverein. Heute können diese ins Fitnessstudio gehen. Dort zahlen sie zwar einen nicht geringen Beitrag, haben aber keinerlei Verpflichtungen. Diese Individualisierung hat zugenommen. Auch die zunehmende Mobilität in der Arbeitswelt trägt dazu bei. Wobei ich für Binzen sagen kann: Wir haben mehr Vereinsmitglieder als Einwohner. Einige Bürger sind Mitglied in mehreren Vereinen, und wir haben auch Vereinsmitglieder, die von außen kommen. Unsere Vereinsstruktur ist also wirklich gut.

BZ: Aber sie war auch schon mal besser.

Schneucker: Wenn ich zu Generalversammlungen gehe, dann merke ich es schon, dass es schwieriger wird, Vorstandsposten zu besetzen. Und dass immer weniger Mitglieder kommen. So etwas geht zulasten der Allgemeinheit – und in unserem Falle auch des Gemeinderates. Das ist schade, denn ich glaube, dass es sehr befriedigend ist, sich ehrenamtlich zu engagieren.

BZ: Gibt es Bestrebungen oder Ideen seitens der Gemeinde, Menschen für den Gemeinderat zu begeistern? 2019 wird ja wieder gewählt.

Schneucker: Der Gemeinderat hat auch die Aufgabe, die Verwaltung zu kontrollieren, er sollte daher seine eigenen Kandidaten suchen. Aber wir ermuntern die Parteien und Listen, sich auf die Suche zu machen. Wenn es Fragen gibt – zum Beispiel, wie groß der Aufwand ist – stehen wir gerne zur Verfügung.