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15. Juli 2012 20:27 Uhr

Geschäftsideen

Black Forest Venture Day: Speed-Dating für Kapitalisten

Mann mit Idee sucht Mann mit Geld: Der Black Forest Venture Day in Freiburg soll Firmengründer und Investoren zusammenbringen. Dabei hat jeder sechs Minuten Zeit, seine Idee zu verkaufen.

  1. Schnell, schnell – sechs Minuten sind wenig Zeit, um eine Geschäftsidee zu erklären. Foto: Patrik Müller

FREIBURG. Heute wird gekuppelt. Die Männer hoffen auf eine Eroberung. Sie haben sich in Schale geworfen – Hemd und feine schwarze Lederschuhe wie bei einer Single-Party. Sie tragen Namensschilder wie bei einer Single-Party. Frauen sind kaum da – wie bei einer schlechten Single-Party. Nicht ganz so schlimm: Es geht um Geld, nicht um Liebe. Der Black Forest Venture Day soll Firmengründer und Investoren zusammenbringen: Mann mit Idee sucht Mann mit Geld.

Zwölf Tische stehen in der Aula der Freiburger Universität, sechs an jeder Seite. Dazwischen Stellwände. Die Männer sitzen in der Mitte des Raums, wippen mit den Füßen und schauen auf die Bühne. Dort steht Gerd Kalkbrenner, er ist Kommunikationsberater und erklärt die Spielregeln. Sechs Minuten Zeit hat jeder, sagt er, vier Minuten für die Präsentation, zwei Minuten für Nachfragen.

Die Zeit ist durchgetaktet wie beim Speed-Dating.

Dabei treffen sehr viele Männer in sehr kurzer Zeit auf sehr viele Frauen, es war einmal ein Trend in Großstädten, am Ende macht man Kreuze, wen man wiedersehen will. Wie beim zweiten Black Forest Venture Day. "Es ist wie bei einem Blind Date", sagt Kalkbrenner. "Sie können gleich auf einen Kaffee mit raufgehen. Oder sie verabreden sich erstmal noch fürs Kino." Die Investoren tragen orange Namensschilder, die Gründer grüne. Auf ein Kommando gehen alle an ihre Tische, die Balz beginnt. Stühlerücken, Händeschütteln.

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Nicht so leicht zu erklären – nicht in sechs Minuten

Sascha Lange hat erst einmal Pech. Zwölf Investoren hätten kommen sollen, nur neun sind aufgetaucht, der eine hat Probleme mit dem Auto, der andere mit der Wirbelsäule. Lange muss warten. "Ich sitze jetzt erstmal 'rum", sagt der Informatiker aus Osnabrück, den es vor einigen Jahren nach Freiburg verschlagen hat. Er trägt keine Krawatte, nur ein schwarzes Hemd zum grauen Anzug.

Er hat eine Idee und ein Problem: Sein Geschäftsmodell ist nicht so einfach zu erklären. Nicht in vier plus zwei Minuten. Es geht um ein Computerspiel mit Steinzeit-Hintergrund, die Spieler sollen Knüppelkrieger und Steinewerfer aufeinander hetzen, auch Dinosaurier. "Historisch ist das nicht ganz korrekt", sagt er und lacht. Der Clou: Die Spielkarte ist die Erde. "Die virtuelle Welt trifft die reale", sagt er, "jeder Spieler startet da, wo er wohnt. Man kann König von Freiburg werden." Wack-a-doo heißt das Spiel, der Name soll gleichzeitig modern klingen und nach Steinzeit. Eine Gratwanderung.

Intensive Vorbereitung

400.000 Euro brauchen Lange und seine Geschäftspartner von der Freiburger Firma 5D Lab. "Wir wollen organisch wachsen, aus dem Betrieb heraus", erklärt er, "hätten aber gerne Kapital für Marketing und Grafik." Das Spiel soll kostenlos sein, die Spieler können aber kleine Vorteile kaufen, für echtes Geld. "Fünf bis fünfzehn Prozent zahlen erfahrungsgemäß", sagt Lange. Das wisse man von anderen Spielen. Neben dem Spiel hat seine Firma noch eine Idee, Geld zu verdienen. Die sei viel innovativer, sagt Lange und will nicht darüber reden.

Wack-a-doo soll auf allen möglichen Geräten laufen, auf dem Computer, auf dem Smartphone, auf dem Tablet-PC, man kann es auch auf Bürorechnern spielen. "Ich sage immer: In der Mittagspause", sagt Lange und lacht wieder. Er und seine Partner haben sich intensiv auf das Speed-Dating vorbereitet, die Präsentation geübt, Ideen entwickelt und verworfen. Er weiß: Reale Welt trifft virtuelle und generiert echtes Geld – das versteht nicht jeder. Dann gongt es, Lange steht auf, geht zum nächsten Tisch.

An den Tischen sitzen sich Investoren und Gründer gegenüber. Die Investoren sind älter und das Krawattentragen gewohnt. Sie reden weniger, ihre Anzüge sitzen besser. Sie hören zu. Einer macht sich Notizen, ein anderer legt den Zeigefinger an den Mund. In vier plus zwei Minuten müssen mühevoll ausgearbeitete Präsentationen über Steinzeit-Computerspiele, intelligente Injektionsspritzen für Impfungen, Sensoren für Solarmodule ihr Ziel erreichen, sonst war alles umsonst. Vier von zwölf Gründen haben sich auf Sonnenenergie spezialisiert, vier auf Informationstechnologie.

