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26. Februar 2009 13:53 Uhr

Ein Deutscher in der Schweiz

Blog: Das schöne schwere Schweizerdeutsch

An der deutsch-schweizerischen Grenze herrscht nicht immer Einigkeit – vor allem sprachlich. Jens-Rainer Wiese hat das am eigenen Leib erfahren. Der Deutsche lebt seit acht Jahren in der Schweiz. Von dort aus bloggt er regelmäßig über seine Erlebnisse.

  1. Bloggt von zu Hause aus: Jens-Rainer Wiese. Foto: Bianca Fritz

Als Jens-Rainer Wiese vor knapp acht Jahren in die Schweiz auswanderte, wusste er noch nicht, dass er nicht umzieht, sondern zügelt. Dabei hatte der heute 45-jährige Gelsenkirchener einige Jahre in Freiburg studiert und gearbeitet und war auch eine Weile nach Basel gependelt. Aber erst als er sein Hab und Gut und die Familie einpackte, um ein neues Leben in Bülach zu beginnen, wurde ihm mit einem Schlag bewusst, dass er sich auf völlig neues Terrain begab. Und um auf diesem Terrain eine Wohnung mieten zu können, musste der IT-Manager erst einmal eine Betreibungsauskunft vorlegen. "Das klang völlig Deutsch – und trotzdem hatte ich keine Ahnung was gemeint war", erinnert er sich. So ging es also los mit dem munteren Wörterlernen im neuen Land. Die Sprache hatte es dem ehemaligen Deutsch- und Französischslehrer besonders angetan. Er analysierte Wortursprünge, verglich Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch und schrieb unterhaltsame Analysen, die er per Newsletter an seine Freunde in Deutschland schickte. Erst vor dreieinhalb Jahren fasste er dann den Entschluss, auch die Öffentlichkeit an seinen Entdeckungen teilhaben zu lassen. Da hatte er bereits ausreichend Stoff gesammelt, um seinen Blog über zwei Jahre lang jeden Tag mit Texten zu bestücken.

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HÄUFIG SITZEN JOURNALISTEN AM ESSTISCH
All diese Informationen hält Jens-Rainer Wiese auf Abruf parat. Die Familie sitzt mit am Tisch – hält sich aber bewusst heraus aus der Öffentlichkeitsarbeit des Vaters. Der Blogger beantwortet die meisten Fragen schon bevor man sie gestellt hat. Er hat so oft mit Journalisten geredet, dass er einfach weiß, was diese wissen wollen. Die Page-Views seiner Homepage – knapp 1,8 Millionen seit dem ersten Beitrag - hat er vorher extra noch einmal nachgesehen. "Ich hab mir das ja auch ein wenig selbst beigebracht mit dem Journalismus", sagt er später über seine schreiberische Tätigkeit. Denn längst erscheinen seine Texte nicht mehr nur online. Er schreibt Kolumnen für Regionalzeitungen und langfristig ist auch eine Buchveröffentlichung geplant. Außerdem sitzen häufig Journalisten bei ihm am Esstisch. "Einer fängt an und plötzlich kommen sie alle", sagt Wiese. Als 2007 die das Schweizer Pendant zur Bild, der Blick, titelte "Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?" war sogar einmal ein Kamerateam von RTL Explosiv zu Gast in Bülach. "Aber das wurde nie gesendet – wahrscheinlich waren meine Aussagen nicht explosiv genug", sagt der Blogger und lacht. Dass die Schweizer ihn wirklich schlecht behandeln würden, das will er einfach nicht behaupten. "Eigentlich merkt man nur bei wichtigen Fußballturnieren, dass die Schweizer uns nicht mögen. Dann heißt es: Egal wer gewinnt, Hauptsache die Deutschen verlieren." Natürlich hat er dieses Phänomen auch schon in seinem Blog beschrieben.

50 AKTIVE KOMMENTATOREN IM BLOG
Auf dem Schreibtisch im Wieses Arbeitszimmer liegen diverse Fachbücher zur Schweizer Sprache. Mit den Werbeeinnahmen, die der fleißige Blogger mit seiner Seite macht, deckt er Ausgaben für solche Fachliteratur, seine Serverkosten und auch die Ausgaben für diverse Zeitungsabos. "Schweizer Zeitungen sind gute Quellen für Helvetismen", sagt er. Das sind Standardwörter und Redewendungen, die es nicht im Hochdeutschen, sondern nur im Schweizer Hochdeutschen gibt. Parkieren zum Beispiel. Jens-Rainer Wiese kennt hunderte von ihnen und gerät ganz verzückt ins Schwärmen: "Geben Sie doch mal 'für einmal' bei Google ein. Sie werden erstaunt sein, wie viele Ergebnisse es gibt – alle aus der Schweiz." Eigentlich verwunderlich, dass jemand, der sich mit der Schweizer Sprache besser auskennt, als viele Schweizer selbst, kein Schwyzerdytsch spricht. Jens-Rainer Wiese kommt ein bisschen ins Stolpern als er die Antwort darauf geben möchte: "Wahrscheinlich habe ich den Zeitpunkt einfach inzwischen verpasst." Da viele seiner Einträge sich mit Sprache befassen, sind auch viele der rund 50 regelmäßigen Kommentatoren echte Sprachfans – die Kommentarfunktion wird so manches mal zum Forum für echte oder selbst ernannten Experten. Und wenn es mal keinen Kommentar gibt? Wiese: "Schlimm! Ganz furchtbar für mich!" Das kommt aber bei etwa 800 Homepage-Besuchern pro Tag ohnehin nur recht selten vor.

Zum Blog: www.blogwiese.ch

Autor: Bianca Fritz