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04. Juli 2012 22:06 Uhr

Eskalation bei Zwangsräumung

Bluttat in Karlsruhe: Opfer des Geiseldramas werden obduziert

Nach dem blutigen Geiseldrama in Karlsruhe werden die Opfer obduziert. Die Ermittler erhoffen sich Einzelheiten zum Tathergang. Sie sind sich sicher: Der Täter hatte alles geplant und richtete die Geiseln regelrecht hin.

  1. Die Spurensicherung vor Ort. Foto: dpa

Es ist ein Moment, in dem das Unfassbare auf das Alltägliche trifft. Einige Meter vom Eingang des Kanalweg 115 in der Karlsruher Nordstadt entfernt hüpfen zwei Mädchen vor dem nächsten Haus auf einem Trampolin, während Dutzende Polizisten an ihnen vorbeilaufen. Eine Frau geht mit ihrem Hund Gassi, am Absperrband entlang. Ein älterer Mann blickt immer wieder zu einer Dachwohnung, bei der die Balkontür offen steht. Er habe davon im Internet erfahren und sei hergekommen, "wenn hier schon mal etwas passiert".

Etwas, das ist an diesem Mittwoch etwas ganz Schreckliches. Fünf Menschen, die am frühen Morgen noch gelebt haben, liegen inmitten von Blutlachen, erschossen, in einer Dreizimmerwohnung unter dem Dach. Eine Frau – seit diesem Mittwoch Witwe – wird bald ein Kind zur Welt bringen, das seinen Vater nicht mehr erleben wird. Und das alles wegen überfälligen Raten für eine Eigentumswohnung? Es sieht danach aus.

Freigelassene Geisel als wichtiger Zeuge

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Warum die Ermittler schon am Mittwochnachmittag weite Teile des Tathergangs sehr präzise schildern können, liegt daran, dass einer der Männer, die der Täter bei einer geplanten Zwangsräumung in seine Wohnung ließ und als Geisel nahm, fliehen durfte. Er hatte als Sozialarbeiter einen Gerichtsvollzieher begleitet.

Mittwochmorgen, acht Uhr. Der Vollzugsbeamte klingelt mit einem Mitarbeiter eines Schlüsseldienstes an der Wohnung. Diese hatte der Partnerin des 53-Jährigen gehört, bevor sie Ende April wegen Zahlungsrückständen zwangsversteigert wurde. Der Sozialarbeiter begleitet den Gerichtsvollzieher, wie in Karlsruhe gängig, um der Frau zur Seite zu stehen. Angedacht war, sie in einer Notunterkunft unterzubringen, unten wartet der Möbelwagen.

Der Mann lässt die Männer hinein; sagt, seine Frau liege krank im Bett. Minuten später klingelt der neue Inhaber und kommt hinzu. Als sich die Eingelassenen weigern, sich zu setzen, holt der 53-Jährige eine Pistole und schießt dem Gerichtsvollzieher in den Oberschenkel.

Den Schlosser zwingt er, die anderen beiden zu fesseln. Als der jedoch versucht, dem Täter die Waffe zu entreißen, schießt er mehrmals auf den Schlosser, der schwerverletzt stürzt. Der Täter, immer wieder in der Küche Bier und Zigaretten holend, lässt den Sozialarbeiter mit den Worten frei: "Schau mich an, wie bewaffnet ich bin." Und zeigt auf zwei Gewehre, zwei Pistolen, eine Handgranaten-(Attrappe) und viel Munition. Für die Polizei später ein Indiz, dass er eine "ausdauernde Geiselnahme" beabsichtige.

Beim Verlassen des Mehrfamilienhauses hört der Sozialarbeiter jedoch fünf weitere Schüsse. Er ruft die Polizei, die mehrere Gebäude, darunter Häuser in dem Wohnviertel des ehemaligen US-Armee-Geländes, evakuiert und Schulen sperrt. Es ist jetzt kurz vor neun. Spezialeinsatzkräfte, Polizei und Experten – rund 200 Kräfte sind im Einsatz – versuchen vergeblich, Kontakt zum Täter aufzunehmen. Leben die Geiseln noch?

Kurz vor zwölf riecht es nach Rauch. Ein Spezialeinsatzkommando stürmt die Wohnung, in welcher der Täter den Teppichboden angezündet hat. Die Beamten finden vier Leichen. Der Schlosser (33), dessen Frau das Kind erwartet, liegt tot vor der Couch. Auf ihr – gefesselt und mit Kopfschüssen getötet – der Gerichtsvollzieher (47) und der neue Inhaber der Wohnung (49). Der Geiselnehmer hat sich im Schlafzimmer in den Kopf geschossen. Seine Partnerin liegt tot auf dem Bett. Brustschuss.

Obduktion soll Tathergang klären

Ob sie bereits länger tot war, wird wohl die Obduktion an diesem Donnerstag in Heidelberg klären können. Alle Opfer des Geiselnehmers stammen aus dem Raum Karlsruhe. "Es war eine regelrechte Hinrichtung", so der Leitende Oberstaatsanwalt Gunter Spitz.

Konnte jemand ahnen, dass diese Zwangsräumung schrecklich enden könnte? Offenbar nicht. Der 53-Jährige, der teilweise im Elsass lebte, war laut Polizeidirektor Roland Lay "ein relativ unbeschriebenes Blatt". Vor knapp zehn Jahren war er mal wegen Ladendiebstahls verurteilt. Woher er die vier Schusswaffen hatte, ist noch unklar. Bei den zuständigen Behörden gibt es keine Einträge.

Der Deutsche Gerichtsvollzieherbund mahnte am Mittwoch eine stärkere Unterstützung der Beamten an. Immer wieder werde es bei Zwangsräumungen gefährlich. Eine war am Mittwoch für fünf Menschen tödlich.

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Autor: Martina Philipp