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16. Mai 2009

Böhmisches zum Sonntag

Jaromir Konecny und Michal Müller gastierten zur Finissage im Georg-Scholz-Haus

  1. Jaromir Konecny im Georg-Scholz-Haus Foto: Frank Berno Timm

WALDKIRCH. Michal Müller macht die Augen zu, wenn er spielt. Mit dem rechten Daumen zupft er die fünf Melodie-, mit den anderen die Akkordsaiten seiner Zither. Mit der linken greift er Melodien und Akkorde. Mal singt der Varnsdorfer mit einem klangschönen, auch ganz schön kräftigen Bariton: das Tschechisch klingt fremd und exotisch. Von fern erinnert Michals Musik ein wenig an Andreas Vollenweider – aber was der Tscheche macht, ist etwas Eigenes, Besonderes.

Indem er sich in der Volksliedtradition seiner Heimat bedient, folgt er großen Namen der Romantik. Dazu gibt es ein wenig Großstadt-Melancholie. Fest steht: Müllers Musik hat überhaupt nichts mit angestaubter Stubenmusi-Gemütlichkeit zu tun, mit der sein Instrument ja gewöhnlich assoziiert wird. Eine tolle Entdeckung!

Jaromir Konecny ist aus etwas anderem Holz geschnitzt. Der Slampoetry-Künstler hat das Lesepult der Veranstalter auf die Seite gestellt und einen einfachen Notenständer aufgebaut. Mit unüberhörbarer Lust an der Selbstironie präsentiert der Tscheche an diesem Vormittag ein neu übersetztes Schwejk-Kapitel, einen Text von Bohumir Hrabal, einen von Jaroslav Hasek und eine eigene Geschichte. Die böhmische Art, sich selbst auf die Schippe zu nehmen, hat etwas Sympathisches; und das speziell akzentuierte Deutsch, verbunden mit dem manchmal etwas grobzeichnenden Slampoetry-Stil, ist ziemlich außergewöhnlich. Am liebsten erzählt Konecny übrigens ziemlich gute Witze, die er zwischen seine Texte streut.

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Dass die Geschichte, wie Schwejk aus der Irrenanstalt geworfen wurde, auch als Spiegel in die heutige Zeit passt, versteht sich von selbst. Die Irrenanstalt sei der einzige Ort, wo man alles tun dürfe und niemand daran Anstoß nehme – am Ende fliegt der "amtlich als notorisch blöd Anerkannte" aus der Anstalt. Schwejk beschwert sich so heftig darüber, dass er ohne Mittag entlassen wurde, dass er gleich wieder auf dem nächsten Kommissariat landet. Konecny übersetzt neu, weil die bisherige deutsche Fassung entschärft sei, wie er berichtet.

Nicht weniger treffend, wenn auch in den Stilmitteln etwas härter, ist Hrabals Geschichte "Allzu laute Einsamkeit", die ein ziemlich bitteres Bild davon zeichnet, wie große Träume von Liebe und Reichtum enden können. Jaroslav Haseks "Die Verlobung in unserer Familie" und Konecnys eigener Text, in dem Peppino von einem Fallschirm fliegenden Hamster erzählt, sind im Kern beide bitterböse Porträts einer ziemlich maroden Bürgerlichkeit. Info: Als nächstes stellt der in Riegel lebende Fotograf Telemach Wiesinger im Georg-Scholz-Haus aus (14. Juni bis 26. Juli 2009).

Autor: Frank Berno Timm