Missbrauchsfall

Birnau: Fünf Jahre Seelsorger ohne Genehmigung?

Jens Schmitz und Anne-Kathrin Weber

Von Jens Schmitz & Anne-Kathrin Weber

Mi, 28. Juli 2010 um 20:03 Uhr

Deutschland

Im Missbrauchsfall Birnau fehlt dem Ordinariat Freiburg offenbar der Überblick über die Fakten. Nach BZ-Recherchen war der beschuldigte Pater, anders als behauptet, bei seinem zweiten Aufenthalt jahrelang Gemeindeseelsorger.

Monate nach dem öffentlichen Bekanntwerden des Missbrauchsfalls um das Kloster Birnau hat man im Ordinariat Freiburg offenbar immer noch keinen Überblick über die Fakten. Der bezichtigte Pater Gregor M. war bei seinem zweiten Birnau-Aufenthalt 1987 bis 1992 nicht nur gelegentlich etwa als Aushilfe tätig, wie bisher vermittelt, sondern zuständiger Seelsorger für Deisendorf. Das ergeben Recherchen der Badischen Zeitung im Stadtarchiv Überlingen.

Bisher hatte es im Ordinariat stets geheißen, es habe einen zweiten Einsatz am Bodensee nicht gegeben, und wenn, dann nur als Aushilfe und ohne Wissen der Diözese. Aus diesem Grund habe das Bistum auch weder gegen Kirchenrecht noch gegen die Leitlinien der Bischofskonferenz verstoßen, als es nach Bekanntwerden des Falles aus den 60er Jahren 2006 die Bearbeitung dem Abt überließ.

Auch Nußdorf wurde wohl von Gregor P. betreut

Allerdings vermeldete das Deisendorfer Blättle im Sommer 1987: "Seit ungefähr 2 Monaten wird die Deisendorfer katholische Kirchengemeinde von Pater Gregor betreut". In den Folgejahren bestätigen nicht nur die Protokolle aus dem Pfarrgemeinderat diesen Satz. Pater Gregor (Jahrgang 1941) scheint auch das naheliegende Nußdorf betreut und beide als "seine Pfarrgemeinde" bezeichnet zu haben, was wenig verwunderlich ist: Die einzigen beiden anderen Birnauer Patres gingen auf die 80 zu.

Im April 1992 heißt es in einer Seelsorger-Chronik zu Birnau und Deisendorf: "Prior Ambrosius Schaidle seit 1978 (seit 1987 wird die katholische Kirchengemeinde Deisendorf von Pater Gregor betreut)." Im Herbst traf den Pfarrgemeinderat dann plötzlich der Rückzug Gregors in die Schweiz. Eine Begründung oder einen Abschied gab es offenbar nicht. Angesichts der fünfjährigen Funktion als Gemeindeseelsorger sagte der renommierte US-Kirchenrechtler und Missbrauchsexperte Thomas P. Doyle der BZ jetzt, es sei "nahezu unmöglich", dass die Erzdiözese damals nichts davon gewusst habe.

Ordinariat: Pater hatte keinen Auftrag aus Freiburg

Die Bistums-Pressestelle teilte am Mittwoch auf Anfrage mit: "Es mag sein, dass Pater Gregor M. in seiner zweiten Phase in Birnau von 1987 bis 1992 als Seelsorger für Deisendorf wahrgenommen wurde." Dies ändere jedoch nichts daran, dass er lediglich in der Diözese und nicht für die Diözese tätig gewesen sei. Er habe dafür keinen offiziellen Auftrag durch das Ordinariat Freiburg gehabt.

Thomas P. Doyle zufolge wird ein "Gestellungsvertrag" nicht mit Individuen, sondern mit dem Orden geschlossen, der dann Priestern Aufgaben in dem ihm anvertrauten Gebiet überträgt. Jeder Priester, der in diesen Gemeinden aktiv werde, müsse aber dem Bischof gemeldet werden und brauche eine Genehmigung.

Freiburger Erzbischof in der fraglichen Zeit war Oskar Saier, verantwortlich für die Personalpolitik unter ihm sein heutiger Nachfolger Robert Zollitsch. Der damals bei den Zisterziensern zuständige Abt Kassian ist seit 2009 nicht mehr im Amt.

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