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"BlacKkKlansman": Spike Lees Satire über Rassismus in den USA

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 21. August 2018 um 22:48 Uhr

Kino

Der Regisseur Spike Lee hat aus einer aberwitzige Geschichte einen satirischen Film gemacht: Ron Stallworth, der erste schwarze Cop in Colorado Springs, infiltriert den Ku-Klux-Klan.

Man bekommt ihn fast nicht mit, den revolutionären Akt: Ein junger Mann steht vor einem Schild, auf dem geschrieben steht, dass dieses Police Department auch Minoritäten offen stehe. Einige Minuten später ist Ron Stallworth der erste Afroamerikaner im Polizeidienst von Colorado Springs: Und dass er diesen Job bekommt, ist schon ein Zeichen für die Zeit der großen gesellschaftlichen Umbrüche, die die USA und Europa vom Ende der 1960er-Jahre an erschüttern. Der Vietnamkrieg, die Black-Panther-Bewegung und im Gegenzug das Wiedererstarken des rechtsextremen Ku-Klux-Klans machen die Vereinigten Staaten zum Ort auch gewalttätiger Auseinandersetzungen. Ron Stallworth, den es tatsächlich gibt und dessen Lebensgeschichte das Material für Spike Lees Film "BlacKkKlansman" liefert, gerät als schwarzer Cop zwangläufig zwischen die Fronten.

Das erzählt der Film, der beim Festival in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, eindrücklich in einer Episode zu Beginn: Stallworth, mit beeindruckendem Stoizismus gespielt von John David Washington, dem Sohn von Denzel Washington, hat sich bei der Polizei binnen kurzer Zeit von der Arbeit im Archiv – wo er mit dem alltäglichen Bimbo-Rassismus seiner Kollegen konfrontiert wird – zum Undercoveragenten gemausert und wird als solcher zu einer Veranstaltung von schwarzen Studenten geschickt, die den Bürgerrechtler Stokey Carmichael alias Kwame Ture eingeladen haben. Er soll über das aufrührerische Potenzial der Versammlung berichten – und muss sich eine flammende Rede über schwarzes Selbstbewusstsein und schwarze Schönheit anhören, die ihn genauso ins Mark trifft wie die Studenten. Überdies lernt er bei dem Treffen die attraktive Aktivistin Patrice Dumas (Laura Harrier) kennen, die Polizisten nur als "Pigs", als "Bullen" bezeichnet. Es ist nicht nur wegen solcher Jargonbegriffe gut, dass der Film in Freiburg auch in Originalsprache mit Untertiteln gezeigt wird.

Spike Lee, der nicht eben für filigrane Figurenführung bekannt ist, hätte aus dieser Ambivalenz der Figur mehr machen können. Doch das liegt nicht in seinem Fokus – der auch hier ein politischer ist. Mit eindeutiger Stellungnahme, natürlich. Auf dem Höhepunkt der Schwarz-Weiß-Zeichnung wird ein Treffen des Ku-Klux-Klans mit der Erinnerung eines von Harry Belafonte gespielten Schwarzen an einen grausamen Lynchmord gegengeschnitten: Während die "echten, weißen Amerikaner" den Hetzstummfilm von 1915 "The Birth of a Nation" (ursprünglich "The Clansman") anschauen und sich dabei vor Freude buchstäblich auf die Schenkel klopfen, fährt ein klagendes "Ach" und "Weh" durch Belafontes Zuhörerschaft.

An Stellen wie diesen schwingt der Film den Holzhammer. Doch sie fallen nicht allzuschwer ins Gewicht. Entscheidend ist der satirische Charakter von "BlacKkKlansman", der in Ron Stallworths aberwitziger Geschichte selbst steckt.

Die USA: ein zutiefst

rassistisches Land

Einmal als Undercoveragent erprobt, schleust sich Stallworth beim örtlichen Ku-Klux-Klan ein: mit einer telefonischen Hasstirade auf Schwarze und Juden, die an Niedertracht und Primitivität nichts zu wünschen übrig lässt. Der Ortschef ist begeistert – und bald die ganze Truppe jener Männer, die von der ethnischen Säuberung Amerikas träumen. Doch wie kann ein Schwarzer den Ultraweißen persönlich begegnen? Gar nicht natürlich. Und hier beginnt ein nicht ungefährliches Spiel: Stallworths Kollege Flip Zimmerman, ein nichtgläubiger Jude, mit souveräner Coolness gespielt von Adam Driver, wird ihn bei der unsichtbaren – auch extrem antisemitischen Organisation – vertreten. Die verschiedenen Stimmen der beiden fallen den Klansmen offenbar nicht auf: Sogar ihr oberster Boss, der Saubermann David Duke (Topher Grace) brüstet sich damit, eine Nigger- von einer weißen Stimme untrüglich unterscheiden zu können – während Stallworth stumm in den Hörer feixt.

Es sind solche absurden Situationen, die für Lees Film einnehmen: Wie es einem Afroamerikaner gelingt, in die heiligen Reihen der weißen Ritter aufgenommen zu werden: Das ist ein tolldreistes Bubenstück. Und wie ausgerechnet der echte Stallworth als Bodyguard für den Clan-Boss angeheuert wird und dabei ein Polaroid schießen lässt, bei dem er Duke heiß umarmt: Das ist schon sehr komisch. Die derben Wortwechsel zwischen den Cops und die stilistischen Anleihen des Regisseurs bei Blaxploitation tun ihr Übriges, um den Film aus der latent drohenden Moralecke immer wieder herauszureißen.

Klar, jeder im Saal, auch im deutschen, versteht die Anspielung, wenn die Leute es für unmöglich halten, dass einer wie David Duke Präsident der Vereinigten Staaten werden könne. Und natürlich fällt auch unter den weißen Brüdern der Schlachtruf: "America first!" Doch eine politische Botschaft hat Spike Lee nicht zu verkünden – bis auf diese: Es hat sich unter dem neuen Präsidenten alles wieder verschlimmert. Die Vereinigten Staaten sind immer noch und mehr denn je ein zutiefst rassistisches Land. Dazu blendet der Film am Ende die dokumentarischen Aufnahmen aus Charlottesville vom August 2017 ein, wo es beim Aufmarsch von Rechtsextremen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam, bei denen eine junge Frau ihr Leben verlor.

Dieser Anbindung an die gesellschaftliche Gegenwart in den USA hätte es nicht unbedingt bedurft. Andererseits droht "BlacKkKlansman" vor dem schockierenden Finale fast wie ein Hollywood-Märchen zu enden: Ron Stallworth ist der Held des Departments: Einige Ku-Klux-Männer sind ihrer eigenen Bombe zu Opfer gefallen, während der Cop seine heimliche Geliebte Patrice in bewährtem amerikanischen Heldentum gerettet hat. Das große Verdienst von "BlacKkKlansman" ist es aber zweifellos, dass über den Rassenkonflikt aus der Perspektive der Opfer noch nie so befreit gelacht werden konnte wie hier. Spike Lee bringt geistreiche Unterhaltung und Moral auf einen Nenner. Das ist schon was.

"BlacKkKlansman" (Regie: Spike Lee) läuft ab Donnerstag in den Kinos. Ab 12.