"Geld ist kein Problem"Ein Investor beim Venture Day
Nach sechs Minuten schlägt jemand einen kleinen Gong. Die Gründer stehen auf und laufen an den nächsten Tisch, im Uhrzeigersinn geht es einmal im Kreis, den orangefarbenen Pfeilen nach. Die Investoren bleiben sitzen. Sie sind entspannt, beim echten Speed-Dating wären sie die Frauen. Sie haben die Wahl. Vorher gab es eine Vorauswahl. Die Gründer mussten ein Präsentationspapier einreichen, aus 29 Unternehmen wurden zwölf ausgesucht. Die Investoren wurden auch geprüft.

"Ein paar kennen wir, die nehmen wir natürlich unbesehen", sagt Dorothea Bergmann vom Gründerbüro der Freiburger Uni – sie und die Freiburger Wirtschaftsförderung sind Veranstalter. Unter den Investoren sind Banker, Fondsmanager, private Vermittler: Männer mit Vermögen, die noch mehr Vermögen wollen. "Geld ist kein Problem, Geld ist im Markt vorhanden", sagt einer der Investoren. Er verwaltet viel Geld und will anonym bleiben. Als Zocker sieht er sich nicht, obwohl es hier um Risikokapital geht. "Ich kenne keine Zocker", sagt er. "Denen ist das hier auch zu langweilig, solche Investments sind zu langfristig. Das hier sind alles professionelle Investoren, die ihr Geld behutsam investieren."

Nicht jeder kann überzeugen

Er hat sich 72 Minuten lang zwölf Geschäftsideen angehört, Fragen gestellt, gebohrt, nach bestehenden Patenten und Konkurrenten gefragt. Nicht jeder Gründer hat ihn überzeugt. Er geht auf die Fünfzig zu, ist lange im Geschäft, weltweit, und weiß: "Manchmal ist der Wille wichtiger als die Idee. Man muss sicher sein, dass die Leute nicht auf halber Strecke die Lust verlieren."

In sechs von zwölf Gründern, sagt er, würde er investieren. Vielleicht. "Mit denen spreche ich nochmal, sechs Minuten sind einfach zu wenig." Viele waren ihm zu unprofessionell. Er will klare Aussagen. Wer Schwächen im Geschäftsmodell und mögliche Probleme von sich aus anspricht, bekommt Pluspunkte. "Viele analysieren den Markt nicht gründlich genug", sagt er. "Der Satz ,In Deutschland gibt es so ein Produkt noch nicht’ bringt mir nichts. Wir leben in einer globalisierten Welt."

Keine Frau ist unterwegs

Der erste Black Forest Venture Day ging vor zwei Jahren über die Bühne. Damals fanden zwei von zwölf Firmen einen Investor – darunter war auch die Freiburger Firma Desostar, die sich auf die Abwehr von Vögeln spezialisiert hat und Schalldruckgeräte herstellt. Chefin Mira de Waard erzählt auf der Bühne von ihren Erfahrungen. Sie habe sich viel zu intensiv vorbereitet für den kurzen Kontakt, sagt sie, habe sich bei der Arbeit gefilmt und ihr Vogelabwehr-Gerät mitgebracht, weil Männer technische Dinge nun mal gerne in die Hand nähmen. "Ich habe gleich zwei Investoren gefunden", sagt sie. "Nach drei Monaten war alles klar, nach fünf Monaten floss das erste Geld."

Dieses Jahr teilen die Männer das Risikokapital unter sich auf. Warum keine Frauen mit grünen Gründer-Namensschildern unterwegs sind, kann Organisatorin Bergmann nicht sagen. Die Veranstalter hätten alles versucht. "Die Jury, die über die Bewerbungen entscheidet, haben wir gegendert", sagt sie, "drei Frauen, drei Männer."

Nach ein paar Stunden ist alles vorbei. Sascha Lange, der Spieleprogrammierer, ist zufrieden. "Verstanden haben unsere Idee alle", sagt er, "bei einem bin ich mir nicht ganz so sicher." Auf jeden Fall, sagt er, werde man einige der Investoren wiedersehen. Von Krisenstimmung hat er nichts gespürt. "Zurzeit legen die Leute in Gründungen an."
Risikokapital

Es gibt mehrere Möglichkeiten für Firmen, an Geld zu kommen: Kredite zum Beispiel oder der Gang an die Börse. Risikokapital (englisch: Venture Capital) ist eine andere Variante. Hier geben Investoren vor allem jungen Unternehmen finanzielle Starthilfe. Wenn es schlecht läuft, ist das Geld weg. Wenn es gut läuft, winken richtig hohe Renditen. Einige Geldgeber haben sich auf diese Art von Geschäften spezialisiert. Sie pumpen Geld in mehrere aufstrebende Firmen und kalkulieren fest ein, dass nur ein Teil davon Erfolg haben wird. Die Investoren können aber auch als "Business Angels" (wörtlich übersetzt Geschäftsengel) auftreten und die jungen Firmengründer nicht nur mit Geld, sondern auch mit Fachwissen und Erfahrung unterstützen.

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Autor: Patrik Müller